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5.1.2004 | Von:
Dieter Rucht

Die medienorientierte Inszenierung von Protest

Das Beispiel 1. Mai in Berlin

Kollektive öffentliche Proteste - wie die Demonstrationen zum Berliner 1. Mai - werden mit Blick auf ihre Wirkung in den Massenmedien inszeniert. Zugleich geht es darum, sich der eigenen kollektiven Identität zu vergewissern und Grenzziehungen zwischen einzelnen Protestgruppen vorzunehmen.

Einleitung

Kollektive Proteste in westlichen Demokratien sind nur selten spontane Äußerungen von Unzufriedenheit und Kritik. Zumeist wird ihr Zeitpunkt und Ablauf detailliert geplant. Viele Proteste, sowohl die spektakuläre Aktion einer kleinen Gruppe als auch der Massenprotest von Hunderttausenden, erfordern eine mehr oder weniger aufwändige logistische Vorbereitung, die der breiten Öffentlichkeit verborgen bleibt. Was jedoch sichtbar werden kann und soll, ist das Protestereignis selbst. Es dient nicht allein dazu, einen politischen Gegner zu beeindrucken. Vielmehr suchen die Protestierenden die Aufmerksamkeit - und möglichst auch Zustimmung - des breiten Publikums. Erst über die Berichterstattung der Massenmedien, insbesondere von Tageszeitungen, Radio und Fernsehen, wird ein Protest für große Teile der Bevölkerung überhaupt wahrnehmbar und in diesem Sinne "existent". Die Massenmedien übernehmen hierbei keineswegs die Funktion eines Spiegels. Sie sind vielmehr Instanzen, die, sofern sie überhaupt berichten, bestimmte Aspekte des Protestes hervorheben und andere ausblenden, die loben oder tadeln, die Gegner des Protests, aber auch Reaktionen des Publikums, beachten oder aber ignorieren. Medien weisen - in der Terminologie der Kommunikationswissenschaft - zwangsläufig einen description bias auf.




Die Protestakteure wissen um die Schlüsselrolle der Massenmedien und stellen diese bei ihrem Tun in Rechnung. Entsprechend kalkulieren sie ihre Forderungen, Parolen, Zeichen und Handlungen. Dabei ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer deutlicher die Tendenz erkennbar, Auftritte mit Blick auf die Medienresonanz regelrecht zu inszenieren.[1] Dieses "In-Szene-Setzen" von Protesten gleicht in mancher Hinsicht einer Theatervorstellung, gibt es doch auch für Proteste immer deutlicher - im wörtlichen oder übertragenen Sinne - Bühnen, Skripte, Rollen und nicht zuletzt ein Publikum, das die Ereignisse direkt vor Ort oder indirekt in den Massenmedien verfolgen kann. Freilich sollte die Metapher eines Protesttheaters nicht überstrapaziert werden. Zwischen der Kunstform des Theaters und dem politischen Protest bestehen wesentliche Unterschiede. Die Protestakteure werden von keinem Arbeitgeber engagiert; selten hält ein einzelner Regisseur die Fäden in der Hand; die Zusammensetzung des "Ensembles" steht nicht vorab fest; auch nimmt das geplante Stück zuweilen eine für alle Beteiligten überraschende Wende. Anders als bei den meisten Theaterstücken wollen die Protestakteure zudem das Publikum zum Mitmachen bewegen. Vor allem aber handelt es sich nicht nur um ein fiktionales Spiel, sondern um ein Stück "reales Leben", in welchem die Akteure sich selbst darstellen. Es geht ihnen nicht oder nicht primär um Unterhaltung, sondern um die Veränderung gesellschaftlicher bzw. politischer Zustände. Sieht man von ausdrücklich theatralischen Einlagen im Rahmen von Protestaktionen einmal ab, so bemühen sich die Akteure, das zu sagen, was sie meinen, und als das zu erscheinen, was sie sind. Gleichwohl bleibt der öffentliche Protest eine Handlungsform, dem ein Moment der Inszenierung anhaftet. Doch Gleiches gilt auch für viele unserer Rollen im Alltag und Beruf sowie für zahlreiche komplexere soziale und politische Vorgänge, seien es Trauungen, Pressekonferenzen oder Staatsfeierlichkeiten.

Allerdings handelt es sich bei Protestereignissen nicht um Inszenierungen, die lediglich auf Außenwirkung, also die Beeinflussung von Passanten, Medien, Medienpublikum und politischen Entscheidungsträgern bedacht sind. Es sind auch Inszenierungen, die Wirkung bei den Protestteilnehmern selbst erzielen sollen. Diese wollen sich im Akt des Protests ihrer Entschlossenheit, Opferbereitschaft, Einheit, Besonderheit, Massenhaftigkeit usw. vergewissern. Sie bekunden sich wechselseitig die Tatsache und Gestalt ihres Protests, stellen sich als ein identitäres Kollektiv oder auch als distinkte Gruppen innerhalb eines solchen dar, suchen ein Gemeinschaftserlebnis. Die Selbstvergewisserung als kollektiver Akteur erfolgt zuweilen wiederum medial verstärkt, indem sich die Teilnehmer nach der Protesthandlung nochmals in der Berichterstattung der Medien oder in selbst produzierten Dokumentationen, Broschüren oder Videofilmen betrachten.

Die nach zwei Seiten gerichtete Inszenierung von Protesten, die auf Außen- wie auf Binnenwirkung zielt, steht im Mittelpunkt dieses Beitrags. Als Anschauungsmaterial dienen die Demonstrationen zum Berliner 1. Mai 2002. Dieser Handlungskontext wird erstens gewählt, da es sich um ein kalendarisch fixiertes Ereignis mit einer weit zurückreichenden Geschichte handelt, das routinemäßig geplant und inszeniert wird. Im Unterschied zu Protesten aus aktuellem Anlass spielt bei solchen Erinnerungs- und Wiederholungsprotesten die Inszenierung eine besonders wichtige Rolle. Zweitens versammelt sich zum 1. Mai speziell in Berlin eine Vielzahl höchst verschiedenartiger, ja sogar politisch völlig konträrer Gruppierungen; sie alle stellen sich in diesen größeren Ereignisrahmen und sehen sich in der Traditionslinie der Mai-Proteste. Damit gelangen auch die Abgrenzungen zwischen diesen Gruppen und die damit verbundenen Inszenierungen in den Blick. Drittens findet dieses Ereignis nicht nur seinen Niederschlag in einer Vielzahl von Medienberichten. Es wurde auch im Rahmen eines Forschungsprojektes - einer Analyse des 1. Mai 2002 - in Form eines Buches ausführlich dokumentiert.[2] Dabei wurde eine "sinnverstehende" und rekonstruktive Perspektive gelegt, welche die Beteiligten ernst nimmt und klischeehafte Schilderungen zu durchbrechen sucht. Eine solche hermeneutische Perspektive, die gleichermaßen Nähe und Distanz voraussetzt, hat auch auf vermeintliche Details und "bloß" symbolische Ausdrucksformen zu achten.

Die Schauplätze des Protests

Anders als in den meisten Städten der Bundesrepublik wird der 1. Mai in Berlin seit den späten achtziger Jahren - und verstärkt seit den letzten Jahren - nicht durch ein singuläres Protestereignis begangen. Vielmehr war und ist der Berliner 1. Mai charakterisiert durch das Nebeneinander von mehreren, unabhängig voneinander organisierten Protesten, die sich über verschiedene Teile der Stadt erstrecken. Am 1. Mai 2002 galt dies für folgende Aktivitäten:

1. Die traditionellen Veranstaltungen der Gewerkschaften. Sie bestanden aus einem Protestzug, der vom Brandenburger Tor auf Umwegen zum Platz vor dem "Roten Rathaus" führte, wo eine Kundgebung abgehalten wurde. Zug und Kundgebung schlossen nicht nur diverse gewerkschaftliche Organisationen, sondern auch eine Vielzahl weiterer Akteure ein. Dazu zählten Gruppierungen aus politischen Parteien (vor allem PDS und Grüne) und linksradikale Organisationen (darunter auch solche von Immigranten), von denen einige als vehemente Kritiker der Gewerkschaften auftraten. Aber auch überparteiliche Organisationen wie Amnesty International und das Künstlerkollektiv "Art at Work" waren vertreten. Das äußere Bild der Kundgebung ähnelte einem Jahrmarkttreiben mit einer Vielzahl von Buden und Ständen. Nach unseren Schätzungen, die deutlich unter denen der gewerkschaftlichen Veranstalter liegen, beteiligten sich am Demonstrationszug weniger als 4 000 und an der Kundgebung rund 10 000 Menschen.

2. Die Kundgebung der PDS. Wie schon im Vorjahr, aber nicht mehr im Folgejahr, veranstaltete die PDS am Alexanderplatz in Berlin-Mitte, unweit der gewerkschaftlichen Kundgebung, eine eigene Protestversammlung. Diese überschnitt sich zeitlich mit der DGB-Kundgebung, ermöglichte es aber Anhängern der PDS, zumindest dem ersten Teil der Gewerkschaftskundgebung beizuwohnen. An der PDS-Veranstaltung nahmen 3 000 bis 4 000 Menschen teil.

3. Die linksradikalen Mai-Aktionen. Diese von den Veranstaltern so bezeichneten "revolutionären" Mai-Aktionen bestanden aus drei Zügen, die zu verschiedenen Zeiten starteten (13, 16 und 18 Uhr) und in ihren jeweiligen Kernen unterschiedliche ideologische Fraktionen repräsentierten. Dabei gab es allerdings fließende Übergange, zumal ein Teil der Demonstranten bei zwei oder allen drei Zügen mitmarschierte. Im Gefolge des letzten Demonstrationszuges kam es erneut zu den berühmt-berüchtigten Mai-Krawallen, die sich traditionell auf Gebiete von Berlin-Kreuzberg konzentrieren. Wiederum waren größere Sachbeschädigungen und Dutzende verletzter Polizisten und Demonstranten zu verzeichnen. Am Abend des 1. Mai fand zudem eine weitere linksradikale Kundgebung statt. Hier wurde, in ironischer Anspielung auf die Zersplitterung der linksradikalen Protestmärsche des Nachmittags, die "einzig wahre 1. Mai-Demonstration" begangen. Die Gesamtzahl der Demonstranten, die sich an diesen Veranstaltungen beteiligten, ist schwer zu schätzen, da sich Teilnehmer und Schaulustige zeitweise vermischten. Wir beziffern ihre Größenordnung auf 10 000 Menschen.

4. Der von der NPD veranstaltete Aufmarsch rechtsradikaler Gruppen. Er fand auf Drängen der Behörden nicht in der Mitte Berlins statt, sondern in Hohenschönhausen, einer Vorstadt im Nordosten. Begleitet wurde er von Hunderten von Gegendemonstranten. Etwa 700 Personen folgten dem Aufruf der NPD, wobei die große Mehrheit der Demonstranten, so die Aussage des NPD-Bundesgeschäftsführers, von außerhalb Berlins kam. Mehrere Tausend Polizeibeamte schirmten die NPD-Demonstration von den Gegendemonstranten ab.

5. Die Mai-Feste. Sie haben primär einen geselligen Charakter, können aber auch explizit politische Elemente oder Akte des puren Vandalismus einschließen. Im Jahr 2002 fanden solche Feste sowohl am Vorabend des 1. Mai ("Walpurgisnacht") am Mauerpark als auch am Nachmittag des 1. Mai am Kreuzberger Mariannenplatz statt. Das abendliche und nächtliche Fest mündete erneut in Ausschreitungen und Krawalle, während das Fest am Mariannenplatz, im Unterschied zum Vorjahr, friedlich verlief. Zusammengenommen nahmen mehrere Tausend Personen an diesen beiden Festen teil.

6. Ergänzend zu all diesen Veranstaltungen wurde eine Reihe kleinerer Protestkundgebungen angemeldet, aber nur zum Teil durchgeführt.[3] Einige dieser Anmeldungen verfolgten das Ziel, eine Genehmigung zum Protest in einem bestimmten öffentlichen Bereich zu erlangen, um damit die Autorisierung von Veranstaltungen des politischen Gegners an derselben Stelle zu verunmöglichen. Aus nahe liegenden Gründen sind die Ordnungsbehörden darum bemüht, politisch konträre Protestgruppen räumlich zu trennen.

Die Formen der Inszenierung

Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet zu einem Anlass wie dem 1. Mai, an dem die grenzüberschreitende Solidarität aller Werktätigen zum Ausdruck gebracht werden soll, immer wieder eine Zersplitterung in verschiedene ideologische Fraktionen offenkundig wird. Dies zeigte sich bereits im Gegeneinander von Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Zeit, dann in der Hochphase der Studentenrevolte, als die Protestmärsche der außerparlamentarischen Opposition den gewerkschaftlichen Veranstaltungen in Westberlin den Rang abliefen, und schließlich erneut mit den "revolutionären" Mai-Demonstrationen in Berlin. Am 1. Mai 2002 hatte diese Fraktionierung der Demonstranten in Berlin mit den bereits genannten Mai-Veranstaltungen ihren Höhepunkt erlangt. Wohl an keinem Ort der Welt, so ist zu vermuten, entfaltet sich am 1. Mai ein derart facettenreiches und in sich widersprüchliches Geschehen wie in Berlin. Hier versammeln sich konkurrierende, teilweise sogar antagonistische Protestgruppen aus (vermeintlich) gleichem Anlass. Die dabei vorgenommenen Abgrenzungen sind zum Teil offenkundig - etwa im Falle von Anhängern der NPD und den Gegendemonstranten. Sie sind jedoch teilweise auch sehr subtiler Natur, so dass sie nur für Insider deutlich werden. Dies gilt für die Differenzierungen innerhalb des linksradikalen Lagers, aber auch für Teilnehmer an der NPD-Veranstaltung, die sich in verschiedene Subgruppen aufteilen.

Die Präsentation nach außen

Mit Ausnahme der Teilnehmer an den beiden Mai-Festen wollen alle sich als politisch verstehenden Protestakteure am 1. Mai eine bestimmte Außenwirkung erzielen. Sie tun dies jedoch mit unterschiedlichen Erwartungen und Darstellungsformen. Manche Akteure begnügen sich damit, Aufmerksamkeit zu erregen, während andere, darüber hinausgehend, aktiv um Zustimmung werben. Fast durchgängig streben die Protestgruppen jedoch danach, durch geeignete Aktions- und Präsentationsformen in den Medien Beachtung zu finden. Das schließt allerdings nicht aus, dass einzelne Gruppen auch darum bemüht sind, das Straßenpublikum anzusprechen und in das Geschehen einzubeziehen.

Die Medienaufmerksamkeit folgt bestimmten Regeln, insbesondere den so genannten Nachrichtenwerten bzw. Nachrichtenfaktoren,[4] welche die Protestgruppen mehr oder weniger gezielt und kompetent in Rechnung stellen. Zur Erzeugung massenmedialer Aufmerksamkeit stehen Protestakteuren vier grundlegende Möglichkeiten zu Verfügung, nämlich erstens die Mobilisierung einer großen Zahl von Protestteilnehmern, zweitens ein hoher Konflikt- bzw. Radikalitätsgrad der Aktion, drittens die Unterstützung durch prominente Personen bzw. Organisationen und schließlich viertens die Originalität bzw. Außergewöhnlichkeit der Handlungsform.[5] Auf eine Formel gebracht: Je massenhafter, radikaler, kreativer die Aktion und/oder je prominenter die Unterstützer, desto wahrscheinlicher ist die Berichterstattung in den Medien und desto größeren Raum wird sie einnehmen.[6] Andere Faktoren erhöhen ebenfalls die Wahrscheinlichkeit der Berichterstattung. Dazu zählen etwa die Symbolträchtigkeit des gewählten Zeitpunktes und/oder Ortes des Protests, dessen räumliche Nähe zur Redaktion und zum Publikum sowie die von den Protestierenden in Kauf genommenen Opfer bzw. Risiken (zum Beispiel im Falle eines Hungerstreiks oder einer Repressionsdrohung). Allerdings können bzw. wollen nicht alle Protestakteure gleichermaßen diese Nachrichtenfaktoren maximieren. Sektiererische, ihren Anhängern hohe Opfer abverlangende Protestgruppen vermögen kaum eine Massenbasis zu erlangen; Massenproteste beschränken sich in der Regel auf ein eher seltenes, kurzzeitiges und wenig aufwändiges Engagement; gewaltförmige Proteste verbieten sich vielen Menschen aus Respekt vor moralischen und rechtlichen Regeln; Prominente lassen sich zumeist nur von als "seriös" geltenden Protestakteuren "einspannen". Oft haben somit die Protestgruppen konkurrierende Gesichtspunkte gegeneinander abzuwägen. Schließlich gibt es auch den eher seltenen Fall, dass Protestgruppen - oft aufgrund schlechter Erfahrungen - sich nicht oder kaum um die Reaktion der Medien scheren.

Im Falle des Berliner 1. Mai waren und sind es insbesondere die Gewerkschaften, die durch Massenhaftigkeit das breite Publikum beeindrucken wollen. Die im langen Zeitverlauf abnehmende Beteiligung[7] an den gewerkschaftlichen Mai-Kundgebungen (vgl. die Abbildung) veranlasste allerdings die Organisatoren dazu, die Veranstaltungen zu verändern. So öffneten sie sich zunehmend für die Beteiligung nichtgewerkschaftlicher Akteure und suchten zudem das Geschehen attraktiver zu gestalten.

Die Fixierung auf die schiere Größe der Kundgebung zeigte sich nicht zuletzt daran, dass die gewerkschaftlichen Organisatoren in der Vergangenheit mehrfach Journalisten kritisierten, weil diese - nach Auffassung der Gewerkschaften - zu niedrige Teilnehmerzahlen angegeben hatten. Ein weiteres Indiz für die Bedeutung von Teilnehmerzahlen ist, dass am 1. Mai 2002 eine Organisatorin des DGB die Zahl der Kundgebungsteilnehmer zunächst auf 10 000 beziffert und kurz danach auf 25 000 erhöht hatte, ohne dass sich, einhelligen Aussagen mehrerer Beobachter unserer Forschungsgruppe zufolge, die Größenordnung der Kundgebung erkennbar verändert hätte.

Der gewerkschaftliche Protestzug und die sich anschließende Kundgebung vermitteln das Bild einer in sich schwach differenzierten Kerngruppe, an die sich diverse nichtgewerkschaftliche Gruppen anlagern. Dazu gehören kommunistische Splitterparteien, linke Ausländergruppen, PDS und Bündnis 90/Die Grünen, aber auch parteipolitisch neutrale Organisationen. Von über 60 verschiedenen Gruppen wurden Flugblätter und Schriften verteilt. Insgesamt vermittelt die gewerkschaftliche Veranstaltung den Eindruck einer großen Vielfalt, der auch durch eine Fülle von Zeichen verstärkt wird. Bei den diversen politischen Gruppen finden sich einerseits standardisierte Fahnen und Plakate, andererseits aber auch individuell angefertigte, teilweise handgemalte Spruchbänder, Schilder und dergleichen. Stärker als jede andere Farbe tritt das Rot der Fahnen und Transparente in Erscheinung, wobei sich eine enge Korrespondenz zwischen der Verwendung dieser Farbe und der Radikalität der Gruppe zeigt. Gleichwohl entsteht eher das Bild einer "bunten" als einer "roten" Veranstaltung. Zu diesem Eindruck tragen auch zahlreiche Luftballons, die aufgeblasene "Blaue Hand" einer politischen Künstlergruppe (Art at Work) und eine ausländische Tanzgruppe in farbenfroher Tracht bei.

Auffällig ist die Offenheit des gesamten Arrangements. Weder der Demonstrationszug noch der Platz der Kundgebung sind nach gewerkschaftlichen und nichtgewerkschaftlichen Gruppen aufgeteilt. Neugierige oder Sympathisanten können sich an jeder Stelle des Demonstrationszuges (mit Ausnahme der Spitze) einreihen. Am Kundgebungsplatz ist der Unterschied zwischen Zuschauern und Demonstranten völlig verwischt. Auch wenn hochgradig ideologisierte Gruppen in diesem lockeren Rahmen auftreten und beispielsweise durch Informationsstände ihren Raum beanspruchen, auch wenn die politischen Reden und Aussagen der Gewerkschaftsvertreter formal im Zentrum stehen, so vermittelt das Ganze doch keineswegs den Eindruck einer rein politischen Veranstaltung. Aufgelockert wird das Geschehen nicht zuletzt durch das breite Angebot an Speisen und Getränken, die Offerten zum Kauf von Luftballons und T-Shirts, die bereitgestellten Spielmöglichkeiten für Kinder sowie die Unterhaltungselemente auf und vor der Bühne. Diese Elemente sollen der Veranstaltung ihren ernsten und biederen Charakter nehmen und stattdessen das Flair eines Volksfestes erzeugen. Nichts liegt zudem den Gewerkschaften ferner, als durch Sachbeschädigungen oder gar Angriffe auf Personen hervorzutreten. Gleiches gilt für die Veranstaltung der PDS, die, im Unterschied zur Kundgebung der Gewerkschaften, jedoch alle Buntheit und Lockerheit vermissen ließ. Hier wurde vielmehr jener demonstrative Ernst an den Tag gelegt, der die gewerkschaftlichen Veranstaltungen in früheren Phasen ausgezeichnet hatte.

Auch die Organisatoren der "revolutionären" Mai-Demonstrationen sind um möglichst große Teilnehmerzahlen bemüht, wollen sie damit doch verdeutlichen, dass Linksradikalität nicht eine Sache winziger Minderheiten ist. Allerdings suchen sie weniger die breite Masse als vielmehr ihre spezifische Klientel anzusprechen. Das bevorzugte Mittel dazu sind Plakate und Szenezeitschriften. Besonders ausgeprägt ist zudem das Bemühen, die alltagsweltliche Verbundenheit mit der Kiez-Bevölkerung zu verdeutlichen. Der Linksradikalismus soll namentlich den sozial Benachteiligten und Ausgegrenzten eine Stimme verleihen. Entsprechend berichten Linksradikale in ihren Organen voller Stolz über einzelne Sympathiebekundungen von Anwohnern, über Aggressionen von "Normalbürgern" gegen Ordnungskräfte oder über Plünderungen, an denen sich die "kleinen Leute" beteiligt hätten.

Mit Verbalradikalismus und einzelnen Sympathiebekundungen lässt sich allerdings schwerlich die Aufmerksamkeit der Medien gewinnen. Auch aus diesem Grund, und nicht nur als Zeichen revolutionärer Gesinnung, setzen die Linksradikalen auf das Mittel der Konfrontation, der Unkalkulierbarkeit und der Drohung. Werden ihre politischen Kritikpunkte und Forderungen von den etablierten Medien ignoriert oder wird über sie mit unverhohlener Distanz berichtet, so sichert immerhin die Störung der "öffentlichen Ordnung" eine beachtliche Medienresonanz. Damit wird die Störung als solche zur politischen Botschaft, signalisiert sie doch Entschlossenheit, Unbeugsamkeit und Renitenz. Verzerrende Medienberichte und vernichtende Kommentare bestätigen das Weltbild der Linksradikalen, wonach zwischen ihnen und allen jenen, die sich mit dem "System" arrangiert haben, eine unüberwindbare Kluft bestehe. Diese Kluft markieren sie ihrerseits durch die Radikalität in Wort und Tat, aber auch durch Habitus, Kleidung und optische Signale. Am deutlichsten geschieht dies in der Manifestation des "Schwarzen Blocks", in dem sich die militanten "Straßenkämpfer" zusammenfinden und von den übrigen Demonstrationsteilnehmern separieren. Das Gegenstück dazu ist die Phalanx hochgerüsteter Polizeikräfte. Mit dem erwartbaren Zusammenprall beider Seiten ist der Höhepunkt des Spektakels erreicht. Nicht nur die professionellen Kameraleute bekommen "ihre" Bilder. Auffällig ist auch, wie viele Foto- und Videokameras auf Seiten der Demonstranten im Einsatz sind. Neben dem Motiv einiger Demonstranten, mögliche Polizeiübergriffe zu dokumentierten, dürfte auch Sensationslust im Spiele sein.

Die drei Demonstrationszüge des "revolutionären" 1. Mai, deren formale Differenz durch ihre verschiedenen Startzeiten markiert wird, weisen ein je spezifisches, wenngleich nicht sehr kompaktes ideologisches und optisches Profil auf. Während sich die 13-Uhr-Demonstration in ihrer linksorthodoxen Symbolik noch am ehesten als ideologisch geschlossen darstellt, wirken die 16-Uhr- und die 18-Uhr-Demonstration durchmischter. Für manche Teilnehmer sind diese Demonstrationen jedoch nur das Vorspiel für den Abend, für die Stunden der "Straßenkämpfer" und des vermeintlichen Ausnahmezustandes, dessen Ursprungsmythos in dem unerwarteten "Kiezaufstand" vom 1. Mai 1987 gesehen wird.

Bei aller Verschiedenheit der drei Züge - die Symbolik von Radikalität und teilweise auch Provokation, wie immer sie im Einzelnen ausgedrückt wird, ist das übergreifende Kennzeichen der "revolutionären" Mai-Demonstrationen. Analog zu den gewerkschaftlichen Veranstaltungen sind auch hier die Grenzen zwischen den beteiligten Gruppen und den Sympathisanten relativ offen. Obgleich die Demonstrationszüge, anders als im Falle der Gewerkschaften, belebte Wohnquartiere mit teilweise engen Häuserschluchten durchqueren und damit eine physische Nähe zu Anwohnern und Passanten herstellen, bleiben diese doch eher am Rande des Geschehens. Der Gestus der Radikalität und des in Szene gesetzten "abweichenden Verhaltens", die Massierung von sub- und gegenkulturellen Symbolen, nicht zuletzt die unübersehbare Polizeipräsenz schaffen zumindest phasen- und streckenweise, und vor allem mit fortschreitender Stunde, einen sozialen Raum, der durch Differenz, Spannung und teilweise auch aggressive Symbolik markiert ist. Damit entstehen soziale Anziehungs- und Abstoßungskräfte, die das Terrain wie ein Magnetfeld strukturieren. Angezogen werden einerseits erfahrungshungrige Jugendliche, darunter auch viele türkischer Abstammung, von denen sich ein Teil ohne wirklich politische Motive unter die Demonstranten mischt und den Krawall erhofft; abgestoßen werden andererseits die "ordentlichen" Bürgerinnen und Bürger, die sich von den Vorgängen bedroht oder angewidert fühlen und darin durch eine Vielzahl von Presseberichten bestärkt werden.

Die Anhänger der NPD sind ebenfalls auf optische Grenzziehung bedacht. Dem dient die Einheitlichkeit bestimmter äußerer Merkmale - Glatze oder Kurzhaarschnitt, Jacken, Stiefel - sowie das Auftreten in einem geschlossenen Block. Die Grenze zwischen innen und außen ist damit scharf markiert. Umschlossen wurde der Demonstrationszug am 1. Mai 2002 von starken neutralen Kräften (der Polizei). Weiter außen befanden sich die Gegendemonstranten, die nur in begrenzter Zahl von derPolizei zugelassen wurden. Die Kontrollen im Vorfeld der Veranstaltung, der geschlossene und massive Polizeikordon um den Demonstrationsblock der Rechten, die ständige Anwesenheit von Gegendemonstranten mit ihren demütigenden Rufen ("Nazischweine, Schüsse in die Beine" oder "Dumm, und kahl, und asozial", "Nazis verpisst euch, keiner vermisst euch"), die scharfen Reaktionen auf Seiten der Rechten ("Wir haben Euch was mitgebracht: HASS, HASS, HASS!"; "Schlagt den Roten die Schädeldecke ein"), schließlich das fast leere Umfeld der angrenzenden Straßen und Plätze in der näheren Umgebung lassen das Geschehen fast als surreal erscheinen.

Im Unterschied zu den übrigen Demonstrationen existieren bei der Veranstaltung der NPD keine Zonen des Übergangs, in denen sich Neugierige und Demonstranten mischen, Nachzügler einreihen oder Demonstranten vorübergehend oder vorzeitig abwandern könnten. Geschlossenheit entspringt in diesem Fall nicht nur expressivem Bekennertum, sondern auch dem konkreten Schutzbedürfnis der rechtsradikalen Demonstranten. Angesichts der linken Gegendemonstranten könnten sie es kaum riskieren, einzeln oder in Kleingruppen aufzutreten. Anders als bei den übrigen Demonstrationen sammeln sich die Rechtsradikalen an öffentlich nicht genannten Plätzen am Stadtrand, um dann unter dem Geleit der Polizei mit U-Bahn bzw. S-Bahn als "geschlossene Gesellschaft" zum Ort der Kundgebung zu gelangen. Die NPD-Demonstration nimmt damit den Charakter einer "wandernden Insel" an, wie es Chronisten und Interpreten des Geschehens genannt haben.[8] Die rechtsradikalen Demonstranten selbst unterstreichen den Eindruck ihrer sozialen Isolierung durch einen teilweise trotzigen Habitus und den zur Schau getragenen Stolz, einer Art politischer Elite anzugehören. Auf diese Weise wird von außen wie von innen das Bild einer politischen Sekte erzeugt, obgleich die Redner, in augenfälliger Diskrepanz zu diesem Eindruck, versichern, dass sie "immer mehr die Herzen der Jugend erobern". Auffällig ist zudem das Bemühen, sich als Teil des "Volkes" zu präsentieren und die Bewohner des Stadtteils Hohenschönhausen anzusprechen. Sogar der schon damals eher Distanz denn Nähe erzeugende Slogan der Studentenbewegung ist von den Rechten zu hören: "Bürger lasst das Glotzen sein, auf die Straße, reiht Euch ein."

Wie die militanten Linksradikalen liefern auch die NPD-Demonstranten den Medien eingängige und in diesem Sinne ideale Bilder: der markante Block der Rechtsradikalen mit den bekannten Insignien, der ihn umgebende Kordon von Polizisten und schließlich die außerhalb davon sich gruppierenden Gegendemonstranten, welche die Rechtsradikalen verhöhnen und von diesen wiederum mit Spott und Beschimpfungen bedacht werden. Eine weitere Facette der NPD-Demonstration ist das sichtliche Bemühen, einerseits Entschlossenheit und Kampfbereitschaft zu bekunden, andererseits aber ein "ordentliches" öffentliches Erscheinungsbild abzugeben. Dies betrifft Kleidung und Haarschnitt, schließt aber auch eine durch Ordner gewährleistete Verhaltenskontrolle seitens der Veranstalter ein: Weder tätliche Auseinandersetzungen noch Alkoholgenuss werden gebilligt. Damit setzen sich die Rechtsradikalen gezielt von den linken Gegendemonstranten ab, deren Aussehen und Habitus stärker durch Missachtung von Konventionen bestimmt ist und gewiss nicht den Eindruck von "Ordentlichkeit" erzeugen will.

Die innengerichtete Inszenierung

Neben den nach außen adressierten Botschaften richten sich andere Signale der Protestierenden an die Protestierenden selbst. Die Mai-Veranstaltungen sind ritualisierte Beschwörungen von Gemeinschaften. Sie ermöglichen identitätsverbürgende Grenzziehungen. Die damit symbolisierten Gemeinschaften kommen zusammen, um sich ihrer selbst zu vergewissern und mit ihrer Binnenkommunikation für sich Sinn zu stiften. Dabei handelt es sich im strikten, d.h. ethnologischen Sinne des Wortes um Rituale. Als solche sind sie zumindest für die Beteiligten keineswegs stupide Wiederholungen. Vielmehr besitzen sie einen sozial und psychologisch bedeutsamen Wiedererkennungswert. Zudem wird das vertraute Grundmuster des Ereignisses Jahr für Jahr mit zeit- und situationsspezifischen Elementen angereichert. Nicht zuletzt besitzen die Demonstrationsrituale auch einen "transformativen" Charakter, indem sie auf die Beteiligten und möglicherweise auch den weiteren sozialen Kontext zurückwirken.

Eine weitere Funktion dieser expressiven Selbstdarstellung ist die über Symbole hergestellte Markierung von Subgruppen, die primär für die Binnenkommunikation von Bedeutung ist. Dies gilt in besonderem Maße für die drei Protestmärsche der Linksradikalen, mit denen ideologisch konkurrierende Fraktionen ihre Identität behaupten wollen und deshalb offensichtlich auf die Möglichkeit eines geschlossenen Auftretens verzichten. Aber auch im Protestzug der Rechtsradikalen sind Subgruppen auszumachen, die durch subtile Symbole oder mittels mitgeführter Schilder ihre Identität - etwa als freie Kameradschaften im Unterschied zu Gliederungen der NPD - deutlich machen wollen. Selbst die Untergliederungen des DGB verzichten nicht darauf, sich als einzelne Fachgewerkschaften oder deren Ortsverbände mittels Fahnen, Mützen, Transparenten usw. auszuweisen. Hierbei wird aufmerksam registriert, wer die größten Bataillone zu mobilisieren vermag.

In unterschiedlicher Intensität und Nuancierung wird damit gerade am 1. Mai die Inszenierung von Gemeinschaften bedeutsam. Das wichtigste Werkzeug hierfür sind Symbole verschiedenster Art. Sie reichen von einem unscheinbaren Detail, etwa der Farbe eines Schnürsenkels oder einem kleinen Button, über auffällige Kleidungsstücke bis hin zur Präsentation eines kollektiven Massenkörpers. Einige dieser Symbole, zum Beispiel Hammer und Sichel auf dem überdimensionalen Transparent einer türkischen kommunistischen Partei, sind fürBeobachter unmittelbar erschließbar. Andere dagegen besitzen nur für die Eingeweihten eine erkennbare Bedeutung. In der Subtilität mancher Symbole erweist sich erst, wer zum Kreis der Insider gehört und wer nicht. Beispielsweise öffnete ein rechtsradikaler Demonstrant am 1. Mai 2002 seine Jacke gerade so weit, dass sein darunter getragenes T-Shirt mit dem Aufdruck der Kleidermarke CONSDAPLE die mittlere Buchstabenfolge NSDAP - die Abkürzung für Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei - sichtbar machte. Ein weiterer Aspekt des Symbolgebrauchs ist der Kampf um Symbole, erkennbar etwa daran, dass Enteignungen und Umdeutungen angestammter Symbolverwendungen vorgenommen werden. Hierzu zählen das mit einem Portrait von Che Guevara verzierte T-Shirt eines jungen NPD-Ordners, aber auch die Tatsache, dass der 1. Mai als traditioneller Tag der Linken spätestens seit 1933 von rechten Gruppen als ein "Feiertag der nationalen Arbeit" beansprucht wird.[9] Immerhin, so ein Sprecher der NPD, hätten es nicht die Linken, sondern die Nationalsozialisten geschafft, den 1. Mai zum offiziellen Feiertag zu erheben.

Medienresonanz

Wie schon in den Vorjahren füllten die Ereignisse des Berliner 1. Mai 2002 die Titelseiten der Berliner Blätter, wurden auch von anderen Zeitungen aufgegriffen und belegten den ersten Platz in den Abendnachrichten mehrerer Fernsehsender.[10] Diese öffentliche Beachtung stellen die Akteure bei ihren Inszenierungen in Rechnung. Obgleich sie die Berichterstattung in mancher Hinsicht beeinflussen können, fehlt ihnen letztlich die Kontrolle über das Ob, Was und Wie der Medienresonanz. Diese fällt bei näherem Zusehen durchaus differenziert aus, wird aber vor allem in ihren Kommentierungen von einem relativ einheitlichen Tenor durchzogen: Die etablierten Medien unterstreichen den rituellen - und damit ist gemeint: den im Grunde berechenbaren und deshalb langweiligen - Charakter des 1. Mai. Bereits seit den siebziger Jahren finden sich in der Bundesrepublik entsprechende Kommentare mit zuweilen sarkastischem Unterton.

Im Allgemeinen wurde und wird jedoch über die gewerkschaftlichen Veranstaltungen sachlich und teilweise sogar wohlwollend berichtet. Trotz aller Klagen der Organisatoren über eine unzureichende Medienresonanz ist festzuhalten, dass Forderungen der Gewerkschaften und zentrale Aussagen ihrer Redner korrekt wiedergegeben und häufig auch wörtlich zitiert werden.

Dagegen ist die Berichterstattung über links- und rechtsradikale Demonstranten stärker von negativen Wertungen, populistischen Untertönen und Effekthascherei bestimmt. Werden die Linksradikalen vor allem als Vermummte und als Steinewerfer portraitiert, so kommt auch das Bild von den NPD-Demonstranten über Klischees nicht hinaus. Gezeigt werden nicht die unauffällig aussehenden Rechtsradikalen, sondern solche mit Glatzen, Stiefeln und Tätowierungen. Was die Rechten wollen und was ihre Redner sagen, wird von den Medien ebenso ausgeklammert wie im Falle der Linksradikalen.

Markantestes Kennzeichen der Medienberichte ist die Gewaltfixierung. Jahr für Jahr werden die Zusammenstöße von Teilen der linksradikalen Szene und unpolitischen Jugendlichen auf der einen Seite und der Polizei auf der anderen Seite in den Mittelpunkt gerückt. Dabei zeichnen sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ein im Grunde immer gleiches, an der Oberfläche bleibendes Bild, das an ein Schlachtengemälde erinnert. Hinzu kommen die Berichte über den Streit um die angemessene Polizeistrategie und die statistische Bilanz: Zahl der eingesetzten Polizisten, Ausmaß von Personen- und Sachschäden, Umfang der Verhaftungen.[11] Vor allem die Boulevardpresse zitiert zudem regelmäßig "Volkes Stimme", mit der Verständnislosigkeit oder gar Abscheu zum Ausdruck gebracht wird. Im Gesamtbild verdichtet sich beim breiten Publikum der Eindruck, der Berliner 1. Mai sei ein seltsames Gemisch ritualisierter Langeweile und ebenso ritualisierter Drohgebärden, das unausrottbar zum politischen Kalender gehöre, aber keine weitere Beachtung verdiene.

Vom Sinn des Protestrituals

Die seit 1890 durchgeführten Mai-Veranstaltungen bieten einen sehr allgemeinen Handlungs- und Deutungsrahmen, der von unterschiedlichen und teilweise sogar politisch antagonistischen Akteuren mit jeweils aktuellen Inhalten, Forderungen und Symbolen gefüllt wird. Wie gezeigt wurde, haben die Veranstaltungen einen Doppelcharakter, indem sie sich nach außen wie nach innen wenden. Dies spiegelt sich bereits in der ursprünglichen Konzeption des 1. Mai, der von Anfang an zugleich als Kampftag und als Feiertag begangen wurde.

Die kämpferische Seite war und ist primär nach außen gerichtet; damit zeigen die Protestakteure dem Publikum wie dem politischen Gegner ihre Präsenz und Stärke. Die festliche Seite des 1. Mai, bei der die gemeinschaftsstiftende Funktion im Vordergrund steht, war in den ersten Jahrzehnten der Mai-Tradition zeitlich und räumlich zumeist von den politischen Demonstrationen und Kundgebungen getrennt. Sie bestand aus nachmittäglichen oder abendlichen Feiern im Grünen oder in geschlossenen Räumen, zuweilen garniert mit Tanz, Theater oder Singspielen. In den heutigen Berliner Mai-Veranstaltungen der Gewerkschaften sind diese beiden Aspekte verknüpft. Dagegen organisiert die außergewerkschaftliche Linke einerseits ihre "revolutionären" Mai-Demonstrationen, beteiligt sich aber andererseits, zusammen mit einem bunt gemischten lokalen Szene-Publikum, auch an den Festen am Vorabend und am Nachmittag des 1. Mai.

Während Außenstehende von den Veranstaltungen zum 1. Mai kaum Notiz nehmen oder das Treiben als ein "sinnentleertes Ritual" kritisieren, sehen dies die Teilnehmer offenkundig anders. Sie beharren darauf, dass sie der Öffentlichkeit etwas mitzuteilen haben. Darüber hinaus besteht eine wichtige latente Funktion ihrer Mai-Veranstaltungen in der Symbolisierung und Beschwörung von Gemeinschaften, welche sich durch explizite politische Botschaften, aber auch durch diverse Stammesriten voneinander abgrenzen. Durch seine Wiederholung verliert dieses Ritual ebenso wenig an Sinn wie eine tägliche Begrüßung oder eine alljährliche Geburtstagsfeier. Rituale sind mehr und etwas anderes als Nachrichten, die sich durch Wiederholung entwerten.

Die sich am 1. Mai inszenierenden Gemeinschaften platzieren sich innerhalb eines komplexen politischen und sozialen Geschehens, von dem nur manches für die breite Öffentlichkeit sichtbar und verstehbar wird. Das politisch-ideologische Koordinatensystem der Mai-Veranstaltungen wird allerdings nicht nur durch die symbolischen Konstruktionen der Akteure selbst, sondern auch durch die teilweise extern definierte Geografie des Demonstrationsgeschehens versinnbildlicht. Die Veranstaltung der Gewerkschaften als des weithin als legitim angesehenen Akteurs ist nicht zufällig im Herzen der Stadt angesiedelt: Das Brandenburger Tor war Ausgangspunkt des Demonstrationszuges; der Platz vor dem Roten Rathaus war Ort der Kundgebung. Die PDS, der eine Verankerung im Westteil der Stadt weitgehend fehlt, führte ihre Kundgebung folgerichtig auf dem Alexanderplatz, dem Zentrum des Ostteils, durch. Die Linksradikalen bewegten sich vor allem in den Szenevierteln von Berlin-Mitte und Kreuzberg. Entgegen ihrem Wunsch wurden sie von "sensiblen" Bereichen, etwa der "Glasmeile Friedrichstraße", fern gehalten. Die Rechtsradikalen, die ebenfalls imZentrum demonstrieren wollten, wurden auf einen nordöstlichen Außenbezirk verwiesen. Die Demonstrationen der radikalen Linken und der NPD sind somit die Negativfolien, um den Ort der Mitte und der Normalität zu bestimmen. Die Akteure der politischen Mitte grenzen sich in einer symbolischen Ordnung von Positionen ab, die als extrem oder radikal bezeichnet werden. Diese Zuschreibungen scheinen selbstevident: Genauso wie das Bild der politischen Mitte mit Stabilität und Ausgleich assoziiert wird, erscheinen Abweichungen nach links oder rechts als eine Bedrohung der herrschenden Werte. Ex negativo dienen so die Proteste der Radikalen gegen die bestehende politische und ökonomische Ordnung dazu, diese Ordnung aufrechtzuerhalten. Indem man die Steinewerfer oder die NPD-Demonstranten verurteilt, indem man sich alljährlich der Abscheulichkeit von Gewalt versichert und festlegt, welche Phänomene in der Gesellschaft inakzeptabel sind, versichert man sich eines sozialen Konsenses und bestärkt diesen.

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Fußnoten

1.
Dies gilt selbstredend nicht nur für Protestakteure. Vgl. allgemein dazu Hans Mathias Kepplinger, Ereignismanagement. Wirklichkeit und Massenmedien, Zürich 1992.
2.
Vgl. Dieter Rucht (Hrsg.), Berlin, 1. Mai 2002. Zur Inszenierung politischer Rituale, Opladen 2003. Vorausgegangen waren dem eine Beschäftigung mit der Geschichte der Proteste zum 1. Mai im Deutschland des 20. Jahrhunderts (vgl. ders., "Heraus zum 1. Mai!" Ein Ritual im Wandel, 1950 - 1999, in: ders. [Hrsg.], Protest in der Bundesrepublik. Strukturen und Entwicklungen, Frankfurt/M. 2001, S. 143 - 172), eine Analyse der Medienreaktionen auf die Londoner Mai-Proteste im Jahr 2000 (ders., Antikapitalistischer und ökologischer Protest als Medienereignis: Zur Resonanz der Proteste am 1. Mai 2000 in London, in: Achim Brunnengräber/Ansgar Klein/Heike Walk [Hrsg.], Legitimationsressource NGOs. Zivilgesellschaftliche Partizipationsformen im Globalisierungsprozeß, Opladen 2001, S. 259 - 283) sowie eine begleitende Beobachtung der Berliner Proteste am 1.Mai im Jahr 2001.
3.
Am 1. Mai fanden insgesamt 16 und am Vortag drei Veranstaltungen statt, die thematisch auf den 1. Mai bezogen waren.
4.
Vgl. Joachim Friedrich Staab, Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt, München-Freiburg 1990. Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Thomas Meyer in diesem Heft.
5.
Einer journalistischen Faustregel zufolge besitzt der Vorgang "Mann beißt Hund" einen höheren Nachrichtenwert als der weitaus häufigere Vorgang "Hund beißt Mann".
6.
Die Berücksichtigung dieser Faktoren steht im Rahmen einer Strategie der Anpassung an die Mechanismen und Erwartungen der Massenmedien. Daneben stehen Protestbewegungen jedoch andere Strategien wie die offensive Kritik an den Medien oder die Nutzung bewegungseigener Medien zur Verfügung. Vgl. dazu Dieter Rucht, Medienstrategien sozialer Bewegungen, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 16 (2003) 1, S. 7 - 13.
7.
Um die Wende zu den sechziger Jahren erreichten die gewerkschaftlichen Kundgebungen in Westberlin Spitzenwerte mit rund 700 000 Teilnehmern. Bei diesen Kundgebungen stand allerdings nicht so sehr der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, sondern vielmehr die Abgrenzung zu den kommunistischen Regimen im Osten im Mittelpunkt. Entsprechend wurden diese Veranstaltungen, denen organisierte Aufmärsche am 1. Mai in Ostberlin gegenüberstanden, als "Freiheitskundgebungen" verstanden.
8.
Vgl. Jesus Casquete/Ingo Grastorf, "Die Schlacht um die Straße": Die 1. Mai-Demonstration der NPD in der "Reichshauptstadt", in: D. Rucht, Berlin (Anm. 2), S. 101 - 141.
9.
In jenem Jahr fanden sich auf dem Tempelhofer Feld in Berlin Zeitungsberichten zufolge 1,5 Millionen Menschen unter Hakenkreuzfahnen zusammen.
10.
Vgl. Michael Blickhan/Simon Teune, Die Lust am Ausnahmezustand - Der Berliner 1. Mai im Spiegel der Medien, in: D. Rucht, Berlin (Anm. 2), S. 185 - 220. Innerhalb eines Untersuchungszeitraums vom zwei Monaten (beginnend einen Monat vor dem 1. Mai) registrierten die Autoren in 13 bundesweiten bzw. Berliner Tages- und Wochenzeitungen 387 Artikel, die über den 1. Mai 2002 in Berlin berichteten (ebd., S. 190).
11.
Vgl. dazu Regina Kanzler/Alex Kolodziejcyk/Katja Schmidt, "Erfolgreich und mit Heldentum verteidigt!" Die Rolle von Polizei und Justiz am 1. Mai 2002 in Berlin, in: D. Rucht, Berlin (Anm. 2), S. 143 - 183.