Ein D-Mark Geldstück aus dem Jahr 1965

29.6.2018 | Von:
Sebastian Teupe

Ängste und Sehnsucht. Von der D-Mark zum Euro

Für die meisten Menschen in Deutschland beginnt die Geschichte des Euro mit der Bargeldeinführung am 1. Januar 2002. Seitdem ist der Euro Teil ihres Alltags. Aber die Geschichte der Einheitswährung reicht weit zurück. Eine europäische Währungsunion mit festen Wechselkursen existiert seit 1999. Erste Vorläufer zur Stabilisierung schwankender Wechselkurse zwischen D-Mark, Franc oder Lira gab es schon in den 1970er Jahren. Den Beginn des Euro zu datieren, ist daher nicht einfach. Denn seine Einführung war nicht das Ergebnis eines spontanen Einfalls sentimentaler Europapolitiker. Natürlich war der Euro auch ein "Friedensprojekt", ein Symbol und Wegbereiter europäischer Integration. In erster Linie aber war er eine Antwort auf Probleme, mit denen wirtschaftlich verflochtene Nationen schon lange zu kämpfen hatten, auch wenn der Euro in seiner rund 20-jährigen Geschichte neue Probleme geschaffen hat.

In Deutschland sorgte die Einführung des Euro für eine Welle an Sentimentalität und Nostalgie. Die anfängliche Skepsis verflog rasch, als das neue Geld da war, und der Euro erwies sich hinsichtlich seiner Wertstabilität als zuverlässig. Die alten Sorgen vor Inflation, einst ebenso verbreitet wie Nostalgie für die D-Mark, sind wenig präsent. Dafür sind neue Ängste gekommen. Und ganz verflogen ist die Nostalgie nicht.

Als Helmut Kohl am 25. September 1992 im Bundestag den Vertrag von Maastricht verteidigte, der den Aufbruch in eine gemeinsame Währung besiegelte, begründete er den Euro so: Die Deutschen könnten ihre "wirtschaftliche und monetäre Stabilität" nur dann bewahren, wenn sie in Zukunft enger mit den anderen Staaten in Europa zusammenarbeiteten – "mit dem Ziel einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungspolitik". Keiner in Europa solle sich der Illusion hingeben, "dass er dazu noch allein in der Lage ist".[1] Das erste zentrale Thema in der Rede waren die unkontrolliert schwankenden Wechselkurse. Das zweite Thema war die Geldwertstabilität, die vor dem Hintergrund der deutschen Inflationserfahrungen relevant war. Diese beiden Bezugspunkte – der Kontext internationaler Verflechtungen und die Frage eines stabilen Geldwerts – prägten die Geschichte des Euro in Deutschland.

Vorgeschichte und Vorbereitungen

Die internationale Abstimmung von Ländern mit jeweils nationalen Währungen, die im Zuge von grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen getauscht wurden, ist so alt wie die nationalen Währungen selbst. Noch vor der Gründung des Deutschen Reichs 1871 versuchten europäische Länder, den Wert ihrer Währungen aufeinander abzustimmen. Zu dieser Zeit war der Wert des Geldes in Europa durch eine bestimmte Menge an Edelmetall vorgegeben. Mit dem Entschluss des Deutschen Reichs, eine Goldwährung einzuführen, begann die Geschichte des "klassischen Goldstandards". Jedes Land versprach, sein Geld gegen eine klar definierte Menge an Gold zu tauschen. Dadurch standen die Währungen untereinander in einem festen Wechselkursverhältnis. Die politischen Zerwürfnisse des 20. Jahrhunderts führten immer wieder zu einer Aufhebung des Goldstandards. Am Ziel fester Wechselkurse aber hielten sowohl ökonomische Experten als auch Politiker fest. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss eine Gruppe von Ländern unter der Führung der USA das System von Bretton Woods. Auch dieses System sah feste Wechselkurse vor, erlaubte jedoch kleinere Anpassungen. In den frühen 1970er Jahren war Bretton Woods am Ende. Seitdem wird der Wechselkurs der meisten Währungen durch Angebot und Nachfrage ständig neu bestimmt. Deutsche Touristen in den USA machten nun die Erfahrung, dass sie für die gleiche Menge an D-Mark, die sie während ihres Aufenthalts tauschten, jedes Mal eine andere Menge an US-Dollar erhielten. Die gleiche Erfahrung machen sie heute mit Euro.

Noch während im internationalen Zahlungsverkehr das System fester Wechselkurse zusammenbrach, keimte in Europa der Gedanke einer gemeinsamen Währung. 1969 bekundeten die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien, und Luxemburg ihre Absicht, eine Währungsgemeinschaft anzustreben.[2] Schon wenige Monate später begannen sie mit der Ausarbeitung eines "Stufenplans", der aufgrund der Währungsturbulenzen allerdings kurz darauf stockte. Stattdessen führten die Länder im April 1972 die sogenannte Währungsschlange ein. Damit sorgten sie für wechselseitige Stabilität zwischen ihren Währungen. Wer als deutsches Unternehmen einen Vertrag mit einem französischen Unternehmen abschloss, sollte sicher sein, dass er am Ende nur so viele D-Mark in Franc umtauschen musste, wie bei dem Vertragsabschluss geplant war. Die enge Verflechtung der europäischen Wirtschaft ließ einen solchen Plan notwendig erscheinen. Es war der Beginn einer auf Europa beschränkten Währungspolitik mit gegenseitigen Absprachen.[3]

Im März 1979 trat das Europäische Währungssystem (EWS) in Kraft. Es führte ein ausgeklügeltes System fester Wechselkurse mit geringen Schwankungsbreiten ein. Der unmittelbare Auslöser war, dass die Länder Europas auf sich allein gestellt den internationalen Währungsturbulenzen hilflos ausgeliefert waren. Seit dem EWS gab es in Europa eine fiktive Einheitswährung: ECU (European currency unit). Wie bei dem Bretton-Woods-System blieb jedoch ein Risiko bestehen. Arrangements mit festen Wechselkursen können Spekulanten auf den Plan rufen, sobald der Verdacht einer Auf- oder Abwertung im Raum steht. Die Möglichkeiten der Zentralbanken, dagegen zu halten, sind gerade für kleinere Länder begrenzt. Die Währungen werden zum Spielball, mit weitreichenden Folgen. Ein vergleichbares Risiko besteht bei einer gemeinsamen Währung nicht.

Die Ausarbeitungen für eine vollständige Währungsunion begannen im Sommer 1988 unter Jacques Delors, damaliger Präsident der Europäischen Kommission. Das Gefühl, dem Dollar eine alternative Leitwährung entgegensetzen zu müssen, hatte sich in den 1980er Jahren verstärkt. Im Winter 1991 kamen die Teilnehmerstaaten in Maastricht zusammen und einigten sich auf einen festen Fahrplan. Der für die Entwicklung der EU grundlegende Vertrag trat am 1. November 1993 in Kraft. 1994 wurde das Europäische Währungsinstitut (EWI) gegründet, ein Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) und bereits mit Sitz in Frankfurt. Der Fahrplan zur Einführung des Euro wurde schließlich im Dezember 1995 in Madrid angenommen. Seitdem stand auch der Name der Währung fest.

Im Mai 1998 beschloss der Europäische Rat, welche Länder bei der Einführung dabei sein werden. Auch die Wechselkurse wurden festgelegt. Am 1. Januar 1999 begann die Währungsunion. Die Wechselkurse waren nun fest und unwiderruflich. Genau drei Jahre später ersetzten die Euroländer ihre Bargeldbestände durch die neue Währung. Für den Beginn der Geschichte des Euro lassen sich also viele Jahre nennen. Anders als die vertraglich unwiderruflichen Wechselkurse der nationalen Währungen gegenüber dem Euro war die europäische Gemeinschaftswährung allerdings durchaus widerruflich. Während die ersten Vorbereitungen in den 1970er und 1980er Jahren von der Öffentlichkeit kaum beachtet wurden, begann in den 1990er Jahren ein politischer Kampf um die Einführung, der die europäischen Gesellschaften spaltete. Mehr als einmal schien die Einführung gefährdet.

Fußnoten

1.
Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll vom 25.9.1992, S. 9217–9221, http://dipbt.bundestag.de/dip21/btp/12/12108.pdf«.
2.
Vgl. Henry Krägenau/Wolfgang Wetter, Europäische Wirtschafts- und Währungsunion. Vom Werner-Plan zum Vertrag von Maastricht, Baden-Baden 1993.
3.
Vgl. Dieter Lindenlaub, Vom Wechselkursverbund zur gemeinsamen Währung. Stufen und Probleme der europäischen Währungsintegration seit dem Zerfall des Bretton Woods-Systems fester Wechselkurse Anfang der 1970er-Jahre, in: Rüdiger Hohls/Hartmut Kaelble (Hrsg.), Geschichte der europäischen Integration bis 1989, Stuttgart 2016, S. 246–262; David Marsh, Der Euro. Die geheime Geschichte der neuen Weltwährung, Hamburg 2009.
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Autor: Sebastian Teupe für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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