Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Vera Regitz-Zagrosek

Gesundheit, Krankheit und Geschlecht

Frauen und Männer werden unterschiedlich krank. An Rheuma, Depression, Schilddrüsenerkrankungen und Osteoporose leiden vor allem Frauen. Am Herzinfarkt vor 60 Jahren sterben überwiegend Männer, und auch der plötzliche Herztod bei Sportlern trifft fast immer die Männer. Weniger bekannt ist, dass stressinduzierte Herzerkrankungen ebenso tödlich wie ein Herzinfarkt sein können und zu 90 Prozent die Frauen treffen. Mit diesen Unterschieden beschäftigen sich Gendermediziner:[1] Wir wollen herausfinden, welche biologischen und psychosozialen Mechanismen Frauen und Männer schützen oder ihnen schaden. Wir untersuchen, wieso Frauen und Männer auf Medikamente und Umweltfaktoren unterschiedlich reagieren und krank werden, worin die Unterschiede bestehen und was das für ihre Erkrankungen und die Behandlung bedeutet. Nur dann kann man für beide Geschlechter die bestmögliche Diagnose und Therapie finden und dazu beitragen, dass beide gesund älter werden können. Welche Aspekte Gendermediziner und -medizinerinnen dabei untersuchen, wird in diesem Artikel am Beispiel koronarer Herzerkrankungen (KHE) und insbesondere des Projekts "Gender-Specific Mechanisms in Coronary Artery Disease in Europe" (GenCAD)[2] vorgestellt.

Geschlechterunterschiede bei Herzerkrankungen

Herzinfarkt ist nicht gleich Herzinfarkt – es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ich erinnere mich an eine junge Frau, knapp 40 Jahre alt, der es bei ihrer Arbeit am Freitagnachmittag plötzlich nicht mehr gut ging; sie hatte Übelkeit, Schwäche, auch Bauch- und Brustschmerzen. Sie rief nicht um Hilfe, sondern zog sich auf die Toilette zurück. Sie versuchte, weiter zu arbeiten, es ging nicht, sie erntete Ärger mit Chef und Kolleginnen und ging schließlich nach Hause. In der folgenden Woche ging sie zum Hausarzt. Der äußerte den Verdacht auf eine Magenverstimmung und verschrieb ihr Medikamente. Sie versuchte, in der Woche darauf wieder zu arbeiten, aber es wurde nicht besser. Sie ging in die Notaufnahme eines Krankenhauses, wurde von dort aber als gesund nach Hause geschickt. Sie versuchte trotz starker Müdigkeit, Übelkeit und Schwäche, in den nachfolgenden Wochen wieder zu arbeiten. Als es ihr nach einigen Wochen akut wieder sehr schlecht ging, suchte sie Hilfe in der nächsten Apotheke. Dort wurde ein extrem erhöhter Blutdruck gemessen und sie wurde in ein anderes Krankenhaus geschickt. Nach einigen Tagen wurde ein abgelaufener Herzinfarkt diagnostiziert.

Was ist hier anders als bei einem Mann? Zum einen waren die Beschwerden etwas anders, als sie in den männerbasierten Lehrbüchern stehen. Im Vordergrund standen für die Frau Schwäche und Übelkeit, erst danach kamen Bauch- und die bekannten Brustschmerzen. Zum anderen reagierte ihr Umfeld und auch sie selbst anders: Bei einem Mann im Alter von 60 Jahren wäre sofort der Verdacht auf einen Herzinfarkt entstanden. Auch sie selbst dachte daran nicht, auch nicht der Hausarzt oder die Notfallmediziner*innen im ersten Krankenhaus.

Im Rahmen des von der Europäischen Kommission geförderten GenCAD-Projektes hatten wir kürzlich die Gelegenheit, das Wissen über Geschlechterunterschiede bei Herzerkrankungen systematisch zu untersuchen. Dabei sollten Herzerkrankungen und insbesondere KHE als ein Beispiel für zahlreiche Erkrankungen dienen, bei denen es Geschlechterunterschiede gibt.

Wir haben zu diesem Zweck mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eine Datenbank angelegt, die vom Institut für Gender in der Medizin an der Charité Berlin weiterbetrieben wird.[3] Sie enthält mittlerweile dank automatischer Aktualisierungen fast 300000 Literaturstellen zu Geschlechterunterschieden bei wichtigen Erkrankungen und ist damit die erste existierende komplette Sammlung. Sie beschleunigt die Suche nach Literatur zu Geschlechterunterschieden sehr, da alle in ihr enthaltenen Referenzen bereits in Bezug auf das Forschungsziel Geschlechterunterschiede validiert wurden.

Wissen
Insgesamt wurden zu KHE über 1.000 Artikel ausgewertet, die sich in den Bereichen Epidemiologie, Risikofaktoren, Prävention, Krankheitsmechanismen, klinische Symptome, Diagnose, Management und Verlauf mit Geschlechterunterschieden beschäftigen.[4] Wir fanden enorme Geschlechterunterschiede in der Krankheitsmanifestation – zehn Jahre früher bei Männern als bei Frauen – und bei den Risikofaktoren. So zeigte sich, dass Diabetes ein schwerwiegenderer Risikofaktor bei Frauen als bei Männern ist. Ebenfalls tauchten neue Risikofaktoren auf, etwa rheumatische und Autoimmunerkrankungen. Ein unterschätzter und wenig bekannter Risikofaktor bei Männern ist erektile Dysfunktion, Schwangerschaftskomplikationen sind es bei Frauen. Herzerkrankungen beginnen schon im Uterus, verursacht unter anderem durch Fehlernährung in der Schwangerschaft, durch Stress, Fehlverhalten und schädliche Umwelteinflüsse und beeinflussen männliche und weibliche Feten unterschiedlich. Periphere Gefäßerkrankungen werden bei Frauen und Männern unterschätzt und spielen vor allem bei Frauen eine große Rolle in der Beeinträchtigung der Lebensqualität. Ziele in der Sekundärprävention werden bei Frauen seltener erreicht als bei Männern. Sozioökonomische Faktoren spielen eine zunehmend größere Rolle.

Fußnoten

1.
Für weitere Informationen siehe Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e.V., http://www.dgesgm.de«.
2.
Vgl. Europäische Kommission, Pilot Projects Funded by the European Parliament, https://ec.europa.eu/health/social_determinants/projects/ep_funded_projects_en#fragment3«.
3.
Siehe http://gendermeddb.charite.de/«.
4.
Vgl. Europäische Kommission (Anm. 2). Die Ergebnisse sind dort in Factsheets dargestellt.
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Autor: Vera Regitz-Zagrosek für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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