Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Gert Pickel

Säkularisierung, Pluralisierung, Individualisierung. Entwicklung der Religiosität in Deutschland und ihre politischen Implikationen

Säkularisierung bis zur Säkularität?

Die wirkmächtigste Entwicklung ist nach wie vor der soziale Bedeutungsverlust von Religion im Zuge der Säkularisierung.[6] Eine nichtreligiöse Gesellschaft stellt zwar den Fluchtpunkt des säkularisierungstheoretischen Denkens dar, aber selbst VertreterInnen dieses Ansatzes sind skeptisch, dass eine vollständige Säkularität,[7] also ein gesellschaftlicher Zustand, in dem Religion keine wesentliche soziale Bedeutung mehr besitzt, den Endpunkt der Entwicklungen darstellt. Eher vermuten sie, dass es einen Schwellenwert gibt, den die Mitglieder- und Gläubigenverluste nicht unterschreiten. Unklar ist jedoch, wo sich dieser befindet.[8] Neuere Debatten über seine Lokalisierung äußern mit Blick auf die Tschechische Republik und Ostdeutschland noch unkonsolidierte Vermutungen eines unteren Schwellenwertes religiöser Zugehörigkeit und Religiosität in Höhe von 15 bis 20 Prozent.[9]

Es greift also zu kurz, von Aspekten der Trennung zwischen Kirche und Staat auf die Klassifikation einer Gesellschaft als säkular zu schließen. So wenig dies in Deutschland beispielsweise angesichts staatlich finanzierter Theologischer Fakultäten, Kirchenvertretern in den Rundfunkbeiräten und Militärseelsorgern bis heute vollständig der Realität entspricht, so wenig gilt dies mit Blick auf andere Dimensionen der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion und Religiosität beziehungsweise Säkularität. So ist die Mehrheit der Deutschen Mitglied einer Religionsgemeinschaft, und eine vergleichbare Größe bezeichnet sich in Umfragen als religiös (Abbildung 2).[10] Auch für andere Sektoren der Gesellschaft kann kaum von Säkularität im Sinne einer Absenz von Religion gesprochen werden: Gerade im Umfeld von Kirchen leisten religiöse Menschen einen erheblichen Anteil an gemeinnütziger Arbeit und sozialem Engagement und wirken tief in die Zivilgesellschaft hinein, ganz zu schweigen von den religiösen Prägungen von PolitikerInnen, die ausgehend von ihrem Wertegefüge politische Entscheidungen treffen.

Religiosität und das Verhältnis zu Religion in der deutschen Bevölkerung – Zustimmung in Prozent (© Gert Pickel, Religiosität im internationalen Vergleich, Bertelsmann-Stiftung, Religionsmonitor 2013, Gütersloh 2014; Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Allbus, Köln 2012, 2016.)

Gleichwohl ist in Deutschland wie in anderen europäischen Staaten eine Präferenz der Bürgerinnen und Bürger für eine stärkere Entkopplung von Staat und Religion zu erkennen. So wünschen sich zum Beispiel 75 Prozent der Deutschen keine Einmischung von religiösen Verantwortlichen in Wahlkämpfe oder politische Entscheidungen (Abbildung 2). Auch nach Ergebnissen der Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland sieht nur eine (allerdings knappe) Minderheit von 47 Prozent ihrer Mitglieder deren Mitwirkung an Politik als eine kirchliche Hauptaufgabe an.[11]

Die Trennung von Staat und Kirche beziehungsweise von Politik und Religion in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger reflektiert allerdings nur eine Seite dessen, was Säkularität und auch Säkularisierung umfasst. Denn die gleichen Befragten, die politischen Äußerungen der evangelischen Kirche gegenüber kritisch eingestellt sind, fordern zu über 80 Prozent ein starkes soziales Engagement ihrer Kirche in der Gesellschaft.[12] Offenbar werden sozialpolitische Aspekte beziehungsweise die politische Wirkung zivilgesellschaftlichen Engagements nicht als politisch eingeordnet. So findet sich doch eine Legitimation für politische Äußerungen von KirchenvertreterInnen, allerdings sollten diese auf "den Menschen" bezogen sein. Entsprechend sind die organisierten Religionen auch weiterhin stark im zivilgesellschaftlichen Sektor engagiert und tragen breite Teile der Alten- und Krankenpflege sowie der Kinderbetreuung.

Vor dem weiteren Hintergrund der gesellschaftlich wirksamen Rolle von Kirchen und Religionen als kulturellem Faktor erklärt sich ferner, warum die in Deutschland als "hinkende Trennung" von Staat und Kirche bezeichnete religionsfreundliche Politik relativ wenig hinterfragt wird, wenn auch heute häufiger als früher.

Fußnoten

6.
Vgl. Detlef Pollack, Säkularisierung – ein moderner Mythos?, Tübingen 2003; Gert Pickel, Religionssoziologie. Eine Einführung in zentrale Themenbereiche, Wiesbaden 2011, S. 137–177.
7.
Mit der Bestimmung dieses Begriffes im interkulturellen Vergleich beschäftigt sich derzeit die DFG-Kolleg-Forschergruppe "Multiple Secularities" an der Universität Leipzig (http://www.multiple-secularities.de«).
8.
Vgl. Steve Bruce, God Is Dead. Secularization in the West, Oxford 2002.
9.
Vgl. ebd.; Pickel (Anm. 5).
10.
Vgl. Gert Pickel, Religiöser Wandel als Herausforderung an die deutsche politische Kultur – Religiöse Pluralisierung und Säkularisierung als Auslöser einer (neuen) Religionspolitik, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft (ZfP) 2/2014, S. 136–159, hier S. 147f.; Antonius Liedhegener, Das Feld der "Religionspolitik" – ein explorativer Vergleich der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz seit 1990, in: ebd., S. 123–135.
11.
Vgl. Gert Pickel, Sozialkapital und gesellschaftliches Engagement evangelischer Kirchenmitglieder, in: Heinrich Bedford-Strohm/Volker Jung (Hrsg.), Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung, Gütersloh 2015, S. 279–301, hier S. 293.
12.
Vgl. ebd., S. 293. Auch 60 Prozent der Konfessionslosen unterstützen diese Form kirchlichen Engagements.
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Autor: Gert Pickel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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