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22.5.2002 | Von:
Iris Eisenbürger
Waldemar Vogelgesang

"Ich muss mein Leben selber meistern!"

Jugend im Stadt-Land-Vergleich

Individualisierungsprozesse rücken angesichts zunehmender Wahlfreiheiten das individuelle Tun und die Eigenverantwortung ins Zentrum der Daseinsgestaltung. Diese Entwicklung hat für die heutigen Jugendlichen weitreichende Konsequenzen.

I. Einleitung

"Die Jugend ist der modernen Gesellschaft liebstes Kind - deshalb immer für Schreckensmeldungen gut: Mal folgt sie, in ihrem Idealismus, staatlich verordneten Irrlehren wie Nationalismus oder Sozialismus; mal rebelliert sie, wie die 68er, gegen staatliche Autoritäten. Dazwischen gilt sie als skeptische, danach als ,Null-Bock'-Generation. Gestern wollte sie aussteigen, heute erstrebt sie nichts mehr als Ausbildungsplätze, Markenartikel und Statussymbole. Kann man sich nicht mehr über ihren politischen Eifer ereifern, folgt die Klage über ihre Apathie, oder ihre Gewalt, oder ihre Drogensucht. Gerade noch wurde die Jugend gefürchtet, heute wird sie bemitleidet, für morgen ist der ,Krieg der Generationen' angesagt." [1]

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  • Dieser Einschätzung ist weitestgehend zuzustimmen. Denn von Jugend wird auch in der Gegenwart vorrangig gesprochen unter dem Aspekt des Risikos, das sie darstellt, der Probleme, die sie macht, oder - nicht zu vergessen - des Profits, den man mit ihr machen kann. Vor allem als Marketinggröße wird heftigst um sie gebuhlt, bildet sie doch eine wichtige Konsumentengruppe mit einem beachtlichen finanziellen Volumen (bis zu 40 Mrd. DM pro Jahr).


    Unser Anliegen war und ist es jedoch, die Jugend unter einer Normalitäts- und Alltagsperspektive zu charakterisieren - dies möglichst facettenreich und authentisch sowie in städtischen und ländlichen Umgebungen gleichermaßen. Intendiert ist eine Art von Lebensweltporträtierung in Abhängigkeit von der räumlichen Umgebung und den damit einhergehenden unterschiedlichen strukturellen Vorgaben für die Jugendlichen. Haben sich ihre Lebensverhältnisse durch Massenmedien, Massenkonsum und Massenmobilität einander angeglichen? Oder bedingt die Andersartigkeit ihrer Umwelt, ablesbar etwa an der Bevölkerungsdichte, der Bildungsinfrastruktur oder den verschiedenen kulturellen und freizeitlichen Angeboten, nicht doch unterschiedliche Lebensstile und Lebenslagen? Leben Stadt- und Landjugendliche heute in parallelen oder parzellierten Welten?

    Eine Repräsentativbefragung von 14- bis 25-jährigen Jugendlichen lieferte die empirische Datenbasis. [2] Ergänzt um eine große Zahl von qualitativen Interviews und teilnehmenden Beobachtungen und im Rückgriff auf frühere Untersuchungen, [3] sollten des Weiteren möglichst alltagsnah Wandlungsprozesse in ihrer Lebenswirklichkeit sichtbar gemacht werden. Allerdings hatten die Vorgängerstudien, die einen Zeitraum von fünfzehn Jahren abdecken, unterschiedliche thematische Schwerpunkte, sodass die Zeitdimension nicht durchgehend in der Analyse berücksichtigt werden konnte. Wo dies jedoch möglich war, lassen sich sowohl tief greifende Veränderungen (etwa in der Einstellung zu Kirche und Religion) als auch zeitinvariante Muster und Orientierungen (z. B. bei bestimmten Freizeitformen und Werthaltungen) nachweisen.

    Fußnoten

    1.
    Karl-Otto Hondrich, Jugend - eine gesellschaftliche Minderheit, in: Diskurs, (1999) 1, S. 79.
    2.
    Durchgeführt wurde die Untersuchung zwischen 1999 und 2001 in der Stadt Trier und im Umland (Eifel, Hunsrück). Eine umfassende Darstellung der Ergebnisse findet sich in: Waldemar Vogelgesang, "Meine Zukunft bin ich!" Alltag und Lebensplanung von Jugendlichen, Frankfurt/M. - New York 2001.
    3.
    Bei den Vergleichsstudien handelt es sich um die Untersuchung "Jugend und neue Medien" (1985), in der Jugendliche aus dem Trierer Stadtgebiet schwerpunktmäßig nach medialen Mustern ihres Freizeitverhaltens befragt wurden (Alter: 11-25 Jahre, n = 550), und um die "Umfrage zur Situation der Jugend und der Jugendarbeit in der Region Westeifel" (1991), die auf eine Initiative der regionalen Jugendpastoralkonferenz zurückgeht (Alter: 12-19 Jahre, n = 837).