Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Werner Abelshauser

Wunder gibt es immer wieder. Mythos Wirtschaftswunder

Der Mythos vom "Wirtschaftswunder" lebt vom Kontrast mit der bitteren Realität, die der Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft im Frühjahr 1945 mit sich brachte. Vernichtung und Lähmung weiter Teile der wirtschaftlichen Infrastruktur und der augenscheinlich totale Stillstand der Produktion ließen keine Hoffnung aufkommen, Deutschland könne die Niederlage – wie nach dem Ersten Weltkrieg – in absehbarer Zeit wirtschaftlich verkraften. Die Siegermächte waren offenbar fest entschlossen, ihre eigene Wirtschaft und die ihrer Verbündeten zu Lasten Deutschlands zu stabilisieren, die potenziellen Märkte der besiegten wirtschaftlichen Großmacht unter sich aufzuteilen, vorhandene Produktionsanlagen zu demontieren und deutsche Produktion nur soweit zu erlauben, wie sie den Besatzungsmächten direkt zugutekam. Für die Bevölkerung der vom Bombenkrieg zerstörten Städte hieß dies Hunger, Not und Elend – und kein Ende war abzusehen.

Angesichts dieser scheinbar hoffnungslosen Ausgangslage musste den Zeitgenossen die schon 1948 einsetzende Reihe sichtbarer wirtschaftlicher Erfolge in den westlichen Besatzungszonen unerklärlich erscheinen, wenn man sie nicht in direkten Zusammenhang mit konkreten politischen Ereignissen brachte, denen bis dahin unbekannte Wirkungen zugeschrieben wurden. Schon wenige Wochen nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 war es kein geringerer als der Oberdirektor des Wirtschaftsrates der Bizone, Hermann Josef Pünder, der ihre Folgen in die Nähe eines Wunders rückte.[1] Das "Wirtschaftswunder", das seitdem immer wieder beschworen wurde, war seit den 1930er Jahren nicht nur dem früheren Zentrumspolitiker ein vertrauter Begriff. Er stand für den im internationalen Vergleich verblüffenden Erfolg der keynesianischen Strategie des Deutschen Reiches gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise und nährte weit über Deutschland hinaus die Hoffnung auf Rückkehr zu einer nicht enden wollende Prosperität, wie sie in den USA der 1920er Jahre immer wieder als "Wunder" apostrophiert worden war.[2]

Selbst die SPD konnte 1936 im Prager Exil "das deutsche Wirtschaftswunder" nicht ignorieren, sorgte es doch dafür, "daß das Regime gerade in der Arbeiterschaft noch auf die meisten Anhänger zählen könne".[3] Sie führte es "auf einen starken Auftrieb" zurück, "den bestimmte Industriezweige von zusätzlichem Rüstungs- und Kriegsbedarf erfahren haben".[4] Dagegen ließ der Pate der Sozialen Marktwirtschaft, Alfred Müller-Armack, selbst noch nach Kriegsende diese bis heute beliebte Erklärung der nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffung nicht gelten. Obwohl er den keynesianischen "Lenkungsapparat" des NS-Wirtschaftswunders für seine Vorstellung von Marktwirtschaft ablehnte, wollte er ihm seinen "äußeren Erfolg" nicht absprechen, der ihm im In- und Ausland den Ruf als "überlegene Methode" einbrachte – wohl wissend, dass der Rüstungsboom in Deutschland erst nach der Wahrnehmung des "Wunders" einsetzte.[5]

Auch wenn die Gründe für das "NS-Wunder" umstritten und in der Ursachenforschung nicht im Geringsten mit der Nachkriegsentwicklung vergleichbar waren, so bot sich der vertraute Begriff doch an, um einer auf den ersten Blick unerklärlichen Entwicklung einen Namen zu geben. Tatsächlich gleichen sich die statistischen Ausprägungen der beiden Wirtschaftswunder weitgehend, wenn man sie als Rückweg auf den langen Wachstumspfad der deutschen Wirtschaft ansieht, der seine Kontinuität seit dem Kaiserreich entwickelt hat (siehe Abbildung).
Wachstum der industriellen Nettoproduktion im Deutschen Reich und in der BundesrepublikWachstum der industriellen Nettoproduktion im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik. (© Rolf Wagenführ)

Als Ursachen eines Wirtschaftswunders, das die Hoffnungslosigkeit der deutschen Zusammenbruchsgesellschaft überwinden konnte, bot sich eine Reihe wirtschaftspolitischer Innovationen an, die – jede für sich – den Anspruch erhoben, der wirtschaftlichen Lähmung ein Ende zu setzen. Der Effekt der vollen Schaufenster, den die Währungsreform von heute auf morgen auslöste, gehörte sicher zu diesen Erklärungsanstößen, obwohl die Auswirkungen des neuen Geldes und der es begleitenden ersten Schritte in die Marktwirtschaft nicht allen Menschen zugutekamen und im November 1948 zum ersten und bisher einzigen Generalstreik führten.

Das Wachstum beschleunigte die Währungsreform nicht wesentlich. Vielmehr ordnet sie sich in den Wirtschaftsaufschwung ein, der im Herbst 1947 begann und eine Voraussetzung für ihren Erfolg war.[6] Auch die Soziale Marktwirtschaft gehörte eher zu den späten Erklärungsmustern des Wirtschaftswunders. Das wirtschaftspolitische Programm der neuen Bundesregierung, das in Wirtschaftsminister Ludwig Erhard einen populären Verfechter fand, blieb lange Zeit ein von Absichtserklärungen und Reformversuchen geprägtes Konzept, dessen Glaubwürdigkeit eher von der Dynamik des Nachkriegswachstums lebte, als dass es wesentlich zu diesem beigetragen hätte.

Anders verhielt es sich mit dem Marshallplan. Mit seiner "Milliarden-Dollarhilfe" schien er die westdeutsche Wirtschaft zu beflügeln, noch ehe die ersten Hilfslieferungen überhaupt in Bremerhaven eingetroffen waren und ließ dies auch jedermann immer wieder wissen. Mehr noch: Er schuf einen Mythos, der nicht nur das deutsche Wirtschaftswunder erklären wollte, sondern bis heute wirksam ist, wenn es darum geht, überall auf der Welt entwicklungspolitische Wunder zu bewirken.

Fußnoten

1.
Vgl. "Es ist fast wie ein Wunder", in: Allgemeine Kölnische Rundschau, 27.8.1948, S. 1.
2.
Hans-Erich Priester, Das deutsche Wirtschaftswunder, Amsterdam 1936.
3.
Aus den Betrieben (April 1937), in: Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade), 4. Jg. Nr. 3, April 1937, Prag, S. 315.
4.
Das deutsche "Wirtschaftswunder" und die Weltwirtschaft (April 1936), in: ebd., 3. Jg. Nr. 4, April 1936, Prag, S. 518–535, hier S. 535.
5.
Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft, Hamburg 1947, S. 137.
6.
Siehe Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart, München 20112, Kap. I und II.
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Autor: Werner Abelshauser für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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