Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Anne Sudrow

Kleine Ereignisgeschichte der Währungsreform 1948

Ab dem 20. Juni 1948 wurde in einem Teil Deutschlands die alte Reichsmark (RM) als Währung abgeschafft und die Deutsche Mark (DM) eingeführt. Dies geschah in den drei westlichen Besatzungszonen – der US-amerikanischen, der britischen und der französischen Zone –, nicht jedoch in Berlin und in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). In der Geschichte der Bundesrepublik gilt diese Währungsreform als der Zeitpunkt, mit dem in Westdeutschland die Marktwirtschaft (wieder)eingeführt wurde und das sogenannte Wirtschaftswunder begann. Gleichzeitig verschärften sich anlässlich dieses Ereignisses jedoch die Auseinandersetzungen zwischen den vier Siegermächten um die politische Zukunft Deutschlands. Sie leistete einen wesentlichen Beitrag zum Beginn des Kalten Krieges und mündete letztlich in die Teilung Deutschlands.

Wirtschaftliche Ausgangslage

Der Nationalsozialismus und sein "Drittes Reich" hatten außer einem weithin zerstörten Land große Mengen Geld und eine geringe Güterproduktion hinterlassen. Die Produktion und die Güterverteilung waren ab 1936 staatlich kontrolliert und die Preise auf relativ niedrigem Niveau festgeschrieben worden. Am Ende des Krieges war sehr viel mehr Geld im Umlauf, als gebraucht wurde, um bei herkömmlicher Umlaufgeschwindigkeit des Geldes die geringe Menge produzierter Güter zu den Festpreisen zu kaufen. Dieser enorme Geldüberhang als Ergebnis einer "gestauten Inflation" hing auch mit der Frage der Verschuldung des deutschen Staates zusammen. Die straffe Preiskontrolle und Rationierung der Konsumgüter während des Zweiten Weltkrieges sorgte dafür, dass die privaten Einkommen nicht konsumiert wurden, sondern auf Sparkonten gelangten, die das NS-Regime wiederum zur "geräuschlosen Kriegsfinanzierung" verwendete. Die Finanzierung des Krieges war zudem eng an das Wachstum der Geldmenge geknüpft: Waren 1939 noch knapp zwölf Milliarden RM als Banknoten im Umlauf, waren es 1945 56 Milliarden RM. Und die Reichsverschuldung belief sich schon 1943/44 auf das Dreifache des im Deutschen Reich erwirtschafteten Sozialprodukts.[1]

Gleichzeitig erwiesen sich die Bewirtschaftungsmaßnahmen als Zwangskorsett für die Wirtschaft. Die alliierten Besatzungsbehörden übernahmen sowohl die Güterbewirtschaftung als auch die amtliche Preisbildung und die niedrigen Preise aus der NS-Zeit. Somit trat die amtliche Güterbewirtschaftung weiterhin an die Stelle des stillgelegten Preismechanismus auf freien Märkten. Eine Preisfreigabe kam für die Alliierten nicht infrage, da sonst die Preise enorm gestiegen wären. In der Folge entstanden schwarze Märkte mit horrenden Preisen für Konsumgüter,[2] der Naturaltausch entfaltete sich jenseits der staatlichen Pläne und Lenkungsmaßnahmen, Rohstoffe und Zwischenprodukte wurden von den Unternehmen gehortet, und die Produktion blieb wegen der knappen Ressourcen gehemmt.[3]

Angesichts dieser wirtschaftlichen Ausgangslage herrschte sowohl bei westdeutschen Ökonomen und Politikern wie bei den westlichen Besatzungsmächten weitgehende Einigkeit, dass eine Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Verfahren nötig sei und dass dies eine Beseitigung der Überliquidität voraussetze. Doch welche Maßnahmen hierzu ergriffen werden sollten, war umstritten. Wie zu zeigen sein wird, sollte die Währungsreform mit einer Wirtschaftsreform verbunden werden. Während erstere überwiegend von den alliierten Besatzungsmächten ins Werk gesetzt und organisiert wurde, war letztere auch auf deutsche Initiativen zurückzuführen.

Akteure und frühe Konzepte

Von deutscher Seite wurden teilweise schon im Verlauf des Krieges Pläne für eine als notwendig erachtete Währungsreform in der Nachkriegszeit entwickelt. Hier sind eine von Ludwig Erhard und Günter Keiser im Frühjahr 1944 vorgelegte Denkschrift und das "Detmolder Memorandum" von November 1945 zu nennen. Beide schlugen eine Stilllegung von Kaufkraft, einen Währungsschnitt mittels der Vernichtung oder Blockierung eines großen Teils der Geldmenge sowie eine Reduzierung der Reichsschuld vor.[4]

Die französische und die sowjetische Besatzungsmacht zeigten anfangs wenig Interesse an einer Währungsreform. Die Franzosen und Russen hatten einen hohen Geldbedarf für die Versorgung ihrer Truppen aus ihrer jeweiligen Zone. Daher wurde von ihnen in großem Umfang alliierte Militärmark, die der RM gesetzlich gleichgestellt war, in Umlauf gesetzt. Die Verknappung des Geldumlaufs lag nicht in ihrem Interesse.

Fußnoten

1.
Vgl. Christoph Buchheim, Die Währungsreform 1948 in Westdeutschland, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2/1988, S. 189–231, hier S. 198.
2.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Malte Zierenberg in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Siehe Buchheim (Anm. 1.); Volker Hentschel, Die Währungsreform: Ludwig Erhard und das Wirtschaftswunder, in: Thomas Neumann (Hrsg.), "Da ist der Aufschwung hochgekommen." 50 Jahre Deutsche Mark, Lüdenscheidt 1998, S. 93–101.
4.
Vgl. hier und im Folgenden Buchheim (Anm. 1), S. 199–208.
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Autor: Anne Sudrow für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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