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22.5.2002 | Von:
Daniel Piazolo

Entwicklungsunterschiede innerhalb einer erweiterten EU

Herausforderungen und Chancen

II. Strukturelle Unterschiede

1. Landwirtschaft



Bezogen auf die Wirtschaftsstruktur gibt es noch große Unterschiede zwischen der EU 15 und den Beitrittsländern. Schaubild 4 stellt die Bedeutung der Landwirtschaft für das BIP der EU 15 und der mittel- und osteuropäischen EU-Kandidaten dar.

Der Landwirtschaftssektor trägt in der EU 15 2,3 Prozent zum BIP bei. Eine ungefähr doppelt so große Bedeutung hat der Landwirtschaftssektor in Tschechien, in der Slowakei, in Lettland und in Polen, wo dieser Sektor zwischen 4,5 und 4,8 Prozent zum BIP beiträgt. Eine noch größere Bedeutung hat die Landwirtschaft in Ungarn (5,9 Prozent des BIP), Estland (6,2 Prozent) und Litauen (10,1 Prozent). Am wichtigsten ist aber der Landwirtschaftssektor in Rumänien und Bulgarien, wo zwischen einem Sechstel (17,6 Prozent - Rumänien) und einem Fünftel (21,2 Prozent - Bulgarien) des BIP in der Landwirtschaft erwirtschaftet wird.

Mittelfristig kann davon ausgegangen werden, dass sich die Wirtschaftsstrukturen innerhalb einer erweiterten EU mit der Konvergenz der Lebensstandards angleichen. Dabei muss natürlich die Wirtschaftsstruktur in den einzelnen Ländern nicht identisch sein, und es ist wahrscheinlich, dass in einer erweiterten EU die Landwirtschaft in Polen auch in Zukunft eine größere Bedeutung haben wird als in Belgien. Jedoch verdeutlichen diese Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur den Anpassungsbedarf bei einer Annäherung an die Struktur der EU 15. Dabei steht Polen - verglichen mit der Situation in Litauen, Rumänien oder Bulgarien - nicht schlecht da.

2. Industrie



Da in der EU 15 die Landwirtschaft den niedrigsten Anteil am BIP hat, könnte man vermuten, dass die Bedeutung des Industriesektors am BIP in der EU recht groß ist und in den Beitrittsländern dementsprechend geringer. Dies sollte in dem Schaubild 5 mit dem Anteil des Industriesektors am BIP zu sehen sein.

Jedoch hat die EU15 auch hier - verglichen mit den Beitrittsländern - einen relativ kleinen Sektor. In der EU 15 trägt der Industriesektor nur 30,7 Prozent zum BIP bei, in Polen dagegen 36,5 Prozent und in Rumänien und Tschechien sogar über 40 Prozent. Dieses Gewicht der Industrie in den Transformationsländern ist noch das Erbe der zentralen Planwirtschaft. Die Verwaltungen in den Planungsämtern hatten eine ausgesprochen starke Präferenz für die Schwerindustrie. Diese Präferenz beruhte nicht nur auf militärischen Überlegungen; sie reflektierte vielmehr die Auffassung, dass ein bedeutender Industriesektor die Entstehung eines bedeutenden Industrielandes ermögliche. [5] Somit haben 7 der 10 mittel- und osteuropäischen Beitrittsländer einen größeren prozentualen Industriesektor als die EU 15. Bei der Bevorzugung der Industrie wurde der Dienstleistungssektor vernachläs-sigt oder zum Teil sogar bewusst diskriminiert.

3. Dienstleistungen



Schaubild 6 zeigt die Bedeutung des Dienstleistungsbereichs für das BIP. Es wird deutlich, dass die EU keine Industriegesellschaft, sondern eine Dienstleistungsgesellschaft ist. Mehr als zwei Drittel des BIP werden im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet.

In Estland ist der Dienstleistungssektor sogar noch geringfügig wichtiger als in der EU 15. Hier werden 67,5 Prozent des BIP im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet. Für die anderen mittel- und osteuropäischen Ländern trägt der Dienstleistungssektor zwischen 41,7 Prozent (Rumänien) und 65,8 Prozent (Lettland) zum BIP bei.

4. Arbeitsplätze



Der entscheidende Anpassungsbedarf bei dem Strukturwandel weg vom Landwirtschaftssektor und hin zu den anderen beiden Sektoren bezieht sich auf die Arbeitsplätze. Die Bedeutung des Landwirtschaftssektors als Arbeitsplatz wird in Schaubild 7 dargestellt. Es wurde schon in Schaubild 4 gezeigt, dass in Polen der Landwirtschaftssektor 4,8 Prozent zum BIP beiträgt. Jedoch sind 19,1 Prozent der Beschäftigten in Polen in der Landwirtschaft tätig. Zwar ist auch in der EU 15 der Landwirtschaftssektor unterdurchschnittlich produktiv - 5,2 Prozent der Beschäftigten erwirtschaften nur 2,3 Prozent des BIP -, jedoch ist der Anpassungsbedarf in Polen im Landwirtschaftssektor enorm. Mittelfristig muss davon ausgegangen werden, dass nur einer von vier Arbeitsplätzen im polnischen Landwirtschaftssektor bestehen bleiben kann. Vergleichbarer Anpassungsbedarf besteht in Lettland. In noch größerem Ausmaß sind Rumänien, Bulgarien und Litauen betroffen.

Strukturwandel ist immer auch mit Anpassungskosten verbunden, da die Arbeitskräfte und Produktionsmittel nur schwer von einem Sektor in einen anderen transferiert werden können. Arbeitskräfte mit sektorspezifischem Wissen sind nur begrenzt in einem anderen Bereich einsetzbar und bedürfen oft umfassender Weiterqualifizierung. Sektorspezifische Produktionsmittel wie Maschinen werden zum Teil durch den Strukturwandel obsolet. Der Strukturwandel kann durch die Wirtschaftspolitik unterstützt werden, indem Anpassungsprobleme mit flankierenden Maßnahmen wie Weiterqualifizierung, Investitionsbeihilfen und Steuervorteile für neue Unternehmen in strukturschwachen Regionen gemindert werden.

Im Rahmen der europäischen Integration sind neben den nationalen Unterstützungsprogrammen auch gemeinsame Förderungsinitiativen für strukturschwache Gebiete entstanden. Bei dieser gemeinsamen Förderung finanzieren die reicheren Mitgliedsländer beispielsweise durch die EU-Strukturfonds den Ausbau der Infrastruktur in den ärmeren Regionen. Die genaue Ausgestaltung der europäischen Förderungsprogramme hängt von dem politischen Entscheidungsprozess in der EU und damit von der Einflussnahme der verschiedenen Mitgliedsländer ab.

Fußnoten

5.
Darüber hinaus haben die ehemaligen Planwirtschaften einen höheren Energiebedarf und eine besser ausgebildete Bevölkerung als andere Länder mit vergleichbaren Pro-Kopf-Einkommen. Vgl. Daniel Gros/Mark Suhrcke, Ten Years After: What is Special about Transition Countries? HWWA Diskussionspapier 86, Hamburger Welt-Wirtschafts-Archiv, Hamburg 2000.