Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Gert Pickel

Säkularisierung, Pluralisierung, Individualisierung. Entwicklung der Religiosität in Deutschland und ihre politischen Implikationen

Herausforderung religiöse Vielfalt

Offensichtlich ist hingegen, dass Religion als Thema in die öffentliche Auseinandersetzung zurückgekehrt ist. Religiöse Fragen werden unter Rahmenbedingungen religiöser Pluralisierung und Säkularisierung strittiger. Dazu trägt bei, dass die rechtliche Lage allein durch Verweise auf Religionsfreiheit nicht hinreichend gedeckt wird, zeigten sich doch in den vergangenen Jahren Gesetzeskonflikte etwa um die Beschneidung von Jungen, das Tragen des Kopftuchs, den Bau von Moscheen oder die Zulassung von Sterbehilfe, die von Fall zu Fall entschieden werden mussten.[18]

Im öffentlichen Diskurs tritt bei solchen Fragen immer wieder eine gesellschaftliche Spaltung zutage: Auf der einen Seite stehen die BefürworterInnen einer auf Pluralität und den Schutz von Einzel- und Minderheitenrechten ausgerichteten liberalen und repräsentativen Demokratie, auf der anderen Seite die AnhängerInnen von Vorstellungen einer eher homogenen Volksgemeinschaft, die vermeintlich nicht zu überbrückende kulturelle Differenzen und islamistisch motivierten Terrorismus als Argumente für eine Zurückweisung der religiös-kulturellen Pluralisierung anführen. Andockend an ein Verständnis von Religion als Identitätsmarker in einem "Kampf der Kulturen"[19] treten hier insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Fluchtbewegungen Verteidiger des "christlichen Abendlandes" auf den Plan, die religiöse Pluralisierung und den Bezug auf eine Religion und ihre Mitglieder ins Zentrum einer politischen Auseinandersetzung rücken.

So hat sich vor allem in der Haltung gegenüber "dem Islam" eine massive Polarisierung in der deutschen Gesellschaft ergeben, im Zuge derer die sich gegenüberstehenden Lager nur begrenzt bereit sind, in einen auf Kompromiss ausgerichteten Dialog zu treten. Dies ist angesichts der Intensität von Debatten über "Islamisierung", "Überfremdung" und "Flüchtlingskrise" politisch heikel, da alternative Aspekte für das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger in den Hintergrund gedrängt werden. Das zeigt sich etwa an den Wahlergebnissen der AfD, die auf einen politischen Kurs gegen muslimische Zuwanderung und kulturelle Zugeständnisse gegenüber "dem Islam" setzt, während derzeit etwa die Hälfte der Deutschen eine latente Furcht vor "dem Islam" bekundet, der vielen fremd ist und häufig, auch aufgrund der medialen Darstellung, eng mit Terrorismus assoziiert wird (Abbildung 2).[20] In der Tat weisen aktuelle Studien darauf hin, dass kulturelle Ablehnung ein stärkeres Motiv für die Wahl der AfD oder eine Hinwendung zu entsprechenden Protestbewegungen ist als wirtschaftliche Ängste.[21]

Damit wird Religiosität in Form von Zugehörigkeit zu einem politisch bedeutsamen Merkmal der Identitätsabgrenzung[22] und dient als solches der Kategorisierung sozialer Gruppen mithilfe von Zuweisungen und Zuschreibungen. Dieses Denken in religiösen Identitätsgruppen ermöglicht auch den Rückzug in dogmatische, sich selbst bewusst von anderen Teilen der Gesellschaft abgrenzende Gruppen. Denn die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft wird verstärkt zu einer Wahlgemeinschaft und damit zu einer für den Einzelnen hochrelevanten kollektiven Identität. Weniger das Individuum in seiner Religiosität als in seiner Zugehörigkeit beteiligt sich an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen. Dies gilt für SalafistInnen, evangelische und katholische DogmatikerInnen genauso wie für überzeugte AtheistInnen, strikte AnhängerInnen eines religiösen Multikulturalismus und VertreterInnen politischer Gruppierungen, die sich religiöse Zugehörigkeiten als Feindbilder für die Steigerung der eigenen Erfolgschancen zunutze machen. Religiöse Gruppen können dabei in Kooperation wie in Distanz und Abgrenzung zueinander existieren.

Mit Blick auf solche Entwicklungen kann in der Tat von einer "Rückkehr der Religionen" gesprochen werden. Gleichzeitig ist die Aussage präzise zu halten. Denn die Rückkehr von Religion in die öffentlichen Debatten hat bislang kaum einen Effekt auf die weiter stattfindenden Säkularisierungsprozesse.

Fazit

Die beschriebenen Veränderungen der Arithmetik des Religiösen in Deutschland ziehen beachtliche gesellschaftliche und politische Folgen nach sich. Dies gilt weniger auf der Ebene der objektiven Entwicklung – so wird beispielsweise die religiöse Pluralisierung an vielen Orten in Deutschland erst langsam sichtbar und passt sich in ein vielschichtiges Bild einer pluralen Risiko- und Multioptionsgesellschaft ein. Vielmehr liegen die Wirkungen auf der subjektiven Ebene, in den Wahrnehmungen, Emotionen und emotional geleiteten Handlungen sowie politischen Forderungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen.

Die Konflikte um religiöse Ansprüche werden in einer sich religiös pluralisierenden Gesellschaft härter. Die Zahl der Akteure mit unterschiedlichen Forderungen und (gesetzlich legitimierten) Ansprüchen nimmt zu, und bislang als natürlich angesehene Positionen des Christentums in der Gesellschaft bröckeln. Gleichzeitig wird die für den Ausgleich religiöser Positionen notwendige Kompromissbildung schwieriger, denn aufgrund der Politisierung religiöser Zugehörigkeit und Identität können sich Positionen radikalisieren. Entsprechende Debatten dürften die nähere Zukunft der Sozialgestalt von Religion in Deutschland prägen. Sie verweisen auch auf ein Ende einer religiös weitgehend homogenen Gesellschaft.

Fußnoten

18.
Siehe auch den Beitrag von Hans Michael Heinig in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
19.
Vgl. Samuel Huntington, The Clash of Civilizations, New York 1996.
20.
Diese Furcht bedeutet allerdings keine direkte Zurückweisung muslimischer Zuwanderung. So befürwortet nur jeder Fünfte in Umfragen einen Stopp muslimischer Zuwanderung, was mit Erhebungen korrespondiert, wonach bei 17 Prozent der Westdeutschen und 23 Prozent der Ostdeutschen Muslimfeindlichkeit festzustellen ist. Vgl. Gert Pickel/Susanne Pickel, Migration als Gefahr für die politische Kultur. Kollektive Identitäten und Religionszugehörigkeit als Herausforderung demokratischer Gemeinschaften, in: Zeitschrift für Vergleichende Politikwissenschaft (ZfVP) 1/2018, S. 297–320, hier S. 310–315; Andreas Zick/Beate Küppers/Daniela Krause, Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtextreme Einstellungen in Deutschland 2016, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2016, S. 56.
21.
Vgl. Holger Lengfeld, Die "Alternative für Deutschland": Eine Partei für Modernisierungsverlierer?; in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 2/2017, S. 209–232; Susanne Pickel, Die Wahl der AfD. Frustration, Deprivation, Angst oder Wertekonflikt?, in: Karl-Rudolf Korte, Die Bundestagswahl 2017, Wiesbaden 2018 (i.E.); dies./Gert Pickel, Im postfaktischen Zeitalter? Wie subjektive Wahrnehmungen zu Ängsten bei den Bürger*innen führen – und die Ängste zur Anfälligkeit für Rechtspopulismus und AfD-Wahl, in: Laura Möllers/Sabine Manzel, Populismus und politische Bildung, Schwalbach/Ts. 2018, S. 40–53; Rüdiger Schmitt-Beck, Die AfD nach der rechtspopulistischen Wende. Wählerunterstützung am Beispiel Baden-Württembergs, in: ZfP 3/2017, S. 273–303.
22.
Vgl. Gert Pickel/Alexander Yendell, Islam als Bedrohung? Beschreibung und Erklärung von Einstellungen zum Islam im Ländervergleich, in: ZfVP 3–4/2016, S. 273–310; Pickel/Pickel (Anm. 20).
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Autor: Gert Pickel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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