Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Thomas Lampert

Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken

Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt und verfügt über umfassende Systeme der sozialen Sicherung und der medizinischen Versorgung. Gleichzeitig sind, wie in vielen anderen Ländern, erhebliche Ungleichheiten der Lebensbedingungen und sozialen Teilhabechancen festzustellen, die in den vergangenen Jahren zum Teil noch zugenommen haben. Zu verweisen ist unter anderem auf das hohe, in bestimmten Bevölkerungsgruppen und Regionen steigende Armutsrisiko, die fortschreitende Konzentration des Privatvermögens und die Zunahme überschuldeter Haushalte. Ebenso zu beachten ist der nach wie vor stark ausgeprägte Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Bildungschancen sowie die verstärkte Zuwanderung von Menschen aus ökonomisch benachteiligten Ländern, durch die sich in jüngster Zeit zusätzliche Herausforderungen für den Sozialstaat ergeben haben.[1]

Diese sozialen Ungleichheiten spiegeln sich auch in der Gesundheit und Lebenserwartung der Bevölkerung wider. Mittlerweile zeigt eine große Zahl an Studien, dass Menschen mit niedrigem sozialen Status, gemessen zumeist über Einkommen, Bildungsniveau und berufliche Stellung,[2] vermehrt von chronischen Krankheiten und Beschwerden betroffen sind, ihre eigene Gesundheit und gesundheitsbezogene Lebensqualität schlechter einschätzen und ein erhöhtes vorzeitiges Sterberisiko haben. Diese gesundheitlichen Ungleichheiten sind nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder, für die aussagekräftige Daten vorliegen, belegt.[3]

Welche politische Bedeutung den sozialen Unterschieden in der Gesundheit und Lebenserwartung beigemessen wird, lässt sich daran ersehen, dass sowohl die Europäische Kommission[4] als auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheiten, und zwar sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb der einzelnen Länder, als ein vorrangiges Ziel definiert. In einem Bericht der WHO-Expertenkommission "Social Determinants of Health" hieß es dazu bereits im Jahr 2006: "Die Entwicklung einer Gesellschaft kann an der Gesundheit ihrer Bevölkerung gemessen werden. Dabei ist auch zu berücksichtigen, wie gerecht die Gesundheitschancen verteilt sind und welche Vorkehrungen zum Schutz vor Nachteilen, die aus einem schlechten Gesundheitszustand resultieren, getroffen werden."[5]

Im Folgenden wird zunächst für Deutschland das Ausmaß und Erscheinungsbild der sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung beschrieben. Anschließend werden verschiedene Erklärungsansätze dargestellt und auf die Ausprägung der gesundheitlichen Ungleichheiten über den Lebensverlauf sowie auf zeitliche Entwicklungen und Trends der vergangenen 20 bis 30 Jahre eingegangen. Zum Abschluss wird unter Berücksichtigung nationaler und internationaler Erfahrungen diskutiert, wie gesundheitliche Ungleichheiten verringert werden können.

Fußnoten

1.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg.), Datenreport 2016, Bonn 2016; Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Lebenslagen in Deutschland. Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2017.
2.
Der soziale Status wird mit einem Index gemessen, der aus allen drei Variablen berechnet wird. Siehe auch Thomas Lampert/Lars E. Kroll, Messung des sozioökonomischen Status in sozialepidemiologischen Studien, in: Matthias Richter/Klaus Hurrelmann (Hrsg.), Gesundheitliche Ungleichheit, Wiesbaden 20092, S. 309–334.
3.
Vgl. Johan Mackenbach, Health Inequalities: Europe in Profile. An Independent Expert Report Commissioned by the UK Presidency of the EU, London 2006; Europäische Kommission (KOM) (Hrsg.), Health Inequalities in the EU. Final Report of a Consortium, Luxemburg 2013.
4.
Vgl. KOM, Reducing Health Inequalities in the European Union, Luxemburg 2010.
5.
WHO-Expertenkommission "Social Determinants of Health", Achieving Health Equity: From Root Causes to Fair Outcomes, Genf 2007, S. 1; eigene Übersetzung.
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Autor: Thomas Lampert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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