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5.1.2004 | Von:
Marcus Hoinle

Ernst ist das Leben, heiter die Politik

Lachen und Karneval als Wesensmerkmale des Politischen

Die Politisierung des Karnevals und die Karnevalisierung der Politik

Die Politisierung des Karnevals vollzog sich im Gefolge der Säkularisierung, Ideologisierung, Liberalisierung und Pluralisierung um 1830, als der organisierte Karneval zum Sammelbecken für revolutionär-demokratische Strömungen im Kampf gegen die obrigkeitsstaatliche Ordnung, gegen Zensur und politische Repressionen wurde.[28] Unter dem Deckmantel vorgeblicher Brauchtumspflege und harmlos-fröhlicher Heiterkeit bot er eine Plattform für den Ruf nach Freiheit, Gleichheit und nationaler Einheit. Da sich hinter der Maske des Narren die weithin unterdrückte Rede- und Meinungsfreiheit entfalten konnte, wirkte die Errichtung einer temporären Gegenwelt während des Karnevals, in der utopische Zukunftsmodelle und Als-ob-Fiktionen ihren Platz fanden, als Ventil für verwehrte politische Forderungen. Karnevalistische Zusammenschlüsse umgingen die Restriktionen hinsichtlich der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit und galten als parlamentarische Schule, die den Bürger für öffentliche Angelegenheiten sensibilisieren sollte.

Mit den Errungenschaften im Zuge der Demokratisierung nach 1848[29] und der Vereinnahmung des Karnevals für die nationale Begeisterung und Militarisierung der Gesellschaft nach der Reichsgründung 1870/71[30] verflachte der revolutionäre Impetus. Einen weiteren Entpolitisierungsschub brachte die Gründung der Bundesrepublik mit sich, da Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht mehr erstritten werden mussten, sondern als Grundrechte fortan verfassungsmäßig garantiert waren. Gezähmt und gemäßigt durch die Integration in die bürgerliche Gesellschaft dient der artifizierte, inszenierte und kommerzialisierte Karneval heute eher der Unterhaltung und Zerstreuung, der Flucht aus dem Alltag und der Bestätigung gegebener Verhältnisse. Infolge der Orientierung an den kleinen menschlichen Schwächen, der Verspottung spießbürgerlichen Gebarens und der Hinwendung zum Klamaukhaften geriet das Politische zusehends aus dem Blickfeld.[31]

Obwohl (oder gerade weil) dem politischen Karneval allmählich der Nährboden seiner Konflikt- und Kritikfähigkeit entzogen worden ist, markiert er einen der Eckpunkte im Identitätsgefüge der Bundesrepublik: "Der rheinische Karneval ((...)) gehörte zur Bonner Republik wie die erfolgreiche Westbindung, die soziale Marktwirtschaft und die Römischen Verträge."[32] Daran vermochten auch der Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin nichts zu ändern: "Die fünfte Jahreszeit gehört längst zum politischen Alltag - und ist damit auch Teil der Berliner Republik."[33]

Diese Einschätzung korrespondiert mit einem Prozess, den man in Anlehnung an den Literaturwissenschaftler Michail Bachtin als Karnevalisierung der Politik bezeichnen kann. Bachtin gründete seine Romantheorie auf vier "Kategorien des Karnevals", die "im Verlauf von Jahrtausenden in die Literatur transponiert" wurden und sukzessive zu einer "Karnevalisierung der Literatur" geführt haben:[34] Familiarisierung (Außerkraftsetzung von Gesetzen, Verboten und Beschränkungen, Abbau sozialer Schranken und Hierarchien, Aufhebung der Distanz zwischen den Menschen); Exzentrizität (Einnahme eines Standpunktes jenseits der Logik des gewöhnlichen Lebens, konkret-sinnliches Ausleben der unterschwelligen Seiten der menschlichen Natur); Mesalliance (Vereinigung von Gegensätzen, Vermengung des Geheiligten mit dem Profanen, des Hohen mit dem Niedrigen, des Großen mit dem Winzigen); Profanation (Erhöhung und anschließende Erniedrigung von Personen, Parodisierung, Unverblümtheit sowie Obszönität von Sprache und Gestik).

Diese Kategorien markieren aber nicht allein den Bereich der Literatur, sie beschreiben vielmehr die Entwicklungslinien einer generellen Karnevalisierung des öffentlichen Lebens, die gewissermaßen als Perpetuum mobile die Spaßgesellschaft antreibt und die politische Kultur beeinflusst. So spiegeln Enthierarchisierung und die Beseitigung von Intimitätsschwellen als Momente der karnevalistischen Familiarisierung beispielsweise die zunehmende Überlappung der öffentlichen und der privaten Sphären wider.[35] Ihre politische Dimension zeigt sich einerseits darin, dass das Private immer öfter politisch wird: Seit die politischen Lager erodieren, die Parteibindungen schwinden und sich die programmatischen Profile der Parteien annähern, richtet sich das Augenmerk der Öffentlichkeit mehr und mehr auf die individuellen Eigenschaften und Verhaltensweisen von Politikern. Da die Einschätzung von Personen ohnehin grundsätzlich einfacher und alltagsnäher ist als das Studium komplexer Parteiprogramme und das Abwägen von Sachargumenten,[36] bezieht der Bürger bei der Beurteilung politischer Sachverhalte die einem Politiker zugeschriebenen Charakteristika mit ein und greift letztendlich auch bei Wahlentscheidungen auf diese zurück.

Andererseits wird das Persönliche und Private von Politikern selbst immer häufiger zur Eigendarstellung akzentuiert. Personengebundene Informationen lassen sich nicht nur leichter vermitteln als abstrakte politische Prozesse, sie stützen zudem die Vorstellung, Politik werde nicht von Zwängen regiert (Demographiefaktor, Globalisierung), sondern von Menschen gemacht und sei in all ihren Folgen jederzeit beherrschbar. Personalisierung verschleiert zudem die Tatsache, dass Politik vielfach in nichtöffentlichen Gremien, von Experten besetzten Kommissionen und vertraulichen Kamingesprächen "hergestellt" wird. Wahlkampfplakate, die etwa Edmund Stoiber und seine Familie zeigen, schaffen durch die Abbildung von Intimität Vertrauen. Sie erhöhen die Sympathiewerte eines Politikers und erleichtern den Aufbau emotionaler Bindungen. Auf diese Weise kann von Problemen, die möglicherweise Stimmenverluste bedeuten, weil sie Unsicherheit und Angst erzeugen, abgelenkt, die schwindende Zahl fester Parteibindungen überbrückt und das Desinteresse des Bürgers an einer Auseinandersetzung mit politischen Themen und Programmen kompensiert werden.[37] Doch ob Adenauers Boccia-Spiel, Kohls Saumagen oder Schröders Cousinen, die Suggestion, Politiker seien Menschen "wie du und ich", trübt den Blick für die realen Einfluss- und Gestaltungschancen, indem sie bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse, Hierarchien und Privilegien für den Moment außer Kraft zu setzen und egalitäre Beziehungen herzustellen scheint.

Mehr noch als das Bemühen, sich mit dem Bürger auf eine Stufe zu stellen, erregt exzentrisches Verhalten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Richtig platziert können dadurch Bekanntheitsgrad und Popularität gesteigert und die politische Karriere vorangetrieben werden. Im Wissen um die Bedeutung der Medienpräsenz, die ein begehrtes Gut im Wettbewerb um Beachtung und Anerkennung durch die Allgemeinheit darstellt und noch immer einen Hauch von Exklusivität vermittelt, versuchen sich Politiker, Parteien und Institutionen zu profilieren und politisch zu positionieren. Wer indes um jeden Preis auffallen will, geht stets das Risiko ein, sich lächerlich und zum Politclown zu machen, indem er den Einsatz der Mittel übertreibt, einen ungünstigen Zeitpunkt wählt oder die Reaktionen auf sein Verhalten falsch einschätzt. In diesem Sinne tragen Oskar Lafontaines Abgang als Finanzminister im Frühjahr 1999, Rudolf Scharpings für ein Massenblatt inszenierter Badespaß auf Mallorca und Gerhard Schröders Italienurlaubsboykott ebenso karnevaleske Züge wie das illusorische "Projekt 18", die Ausrufung Guido Westerwelles zum Kanzlerkandidaten der FDP und dessen Rundreise quer durch die Republik im "Guidomobil" anlässlich der Bundestagswahl 2002.[38]

Der exaltiert-verzweifelte Versuch mancher Politiker, ihr Image als hölzern-langweilige Biedermänner abzustreifen, indem sie vor laufenden TV-Kameras über Jugenderinnerungen plaudern (Friedrich Merz als Mofa-Rowdy, Hans Eichel als Konsument leichter Drogen), ist der wachsenden Medienfixierung der Politik geschuldet. Diese führt, dem Diktat der Medien gehorchend, zu einer Verknüpfung und Vermischung politikrelevanter und politikferner Nachrichten - eine Mesalliance von Inhalt (Information) und Form (Unterhaltung), die gegenwärtig als "Boulevardisierung", "Theatralisierung", "Infotainment" und "Politainment"[39] diskutiert wird: "Durch die Interpenetration von Comedy und Politik (...) erscheint das politische Geschäft weitgehend als das, was es in der Medienkultur tatsächlich zumindest in Teilen auch geworden ist: als eine Unterhaltungsshow."[40] Überschreitet die "Entertainisierung"[41] die Grenze zum Karnevalesken, finden die Betonung des Körperlichen, die Koppelung an das Sichtbare und die Schaulust, die dem karnevalistischen Wesen eignen, ihre Entsprechung unter anderem in Spottbildern, die Äußerlichkeiten gleichsam wie Markenzeichen hervorheben (Helmut Kohl als "Birne"), und im öffentlichen Interesse an Rudolf Scharpings Bart, Angela Merkels Frisur oder Gerhard Schröders Haarfarbe ("Echthaar-Kanzler"[42]).

Die am Körperlichen orientierte Komponente des Karnevals korrespondiert mit der allgemeinen Sexualisierung des öffentlichen Raums. Nicht nur in der Werbung, in Filmen und im TV ist die Zurschaustellung von Nacktheit nahezu allgegenwärtig, am Trend zum Voyeurismus beteiligt sich auch die Politik. So versuchen Parteien, vor allem Jungwähler mit mehr oder weniger unverhohlenen sexuellen Anspielungen für sich einzunehmen: etwa die Grüne Jugend Baden-Württemberg mit einer für den Landtagswahlkampf 2001 lancierten Postkartenaktion ("Grün fickt besser. Untersuchung zeigt: Hausfrauen und Grüne haben am häufigsten Sex.") oder die Jungen Liberalen ("Steck ihn rein"), die Jusos ("Das ist erst das Vorspiel, der Höhepunkt kommt noch"), die PDS ("Heute popp' ich, morgen kiff' ich, übermorgen wähl' ich PDS") und die Bündnisgrünen ("Wir machen's gleich") mit zweideutigen Slogans im Bundestagswahlkampf 2002. Auch eine Anzeigen- und Plakataktion des Bundesumweltministeriums zur Imageverbesserung der Ökosteuer warb mit dem Text: "Mehr Sex. Und wer öfter mal das Licht ausmacht, wird belohnt. So oder so." Die - wenngleich späte - Selbstbeschränkung der Medien bei der angeblichen Affäre des "Vier-Ehen-Kanzlers"[43] Gerhard Schröder mit einer TV-Moderatorin macht hingegen die Grenzen der Indiskretion deutlich: Sie verlaufen - anders als in den USA - in der Bundesrepublik offenbar noch überall dort, wo die Gefahr eines Imageverlustes, der nicht allein die Person, sondern ebenso das Amt selbst beschädigen kann, gegeben ist.[44]

Gerade weil Gerhard Schröder als Bundeskanzler eine singuläre Rolle im Regierungssystem spielt, unterliegt er besonderer Beobachtung. Zunehmend sieht er sich jedoch allgemeiner Volksbelustigung ausgesetzt: vermarktet auf CD ("Der Bierkanzler", "Die Gerd-Show"), verunglimpft als"Schwachmaten-Kanzler"[45] oder verhöhnt als "Krötenwanderungs-Kanzler"[46], der, um Haushaltslöcher zu stopfen, die "Kröten" aus den Portemonnaies der Bürger in die seines Finanzministers wandern lässt, wird der einstige "Spaßkanzler" zu einem unterhaltsamen und erheiternden Bestandteil der Spaßgesellschaft. Die Enttäuschung der hoch gesteckten Erwartungen und Hoffnungen, die man nach der als Stillstand empfundenen letzten Phase der Regierungszeit Helmut Kohls in die rot-grüne Koalition gesetzt hatte, äußert sich heute in der Verspottung von Gerhard Schröder: erst als Held gefeiert, dann als Witzfigur vom Sockel gestoßen und verlacht - nicht zuletzt auch in den eigenen Reihen.[47] Eine solche Profanation erinnert an den Brauch, den Karnevalskönig kurz nach seiner Inthronisierung wieder vom Thron zu stürzen.[48]


Fußnoten

28.
Zum politischen Karneval vgl. u.a. A. M. Keim (Anm. 6) sowie Michael Müller, Karneval und Politik. Zum Verhältnis zwischen Narren und Obrigkeit am Rhein im 19. Jahrhundert, Koblenz 1993.
29.
Zum politischen Karneval nach 1848 vgl. A. M. Keim (Anm. 6), S. 77ff., und M. Müller (Anm. 28), S. 28ff.
30.
Zum politischen Karneval nach 1870/71 vgl. A. M. Keim (Anm. 6), S. 101ff., und M. Müller (Anm. 28), S. 31ff.
31.
Zum politischen Karneval nach 1945 vgl. A. M. Keim (Anm. 6), S. 216ff.
32.
Hildegard Stausberg, Die jecke rheinische Republik - Geschichte und Gegenwart zugleich, in: Die Welt vom 26.2. 2001, S. 2.
33.
Ebd.
34.
Michail M. Bachtin, Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur, Frankfurt/M. 1996(2) (Orig. 1963/65), S. 47ff.
35.
Vgl. hierzu den Sammelband von Kurt Imhof/Peter Schulz (Hrsg.), Die Veröffentlichung des Privaten - Die Privatisierung des Öffentlichen, Opladen-Wiesbaden 1998.
36.
Vgl. Werner Wirth/Ronald Voigt, Der Aufschwung ist meiner! Personalisierung von Spitzenkandidaten im Fernsehen zur Bundestagswahl 1998, in: Christina Holtz-Bacha (Hrsg.), Wahlkampf in den Medien - Wahlkampf mit den Medien. Ein Reader zum Wahljahr 1998, Opladen-Wiesbaden 1999, S. 133 - 158, hier S. 134.
37.
Vgl. hierzu Christina Holtz-Bacha, Wohl überlegtes Kalkül. Über den Einsatz des Privaten im Wahlkampf, in: Frankfurter Rundschau vom 21.1. 2003, S. 2.
38.
Vgl. Torben Lütjen/Franz Walter, Medienkarrieren in der Spaßgesellschaft? Guido Westerwelle und Jürgen W. Möllemann, in: Ulrich von Alemann/Stefan Marschall (Hrsg.), Parteien in der Mediendemokratie, Wiesbaden 2002, S. 390 - 419. Den Bogen überspannen allerdings auch die Medien durch ihren unstillbaren Hunger nach Sensationen und das - nicht selten von Politikern initiierte und forcierte - Aufbauschen von Affären und Skandalen. So entsteht der Eindruck eines empirisch nicht belegbaren, da realiter nicht gegebenen politischen Sittenverfalls. Vgl. hierzu Hans Mathias Kepplinger, Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit, München 2001.
39.
Vgl. hierzu Andreas Dörner, Politainment. Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M. 2001.
40.
Ebd., S. 152.
41.
Vgl. hierzu Christina Holtz-Bacha, Entertainisierung der Politik, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 31 (2000) 1, S. 156 - 166.
42.
Zit. nach: Focus, Nr. 36 vom 2.9. 2002, S. 27.
43.
Zit. in: ebd. Nr. 8 vom 18.2. 2002, S. 34.
44.
Zum Zusammenhang von Sexualität und Lachkultur vgl. Hans-Dieter Gelfert, Max und Monty. Kleine Geschichte des deutschen und englischen Humors, München 1998, S. 146ff.
45.
Zit. nach: Der Spiegel, Nr. 47 vom 18.11. 2002, S. 32.
46.
Zit. nach: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.11. 2002, S. 13.
47.
Vgl. hierzu Wolfgang Büscher, Kennen Sie den?, in: Die Welt vom 25.11. 2002, S. 10.
48.
Vgl. M. M. Bachtin (Anm. 34), S. 50.