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22.5.2002 | Von:
Renate Kreile

Die Taliban und die Frauenfrage

Eine historisch strukturelle Perspektive

Die soziostrukturellen und politischen Faktoren haben die Geschlechterpolitik der Taliban wesentlich bestimmt. Ob sich hieraus in der Post-Taliban-Ära weitreichende Veränderungen ergeben, wird sich erst noch zeigen.

I. Einleitung

Für viele Menschen im ländlichen Afghanistan, die fernab der Städte und großen Verbindungsstraßen nur über Radio mit der Außenwelt verbunden sind, bedeutete nicht nur die Nachricht vom Einmarsch der Truppen der Nordallianz in Kabul eine unerwartete Erschütterung. "Erstmals seit fünf Jahren war es zudem eine weibliche Stimme, die über den Äther zu ihnen drang. Am Dienstagmorgen brach die Deklamation von Koran-Suren, die im Taliban-Radio Bakhtar jeweils mit Nachrichten über den Krieg abwechselt, jäh ab. Es war unerhört. Ein bekannter afghanischer Sänger sang ein früher populäres Lied, und dann meldete eine Frauenstimme, dass Kabul befreit sei." [1]

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  • Fünf Jahre zuvor im November 1996 hatten die Taliban, unmittelbar nachdem sie die Hauptstadt erobert hatten, im Namen des angeblich "wahren Islam" die Frauen brutal aus dem öffentlichen Raum verbannt, ihren Ausschluss von Bildung und Beruf verfügt und das Tragen des Ganzkörperschleiers, der burqa, erzwungen. Im November 2001 verkündeten Sprecher der siegreichen Nordallianz nach ihrem Einmarsch in Kabul, dass Frauen wieder arbeiten und Mädchen wieder zur Schule gehen dürften ,im Einklang mit den Lehren des Islam und den ehrenwerten Traditionen Afghanistans". Auch der "burqa-Zwang" und das Verbot für Frauen, sich ohne Begleitung eines männlichen Familienmitglieds in der Öffentlichkeit aufzuhalten, wurden aufgehoben.

    Wenngleich auch in den traditionell zum Machtbereich der Nordallianz gehörenden Gebieten die Regeln der Geschlechtertrennung und der Verschleierung gesellschaftlich weithin praktiziert werden, wird die Aufhebung der frauenpolitischen Zwangsmaßnahmen von zahlreichen Frauen insbesondere in den großen Städten zweifellos als erleichternd und befreiend erlebt. Für die Nordallianz stellte die Rücknahme der extrem restriktiven Maßnahmen der Taliban gegenüber den Frauen einen wichtigen Grundpfeiler ihrer Legitimation gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft dar. Nicht wenige Menschen in Afghanistan hegen allerdings Befürchtungen, dass die Rückkehr der früheren Machthaber in die Hauptstadt zu einer Neuauflage der mörderischen Machtkämpfe, Menschenrechtsverletzungen und brutalen Übergriffen gegenüber Frauen aus den Jahren 1992 - 1996 führen könnte.

    Ob längerfristig eher die Hoffnungen oder die Befürchtungen berechtigt sein mögen, die sich frauenpolitisch an die neuen politischen Verhältnisse knüpfen, bleibt abzuwarten. Unübersehbar zumindest steht heute wie schon mehrfach in der Geschichte Afghanistans die Frauenfrage im Zentrum ideologischer Diskurse und machtpolitischer Auseinandersetzungen, in die interne und externe Akteure mit je spezifischen und höchst heterogenen Interessenlagen verwickelt sind.

    Neben ihrer Gastgeberrolle für Usama Bin Laden und sein Al-Qaida-Netzwerk war es vor allem die Geschlechterpolitik der Taliban, die ihnen flammende Empörung aus der internationalen Staatengemeinschaft wie auch der internationalen Zivilgesellschaft eingetragen und sie weltweit isoliert hat.

    In den Medien und in Teilen der wissenschaftlichen Literatur werden - wahlweise oder kombiniert, deskriptiv oder verkürzt - "der Islam" als Religion oder politische Ideologie, die soziokulturelle Beständigkeit und Traditionalität der afghanischen Gesellschaft sowie ein besonders ausgeprägter männlicher Chauvinismus - festgefügt wie die Gebirgsketten des Hindukusch [2] - für die geschlechterpolitische Dynamik in Afghanistan verantwortlich gemacht. Demgegenüber möchte ich im Folgenden die unter der Oberfläche wirkenden komplexen soziostrukturellen und politischen Bedingungsfaktoren wie auch die Interessenlagen verschiedener sozialer und politischer Akteure näher beleuchten, welche die spezifische wechselvolle Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse in der neueren Entwicklung Afghanistans bis hin zu den Taliban wesentlich bestimmt haben und die auch in einer Post-Taliban-Ära weiterhin wirksam sein mögen.

    Bei meinen Überlegungen gehe ich davon aus, dass in Afghanistan wie in anderen Staaten des Mittleren Ostens der Geschlechterpolitik, dem "Kampf um die Frauen", eine historische Schlüsselfunktion in den machtpolitischen Auseinandersetzungen zwischen dem um nation-building bemühten Staat und den primären familiären, tribalen und religiösen Gemeinschaften zukommt, die weithin als soziopolitische Konkurrenzorganisationen agieren. Mit der Zentralisierung des Rechts und einer einheitlichen Reglementierung der Geschlechterverhältnisse versucht der Staat in Bereiche einzugreifen, die zuvor der ausschließlichen Kontrolle durch die primären Gemeinschaften unterworfen waren, und so seinen hegemonialen Machtanspruch durchzusetzen. Für die primären Solidargemeinschaften hingegen vermag die Kontrolle über "ihre" Frauen, die Identität und Integrität der Gemeinschaften symbolisieren, zum zentralen Ausdruck des Widerstandes gegenüber einem als "fremd" und autoritär wahrgenommenen Staat zu werden. [3]

    Externe Einflussnahmen etwa durch Kolonialismus oder "McWorld-Globalisierung" [4] haben im Orient strukturell analoge Abwehrmechanismen hervorgerufen. Dementsprechend sind auch die Versuche der internationalen Staatengemeinschaft, bei dem Talibanregime zugunsten der Rechte der Frauen politisch zu intervenieren, rigoros blockiert worden. Der diesbezügliche Druck aus dem Westen vertiefte die Überzeugungen der Taliban, dass die "Moral" der Frauen und damit die Integrität der islamischen Gemeinschaft durch äußere Kräfte in Gefahr wäre. [5]

    Im Folgenden sollen nun zunächst in historischer Perspektive die zweimaligen ideologisch je unterschiedlich legitimierten Versuche der afghanischen Staatsmacht skizziert werden, mittels Geschlechterpolitik direkt in die sozialen Strukturen der primären Solidargemeinschaften zu intervenieren. Daran anschließend wird nach den spezifischen sozialen und politischen Bestimmungsfaktoren für die Geschlechterpolitik der Taliban gefragt, die in einem dritten Anlauf begonnen hatten, eine zentralstaatliche Hegemonie über die Gesellschaft mittels einer rigorosen Kontrolle über die Frauen durchzusetzen.

    Fußnoten

    1.
    Neue Zürcher Zeitung vom 15. 11. 2001.
    2.
    Vgl. Valentine M. Moghadam, Revolution, Islamist Reaction, and Women in Afghanistan, in: Mary Ann Tétreault (Hrsg.), Women and Revolution in Africa, Asia, and the New World, Columbia 1994, S. 223.
    3.
    Zu konzeptionellen Überlegungen im Hinblick auf die Herausbildung des modernen Staates und die Frauenfrage im Orient vgl. ausführlich Renate Kreile, Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, Pfaffenweiler 1997, S. 256 ff.
    4.
    Vgl. Benjamin R. Barber, Dschihad versus Mc World, in: Lettre International, (1997) 36.
    5.
    Vgl. Nancy Hatch Dupree, Afghan women under the Taliban, in: William Maley (Hrsg.), Fundamentalism Reborn? Afghanistan and the Taliban, New York 1998, S. 159.