APUZ Dossier Bild

5.1.2004 | Von:
Dieter Rucht

Die medienorientierte Inszenierung von Protest

Das Beispiel 1. Mai in Berlin

Vom Sinn des Protestrituals

Die seit 1890 durchgeführten Mai-Veranstaltungen bieten einen sehr allgemeinen Handlungs- und Deutungsrahmen, der von unterschiedlichen und teilweise sogar politisch antagonistischen Akteuren mit jeweils aktuellen Inhalten, Forderungen und Symbolen gefüllt wird. Wie gezeigt wurde, haben die Veranstaltungen einen Doppelcharakter, indem sie sich nach außen wie nach innen wenden. Dies spiegelt sich bereits in der ursprünglichen Konzeption des 1. Mai, der von Anfang an zugleich als Kampftag und als Feiertag begangen wurde.

Die kämpferische Seite war und ist primär nach außen gerichtet; damit zeigen die Protestakteure dem Publikum wie dem politischen Gegner ihre Präsenz und Stärke. Die festliche Seite des 1. Mai, bei der die gemeinschaftsstiftende Funktion im Vordergrund steht, war in den ersten Jahrzehnten der Mai-Tradition zeitlich und räumlich zumeist von den politischen Demonstrationen und Kundgebungen getrennt. Sie bestand aus nachmittäglichen oder abendlichen Feiern im Grünen oder in geschlossenen Räumen, zuweilen garniert mit Tanz, Theater oder Singspielen. In den heutigen Berliner Mai-Veranstaltungen der Gewerkschaften sind diese beiden Aspekte verknüpft. Dagegen organisiert die außergewerkschaftliche Linke einerseits ihre "revolutionären" Mai-Demonstrationen, beteiligt sich aber andererseits, zusammen mit einem bunt gemischten lokalen Szene-Publikum, auch an den Festen am Vorabend und am Nachmittag des 1. Mai.

Während Außenstehende von den Veranstaltungen zum 1. Mai kaum Notiz nehmen oder das Treiben als ein "sinnentleertes Ritual" kritisieren, sehen dies die Teilnehmer offenkundig anders. Sie beharren darauf, dass sie der Öffentlichkeit etwas mitzuteilen haben. Darüber hinaus besteht eine wichtige latente Funktion ihrer Mai-Veranstaltungen in der Symbolisierung und Beschwörung von Gemeinschaften, welche sich durch explizite politische Botschaften, aber auch durch diverse Stammesriten voneinander abgrenzen. Durch seine Wiederholung verliert dieses Ritual ebenso wenig an Sinn wie eine tägliche Begrüßung oder eine alljährliche Geburtstagsfeier. Rituale sind mehr und etwas anderes als Nachrichten, die sich durch Wiederholung entwerten.

Die sich am 1. Mai inszenierenden Gemeinschaften platzieren sich innerhalb eines komplexen politischen und sozialen Geschehens, von dem nur manches für die breite Öffentlichkeit sichtbar und verstehbar wird. Das politisch-ideologische Koordinatensystem der Mai-Veranstaltungen wird allerdings nicht nur durch die symbolischen Konstruktionen der Akteure selbst, sondern auch durch die teilweise extern definierte Geografie des Demonstrationsgeschehens versinnbildlicht. Die Veranstaltung der Gewerkschaften als des weithin als legitim angesehenen Akteurs ist nicht zufällig im Herzen der Stadt angesiedelt: Das Brandenburger Tor war Ausgangspunkt des Demonstrationszuges; der Platz vor dem Roten Rathaus war Ort der Kundgebung. Die PDS, der eine Verankerung im Westteil der Stadt weitgehend fehlt, führte ihre Kundgebung folgerichtig auf dem Alexanderplatz, dem Zentrum des Ostteils, durch. Die Linksradikalen bewegten sich vor allem in den Szenevierteln von Berlin-Mitte und Kreuzberg. Entgegen ihrem Wunsch wurden sie von "sensiblen" Bereichen, etwa der "Glasmeile Friedrichstraße", fern gehalten. Die Rechtsradikalen, die ebenfalls imZentrum demonstrieren wollten, wurden auf einen nordöstlichen Außenbezirk verwiesen. Die Demonstrationen der radikalen Linken und der NPD sind somit die Negativfolien, um den Ort der Mitte und der Normalität zu bestimmen. Die Akteure der politischen Mitte grenzen sich in einer symbolischen Ordnung von Positionen ab, die als extrem oder radikal bezeichnet werden. Diese Zuschreibungen scheinen selbstevident: Genauso wie das Bild der politischen Mitte mit Stabilität und Ausgleich assoziiert wird, erscheinen Abweichungen nach links oder rechts als eine Bedrohung der herrschenden Werte. Ex negativo dienen so die Proteste der Radikalen gegen die bestehende politische und ökonomische Ordnung dazu, diese Ordnung aufrechtzuerhalten. Indem man die Steinewerfer oder die NPD-Demonstranten verurteilt, indem man sich alljährlich der Abscheulichkeit von Gewalt versichert und festlegt, welche Phänomene in der Gesellschaft inakzeptabel sind, versichert man sich eines sozialen Konsenses und bestärkt diesen.