Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Malte Zierenberg

Ordnende Kraft des Geldes. Zur Geschichte des Schwarzmarkts vor und nach der Währungsreform

Die Erleichterung war groß, als der Spuk vorbei war. Die Währungsreform schied, so betonte die bald formulierte Meistererzählung der Bundesrepublik, eine Zeit des Chaos und der Knappheit von einer neuen Zeit des Aufstiegs und "ordentlicher" Verhältnisse. Sie beendete die gespensterhaften Erscheinungen der illegalen und gefährlichen Schwarzmarktökonomie und legte die Grundlagen für den wirtschaftlichen Erfolg der Bundesrepublik.

Ein Gutteil der historischen Forschung hat sich mit der ökonomischen Seite dieser Deutung, mit dem "Wirtschaftswunder", der Stichhaltigkeit des Begriffs und den Auswirkungen des ökonomischen Aufschwungs in der Nachkriegszeit und den Boomjahren beschäftigt.[1] Versteht man das neue Geld, die D-Mark, aber auch alle anderen Währungen, nicht alleine als wirtschaftspolitisches Mittel und Indikator volkswirtschaftlicher Entwicklung, sondern auch als alltägliches Medium sozialer Beziehungen, dann fällt der Blick gewissermaßen auf die andere Seite der Münze, dann rückt das neue Geld als Medium wie als Ausdruck einer sich neu konstituierenden und sich selbst neu beschreibenden Nachkriegsgesellschaft in den Blick.

Geld strukturiert unseren Umgang mit anderen. Im Rekurs auf das Geld organisieren und bewerten wir Dinge, biografische Daten, soziale Räume und unsere Zeitvorstellungen. Die Erfolgsgeschichte der Währungsreform und der D-Mark wird – wenn man solche Aspekte der Geldbedeutung in den Mittelpunkt stellt – erkennbar als die Geschichte von Erfahrungen im Umgang mit einer illegalen Tauschwirtschaft und im Umgang mit dem neuen Geld; und als eine der Deutungen dieser Erfahrungen, denen sowohl die Rückkehr zu "normalen" Verhältnissen als auch neue Zukunftsaussichten und damit ein gewisses Maß an Erwartungssicherheit zugesprochen wurden.

Will man die Erfolgsgeschichte der D-Mark verstehen, dann reicht es nicht, sie als Symbol für wirtschaftliches Wachstum zu begreifen und die gängige und vorherrschende Erzählung vom "Wirtschaftswunder" zu übernehmen. Vielmehr muss man den Blick lenken auf die Episode vor der Währungsreform als eine Erfahrungsgeschichte mit den ökonomischen und sozialen Verwerfungen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Schwarzmarkt als Negativfolie

Einen der wichtigsten Erfahrungsräume alltäglichen ökonomischen Handelns und den mit Sicherheit wichtigsten Referenzpunkt für die erregten Debatten über ökonomisch-moralisches Verhalten bildete spätestens ab 1939 der Schwarzmarkt. Als Ort permanenter Übervorteilung, krimineller Machenschaften, unsicherer Handelspartner, gefälschter Waren, dubioser Praktiken und anrüchiger Verbindungen bildete er in vielem so etwas wie die Negativfolie, vor deren Hintergrund sich die neue bundesrepublikanische Ordnung in den schönsten Farben ausmalen ließ. Dass hier ein gehöriges Maß an Verdrängungsarbeit am Werke war, ließ sich nicht zuletzt daran erkennen, dass der illegale Markt samt seinem halbseidenen Personal die Fantasie von Literaten und Filmschaffenden, aber natürlich auch des Publikums weiterhin beschäftigte. Mit wohligem Schauer mochten manche KinobesucherInnen Marlene Dietrich in Billy Wilders Film "A Foreign Affair" ("Eine auswärtige Affäre", USA 1948) dabei zusehen, wie sie über käufliche Liebe sang, oder den Machenschaften im Film "The Third Man" ("Der dritte Mann", Großbritannien 1949) folgen. Diese und andere Bearbeitungen des Themas malten mit an dem Bild vom Schwarzmarkt als Ort von Unmoral, Raffgier und anrüchigen sozialen Beziehungen.

Für die meisten ZeitgenossInnen wurden damit aber wohl eher Randphänomene ihrer eigenen Erfahrung angesprochen. Für sie bedeutete der Schwarzmarkt – sei es als TeilnehmerInnen oder lediglich als BeobachterInnen – zunächst die Erfahrung von Unsicherheit und Not. Er war ein Ort, dem die meisten mit Misstrauen und Ablehnung gegenüberstanden. Zu einem guten Teil hing das damit zusammen, dass auf dem Schwarzmarkt zwar Regeln galten, diese aber schwer zu durchschauen waren und zudem mit den etablierten Regeln öffentlicher und privater Kommunikation brachen. Zu den beherrschenden Themen gehörten dabei das neue Verhältnis zwischen den MarktteilnehmerInnen, die Unsicherheit im Umgang mit Waren und Währungen auf dem Schwarzmarkt und insgesamt die Verschiebung klarer Grenzen zwischen Räumen, Waren und Personen.

Auf Plakaten erschien der Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit als Gespenst. Unheimlich war er bei Kriegsende scheinbar plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Die Währungsreform von 1948 machte diesem Spuk angeblich ein Ende. Doch drückten diese Darstellungen auch eine Wahrnehmung aus, in der Ängste und Abwehrhaltungen mindestens eine genauso große Rolle spielten wie die tatsächlich – allerdings langsamer – wirkenden Erfolge, die die Währungsreform bei der Bekämpfung des illegalen Handels erzielte. So griffen etwa in Berlin PolizistInnen kleine und große "Schieber" bis in die frühen 1950er Jahre hinein regelmäßig in den Straßen auf. In der Stadt ließ wie im Rest der entstehenden Bundesrepublik erst die verbesserte Versorgungslage gepaart mit der Aufhebung der wichtigsten Rationierungsmaßnahmen die Schwarzmärkte weitgehend verschwinden. Im Osten blieben Formen des "Organisierens" vielen BürgerInnen bis 1989 vertraut.

Auf der anderen Seite war der schwarze Markt auch keineswegs einfach so und erst mit dem Kriegsende entstanden. Am Beginn der "Schwarzmarktzeit" stand zunächst eine staatliche Neudefinition des legalen Marktes: Erst die positive Beschreibung legaler Konsumpraktiken, wie sie mit der organisierten Verteilung durch das Rationierungssystem formuliert wurde, eröffnete den Raum für die Umgehung dieser Vorgaben. Schwarzmärkte gehörten und gehören sozusagen zum Hintergrundrauschen rechtlich geregelter Wirtschaften: Erst wo etwas verboten wird, kann überhaupt ein Schwarzmarkt entstehen.

Der Schwarzmarkt war aus dieser Perspektive das Produkt der 1939 bei Kriegsbeginn eingeführten Rationierung von Waren aller Art. Die sogenannte Kriegswirtschaftsverordnung hatte für das Beiseiteschaffen und den Handel mit solchen "lebensnotwendigen" Dingen empfindliche Strafen angedroht. Trotzdem umging eine erhebliche Zahl von KonsumentInnen die einschlägigen Vorschriften. Das ist insbesondere für einzelne Städte gezeigt worden.[2] Geld- und Gefängnisstrafen waren die Folge – wenn man denn erwischt wurde. Zum Teil wurden "Schieber" im nationalsozialistischen Deutschland sogar zum Tode verurteilt.

Fußnoten

1.
Vgl. Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart, München 20112. Siehe hierzu auch den Beitrag von Werner Abelshauser in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.)
2.
Vgl. Stefan Mörchen, Schwarzer Markt. Kriminalität, Ordnung und Moral in Bremen 1939–1949, Frankfurt/M. 2011; Malte Zierenberg, Stadt der Schieber. Der Berliner Schwarzmarkt 1939–1950, Göttingen 2008.
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Autor: Malte Zierenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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