Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Friedrich Wilhelm Graf

Ein Kreuz. Zum aktuellen Religionsdiskurs in Deutschland - Essay

Wer sich derzeit zu Religionsdebatten in Deutschland äußert, kann die Kontroversen über den sogenannten Kreuz-Erlass der Bayerischen Staatsregierung nicht ignorieren. Zu Recht hat die umstrittene Initiative des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder weit über Bayern und Deutschland hinaus viel Aufmerksamkeit erregt. Erneut zeigt sich: Die in den 1950er Jahren von vielen Sozialwissenschaftlern im engen Zusammenhang mit allzu fortschrittsoptimistischen "Modernisierungstheorien" vertretene Annahme, dass "mehr Moderne" "weniger Religion" bedeute und die modernen "westlichen" Gesellschaften durch eine sich beschleunigende "Säkularisierung" geprägt seien, ist empirisch gesehen falsch. So ist nicht nur die US-amerikanische Gesellschaft in vielen Bezügen, etwa mit Blick auf Technologie und wissenschaftliche Innovationskraft, höchst modern, aber zugleich von oft sehr starken religiösen Bindungen geprägt. Auch in einigen europäischen Gesellschaften finden sich starke religiöse Kräfte mit zum Teil erheblichem Einfluss auf die Politik. Die Intensität des öffentlichen Streits um den "Kreuz-Erlass" der Bayerischen Staatsregierung lässt erkennen, dass gerade auch in Deutschland gelebter christlicher Glaube keineswegs nur eine Privatsache vieler frommer Individuen ist, sondern von breiten Kreisen der Bevölkerung als eine politisch wichtige, nichts Geringeres als die Grundlagen des Zusammenlebens betreffende Kraft eingeschätzt wird.

Seitdem das Spektrum des religiösen Pluralismus vor allem durch die Einwanderung von Muslimen deutlich breiter, differenzierter, bunter geworden ist, sieht sich die deutsche Gesellschaft mit zahlreichen neuen religionsbezogenen Konflikten konfrontiert: dem Streit um die Beschneidung jüdischer und muslimischer männlicher Neugeborenen und Knaben, den Kontroversen um das Kopftuch von Frauen im öffentlichen Dienst, den Protesten konservativer muslimischer Eltern gegen den Schwimmunterricht ihrer Töchter, den Irritationen über die Burka reicher Frauen aus den Golf-Staaten und den zum Teil aggressiv ausgetragenen Debatten um das Schächten. Mehr Verschiedenheit bedeutet in aller Regel auch mehr Konflikt, und da die drei großen monotheistischen Religionsfamilien Judentum, Christentum und Islam sich auf je eigene Weise auch auf uralte Vorstellungen von der unbedingten Geltung des "Gesetzes Gottes" stützen, kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen dem positiven Recht des Staates und den Normen des religiösen Eigenrechts.[1]

Die neue religiöse und weltanschauliche Vielfalt hat beispielsweise auch dazu geführt, dass alte, schon in den einst religiös weithin homogenen – und doch sehr oft auch von extrem harten Kulturkämpfen zwischen Protestanten und Katholiken geprägten – dominant christlichen Gesellschaften umkämpfte moralische Streitthemen erneut auf die öffentliche Agenda gesetzt worden sind: Ist mannmännliche oder lesbische Liebe als solche Sünde, oder muss sie der Staat als gelebte Manifestation der Selbstbestimmung zweier autonomer Individuen durch Institutionalisierung der Ehe für alle rechtlich schützen und fördern? Gibt es um individueller Freiheit willen ein Recht auf einen selbstbestimmten Tod oder, um das Problem in prägnanter Zuspitzung zu bezeichnen, ein Grundrecht des Todesbereiten auf ärztliche Assistenz beim gewollten Suizid?

Moralische Konflikte dieser Art betreffen den öffentlichen Religionsdiskurs, weil in Deutschland – vielleicht stärker als in anderen europäischen Gesellschaften – religiöser Glaube oft als wichtigste Quelle für "Werte" und gelebte "Sittlichkeit" gesehen wird und gerade viele Politiker und Politikerinnen den Kirchen und anderen religiösen Organisationen die Aufgabe der "Wertebildung" und "Werterziehung" zuschreiben. Mit Blick auf den Streit um seinen Kreuz-Erlass kündigte der bayerische Ministerpräsident kurz vor Pfingsten etwa an, "Vertreter der beiden großen Kirchen" und anderer Religionsgemeinschaften zu einem "runden Tisch" einzuladen, an dem über "Werte, Kultur und Identität des Landes" gesprochen werden solle.[2]

Der Ministerrat des Freistaates Bayern hatte am 24. April beschlossen: "Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes im Freistaat ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns deutlich wahrnehmbar ein Kreuz als sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland anzubringen. (…) Das Kreuz ist das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung." Als Markus Söder nach der Kabinettssitzung, in der der Beschluss einstimmig gefasst worden war, in der Eingangshalle der Staatskanzlei demonstrativ ein Kreuz aufhängte, erklärte er gar: "Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion"[3] – eine steile und historisch gesehen falsche Behauptung, die Söder angesichts vielfältiger Kritik auch aus den Kirchen später relativierte.

In der Presse, die, neben Radio und Fernsehen, zum Fototermin der Kreuzaufhängung in die Staatskanzlei gebeten worden war, fand Söders Aktion viel Beachtung. Das mediale Echo war jedoch gespalten. Neben der Zustimmung in einigen entschieden konservativen Zeitungen und Zeitschriften gab es massive, zum Teil sehr harte und polemische Ablehnung. Besonders prägnant und scharf wurde Söder von Heribert Prantl, einem glaubenssensiblen leitenden Redakteur des Meinungsressorts der "Süddeutschen Zeitung" (SZ), kritisiert: "Das Kreuz ist nicht einfach ein heimatlicher Wandschmuck. Es ist nicht einfach Symbol für Tradition. Es ist nicht Folklore, es ist kein religiöses Hirschgeweih. Es ist das wichtigste christliche Zeichen, es ist das Symbol für Erlösung, Sinnbild des Leidens und der Herrschaft Christi. Diese Herrschaft ist aber kein staatliches Regiment, deshalb gehört das Zeichen nicht per staatlicher Anordnung in staatliche Räume gehängt. Die bayerische CSU-Staatsregierung tut genau das. (…) Dies ist keine Respektsbezeugung, das ist ein Missbrauch; das ist die politische Instrumentalisierung einer religiösen Kernbotschaft. (…) Das ist nicht christlich, das ist Ketzerei – weil es das Kreuz verstaatlicht und säkularisiert."[4]

Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, reagierte auf den Kreuz-Erlass hingegen ausweichend und widersprüchlich. Inwieweit dies damit zusammenhängt, dass der Protestant Markus Söder bis vor Kurzem ein von der Kirchenleitung berufenes Mitglied der bayerischen Landessynode war und in seiner letzten Rede als Synodaler unter Beifall angekündigt hatte, in seiner Politik "dem Kreuz" wieder mehr Geltung zu verschaffen, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber der Mangel an Klarheit in der Stellungnahme des Landesbischofs wurde auch in der Presse kritisch zur Kenntnis genommen. "Wir als Christen und wir als Kirchen werden natürlich immer wieder darauf hinweisen, dass das Kreuz zuallererst ein religiöses Symbol ist", erklärte Bedford-Strohm – ohne sein vages "zuallererst" zu erklären und klar zu sagen, was es denn sonst noch symbolisieren können soll. Seine Aussage, es sei gar nicht entscheidend, ob das Kreuz an der Wand hänge oder nicht, sondern ob es "auch vom Inhalt her mit Leben erfüllt wird",[5] verschleierte nur die Kernfrage. Was sollte diese Formel bedeuten? Der bischöfliche Verweis auf "Menschenwürde und Humanität" trug nicht zur Lösung des Problems bei, dass sich die Bayerische Staatsregierung mit ihrem Erlass de facto Deutungskompetenz für das Zentralsymbol des christlichen Glaubens anmaßte.

Prantl brachte dies mit der ihm eigenen intellektuellen Schärfe auf den Punkt: "Wird der Bischof dafür beten, dass die Kreuze herunterfallen, wenn die Politik der CSU diese Botschaft [von Menschenwürde und Humanität] malträtiert? Wird er in die Eingangshallen der Ämter gehen, und die Kreuze dann abhängen?"[6] Und ein emeritierter Münchner Theologieprofessor – der Autor dieses Textes – warf den Vertretern der beiden großen Kirchen in einem SZ-Artikel über das Kreuz als "Unterscheidungszeichen" der Christen vor, entweder gar nicht oder nur halbherzig und widersprüchlich zum "Kreuzzug" der Staatsregierung Stellung bezogen zu haben.[7]

Eine Ausnahme war zunächst der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der im Kölner "Domradio" mit Nachdruck erklärte, dass das Kreuz "kein Identitätszeichen irgendeines Landes oder eines Staates" sei. Nach fünf Tagen des Schweigens legte der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, dann in einem größeren SZ-Interview nach – bemerkenswert scharf und klar. Der Kabinettsbeschluss habe nur "Spaltung", "Unruhe" und "Gegeneinander" provoziert. Er warnte davor, das Kreuz zu "verharmlosen", und bezichtigte die Staatsregierung einer übergriffigen Symbolpolitik: "Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden. Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet. (…) Es steht doch dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeutet. Er kann und muss dafür sorgen, dass sich religiöse Überzeugungen artikulieren können. Aber er kann nicht bestimmen, was der Inhalt dieser religiösen Überzeugung ist." Gegen die politische Verzweckung des Kreuzes erklärte er: "Das Kreuz bringt nicht einfach ein bestimmtes politisches Programm mit sich. Es ist nie ein Symbol für irgendein Land oder irgendeine Kultur, sondern ein Zeichen des Heils, der Rettung der Welt, der Hoffnung besonders für die Kranken, Schwachen und Sünder. Ich werde immer misstrauisch, wenn einer behauptet, das Evangelium ließe sich eins zu eins in praktische Politik umsetzen."[8] Die Frage, ob der Ministerpräsident vor dem Beschluss mit ihm darüber gesprochen habe, beantwortete Marx mit Nein. Die Schärfe seiner Kritik mag auch damit zusammenhängen.

Wie auch immer – der Kreuz-Erlass, von seinen Kritikern "Kreuz-Befehl" genannt, führte im Freistaat und überhaupt in der Bundesrepublik zu einer eigentümlich paradoxen diskursiven Lage. Zwar beschwören die leitenden christlichen Akteure, allen voran die Duz-Freunde Bedford-Strohm und Marx, immer wieder pathetisch "die Ökumene" – worin sie der Ministerpräsident unterstützt, der bei der Ankündigung seines Besuchs beim Heiligen Vater in Rom, aber auch beim Papa emeritus Benedikt XVI., betonte, "dass alle, die an Gott glauben, sich noch stärker in der Ökumene unterhaken, die Gemeinsamkeiten hervorheben".[9] Diese Formulierung provoziert allerdings die Frage, ob Juden und Muslime nicht an Gott glauben. Für den deutschen Religionsdiskurs scheint auch kennzeichnend, dass Politiker in Sachen Religion und Glaube oft nur wenig prägnant formulieren.

Doch wurden neben ökumenischer Konsensrhetorik auch neue Konfessionskonflikte sichtbar. Gerade lutherische Protestanten waren lange Zeit der Ansicht, dass eine Theologie des Kreuzes "das Spezifikum der reformatorischen gegen die römisch-katholische Theologie"[10] bezeichne. Nun aber erlebten sie einen Kardinal, der den religiösen Eigensinn des Kreuzes ungleich entschiedener verteidigte als ihre eigene Kirchenführung. Erzbischof Georg Gänswein, der engste Vertraute Benedikts XVI., warf Marx im "Stern" vor, seine Kritik "in einer ersten wenig erleuchteten Wortmeldung von sich gegeben" zu haben.[11] Der Regensburger katholische Bischof Rudolf Voderholzer und der lutherische Regionalbischof Hans-Martin Weiss begrüßten den Kreuz-Erlass mit dem Argument, das öffentlich angebrachte christliche Symbol sei "hilfreich, auch für jene, die diesen Glauben nicht teilen". Im christlichen Religionsdiskurs des Landes finden sich immer noch autoritär argumentierende Kirchenfunktionäre, die in sozialpaternalistischer Sprache Andersdenkenden und Andersgläubigen vorschreiben zu können meinen, was für sie gut und "hilfreich" sei.

Fußnoten

1.
Siehe dazu Friedrich Wilhelm Graf, Moses Vermächtnis. Über göttliche und menschliche Gesetze, München 20063.
2.
Zit. nach Timo Frasch, Jetzt will Söder zuhören, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 18.5.2018, S. 4.
3.
Zit. nach Wolfgang Wittl, Schnell, polarisierend, kontrollierend: Bayerns neuer Ministerpräsident Markus Söder demonstriert, was er unter Regieren versteht, in: Süddeutsche Zeitung (SZ), 28./29.4.2018.
4.
Heribert Prantl, Der Kreuz-Befehl, in: SZ, 26.4.2018, S. 4.
5.
Zit. nach Christian Gschwendtner/Jens Schneider, Allzu hoch gehängt, in: SZ, 26.4.2018, S. 5.
6.
Prantl (Anm. 4).
7.
Friedrich Wilhelm Graf, Auf Kreuzzug, in: SZ, 27.4.2018, S. 2.
8.
Matthias Dobrinski/Jakob Wetzel, "Spaltung, Unruhe, Gegeneinander". Kardinal Reinhard Marx über die Bedeutung des Kruzifixes und die Grenzen der Politik, in: SZ, 30.4.2018, S. 8.
9.
Söder reist zum Papst, in: FAZ, 19.5.2018, S. 6.
10.
Reinhold Bernhardt/David Willis-Watkins, Theologia Crucis, in: Erwin Fahlbusch et al. (Hrsg.), Evangelisches Kirchenlexikon. Internationale theologische Enzyklopädie, Bd. 4, Göttingen 19963, Sp. 733–736, hier Sp. 734.
11.
Siehe dazu Söder reist zu Papst Franziskus, in: SZ, 19./20./21.5.2018, S. 14.
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Autor: Friedrich Wilhelm Graf für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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