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5.1.2004 | Von:
Dieter Rucht

Die medienorientierte Inszenierung von Protest

Das Beispiel 1. Mai in Berlin

Medienresonanz

Wie schon in den Vorjahren füllten die Ereignisse des Berliner 1. Mai 2002 die Titelseiten der Berliner Blätter, wurden auch von anderen Zeitungen aufgegriffen und belegten den ersten Platz in den Abendnachrichten mehrerer Fernsehsender.[10] Diese öffentliche Beachtung stellen die Akteure bei ihren Inszenierungen in Rechnung. Obgleich sie die Berichterstattung in mancher Hinsicht beeinflussen können, fehlt ihnen letztlich die Kontrolle über das Ob, Was und Wie der Medienresonanz. Diese fällt bei näherem Zusehen durchaus differenziert aus, wird aber vor allem in ihren Kommentierungen von einem relativ einheitlichen Tenor durchzogen: Die etablierten Medien unterstreichen den rituellen - und damit ist gemeint: den im Grunde berechenbaren und deshalb langweiligen - Charakter des 1. Mai. Bereits seit den siebziger Jahren finden sich in der Bundesrepublik entsprechende Kommentare mit zuweilen sarkastischem Unterton.

Im Allgemeinen wurde und wird jedoch über die gewerkschaftlichen Veranstaltungen sachlich und teilweise sogar wohlwollend berichtet. Trotz aller Klagen der Organisatoren über eine unzureichende Medienresonanz ist festzuhalten, dass Forderungen der Gewerkschaften und zentrale Aussagen ihrer Redner korrekt wiedergegeben und häufig auch wörtlich zitiert werden.

Dagegen ist die Berichterstattung über links- und rechtsradikale Demonstranten stärker von negativen Wertungen, populistischen Untertönen und Effekthascherei bestimmt. Werden die Linksradikalen vor allem als Vermummte und als Steinewerfer portraitiert, so kommt auch das Bild von den NPD-Demonstranten über Klischees nicht hinaus. Gezeigt werden nicht die unauffällig aussehenden Rechtsradikalen, sondern solche mit Glatzen, Stiefeln und Tätowierungen. Was die Rechten wollen und was ihre Redner sagen, wird von den Medien ebenso ausgeklammert wie im Falle der Linksradikalen.

Markantestes Kennzeichen der Medienberichte ist die Gewaltfixierung. Jahr für Jahr werden die Zusammenstöße von Teilen der linksradikalen Szene und unpolitischen Jugendlichen auf der einen Seite und der Polizei auf der anderen Seite in den Mittelpunkt gerückt. Dabei zeichnen sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein im Grunde immer gleiches, an der Oberfläche bleibendes Bild, das an ein Schlachtengemälde erinnert. Hinzu kommen die Berichte über den Streit um die angemessene Polizeistrategie und die statistische Bilanz: Zahl der eingesetzten Polizisten, Ausmaß von Personen- und Sachschäden, Umfang der Verhaftungen.[11] Vor allem die Boulevardpresse zitiert zudem regelmäßig "Volkes Stimme", mit der Verständnislosigkeit oder gar Abscheu zum Ausdruck gebracht wird. Im Gesamtbild verdichtet sich beim breiten Publikum der Eindruck, der Berliner 1. Mai sei ein seltsames Gemisch ritualisierter Langeweile und ebenso ritualisierter Drohgebärden, das unausrottbar zum politischen Kalender gehöre, aber keine weitere Beachtung verdiene.


Fußnoten

10.
Vgl. Michael Blickhan/Simon Teune, Die Lust am Ausnahmezustand - Der Berliner 1. Mai im Spiegel der Medien, in: D. Rucht, Berlin (Anm. 2), S. 185 - 220. Innerhalb eines Untersuchungszeitraums vom zwei Monaten (beginnend einen Monat vor dem 1. Mai) registrierten die Autoren in 13 bundesweiten bzw. Berliner Tages- und Wochenzeitungen 387 Artikel, die über den 1. Mai 2002 in Berlin berichteten (ebd., S. 190).
11.
Vgl. dazu Regina Kanzler/Alex Kolodziejcyk/Katja Schmidt, "Erfolgreich und mit Heldentum verteidigt!" Die Rolle von Polizei und Justiz am 1. Mai 2002 in Berlin, in: D. Rucht, Berlin (Anm. 2), S. 143 - 183.