Jean-Martin Charcot, ein französischer Pathologe und Neurologe, demonstriert an der Salpêtrière die hysterische Patientin Blanche Wittman in hypnotisiertem Zustand. Gemälde von André Brouillet, 1887

8.6.2018 | Von:
Thomas Gerlinger

Baustelle Gesundheitssystem. Aktuelle Herausforderungen in der Gesundheitspolitik – Essay

Dem deutschen Gesundheitswesen wird gemeinhin ein sehr guter Zustand attestiert. Die Arzt-, Krankenhaus- und Bettendichte ist hoch, die Ausstattung mit medizinisch-technischen Geräten findet weltweit kaum ihresgleichen, (fast) die ganze Bevölkerung genießt einen Krankenversicherungsschutz, der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung ist so umfassend wie in kaum einem anderen Land. Außerdem bescheren Beschäftigungszuwachs und Lohnerhöhungen den Krankenkassen hohe Einnahmen, sodass selbst der sonst allgegenwärtige Ruf nach Kostendämpfung zuletzt nur noch gelegentlich, und dann auch nicht sonderlich stark, zu vernehmen war.

Zugleich steht das deutsche Gesundheitswesen auf unterschiedlichen Feldern vor zahlreichen, großen Herausforderungen. In diesem Beitrag werden drei zentrale in den Mittelpunkt gerückt: die Aufwertung von Prävention und Gesundheitsförderung bei gleichzeitiger Reduzierung der sozialen Ungleichheit von Gesundheitschancen; die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung bei einem gleichzeitig wachsenden Bedarf an Fachkräften; die erforderliche Überwindung der traditionellen Trennung von gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV).

Prävention, Gesundheitsförderung und soziale Ungleichheit

Prävention und Gesundheitsförderung haben in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Dabei wird zwischen Primär-, Sekundär-, und Tertiärprävention unterschieden. Primärprävention versucht, die Ursachen von Krankheiten zu bekämpfen, bevor sie ausbrechen, wohingegen Sekundärprävention darauf zielt, Krankheiten möglichst früh zu erkennen und ihr Fortschreiten zu vermeiden beziehungsweise so lange wie möglich hinauszuschieben. Tertiärprävention versucht, Folgeschäden zu verhindern.

Die Ursachen für diesen Bedeutungszuwachs sind unterschiedlich.[1] Von besonderer Bedeutung ist die Einsicht, dass die Interventionsmöglichkeiten der modernen Medizin zwar wachsen, aber nach eingetretenen chronischen Erkrankungen in vielen Fällen begrenzt und zudem recht kostspielig sind. Mit einer Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung will die Gesundheitspolitik aber nicht nur Beitragszahler – nicht zuletzt auch die Arbeitgeber – und öffentliche Haushalte von Kosten entlasten. Es geht ihr auch darum, Gesundheit als Produktivitätsressource angesichts einer alternden Bevölkerung und eines sich in vielen Bereichen abzeichnenden oder schon eingetretenen Fachkräftemangels zu stärken. Prävention und Gesundheitsförderung sollen dazu beitragen, die wachsende Gefahr von Fehlzeiten wegen Arbeitsunfähigkeit einzudämmen und Arbeitnehmer dazu zu befähigen, auch bis zur Rentenaltersgrenze von 67 und möglicherweise darüber hinaus noch arbeiten und nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben ehrenamtlich tätig werden zu können, etwa um Aufgaben in der Altenpflege zu übernehmen.[2] Prävention und Gesundheitsförderung liegt also ein starkes ökonomisches Motiv zugrunde, auch wenn sie sich nicht darauf beschränken lassen.

Ungeachtet der gestiegenen Aufmerksamkeit ist die Präventionspolitik in Deutschland aber durch gravierende Mängel gekennzeichnet. Insgesamt haben Primärprävention und Gesundheitsförderung, gemessen an ihren Potenzialen, ein viel zu geringes Gewicht. Stattdessen dominieren wenig effektive Versuche der Verhaltensprävention, die nur das individuelle Verhalten beeinflussen, während komplexe lebensweltbezogene und partizipativ gestaltete Projekte, die eine gesundheitsgerechte Gestaltung von Lebensverhältnissen und Arbeitsbedingungen verfolgen und dabei insbesondere die Lebenssituation benachteiligter Gruppen verbessern und ihre Handlungsressourcen stärken wollen, nur eine geringe Rolle spielen.

Kampagnen zur Verhaltensprävention mit den Schwerpunkten Rauchen, Ernährung und Bewegung haben in den zurückliegenden Jahren einen erheblichen Bedeutungszuwachs erfahren. Zahlreiche der mit der Erwerbsarbeit einhergehenden Gesundheitsgefahren, wie prekäre Beschäftigung (Leiharbeit, befristete Beschäftigung etc.), die Dauer und Lage der Arbeitszeiten, die deutlich voranschreitende Arbeitsverdichtung mit ihren vielfältigen psychischen und somatischen Folgen (zum Beispiel Stress, Burn-out und damit assoziierte psychische und psychosomatische Erkrankungen) finden hingegen nicht die erforderliche Aufmerksamkeit. Auch die Nachlässigkeit, mit der politische Entscheidungsträger auf die verkehrsinduzierte Feinstaubbelastung reagieren, ist ein Hinweis darauf, dass die Bereitschaft zur Schaffung gesundheitsgerechter Lebensverhältnisse bei Weitem nicht so groß ist, wie es die Gefährdung der Gesundheit durch diese Belastungen verlangen würde. Auch bleibt die Aufmerksamkeit für die soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen nach wie vor deutlich hinter der gesellschaftlichen Bedeutung des Problems zurück.[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Rolf Rosenbrock/Thomas Gerlinger, Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung, Bern 20143, S. 83ff.
2.
Vgl. z.B. Stephan Lessenich/Silke van Dyk, Ambivalenzen der (De-)Aktivierung: Altwerden im flexiblen Kapitalismus, in: Hans-Böckler-Stiftung, WSI-Mitteilungen 10/2009, S. 540–546, hier S. 541.
3.
Vgl. Joseph Kuhn, Prävention in Deutschland – eine Sisyphosgeschichte, in: Gesundheit und Gesellschaft – Wissenschaft 3/2013, S. 22–30, hier S. 25. Siehe auch den Beitrag von Thomas Lampert in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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Autor: Thomas Gerlinger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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