Fünf Symbole für die Weltreligionen (v. l.) Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus

6.7.2018 | Von:
Riem Spielhaus
Zrinka Štimac

Schulischer Religionsunterricht im Kontext religiöser und weltanschaulicher Pluralität

"Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen." (Art. 7 Abs. 3 GG)

Der Religionsunterricht ist das einzige im Grundgesetz erwähnte Schulfach. Dennoch ist er wiederkehrenden Diskussionen ausgesetzt, die in der vergangenen Dekade vor allem um den Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Vielfalt kreisten. Denn neben die christliche Religion und ihre Konfessionen sind in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend sowohl andere "Weltreligionen" als auch neue Formen von Religion getreten. Viele Menschen ziehen sich aus religiösen Strukturen zurück, zugleich konstatiert die Religionsforschung in einer Art Korrektur des seit den 1970er Jahren dominanten Säkularisierungsparadigmas ein Wiederaufleben religionsorientierter Legitimations- und Argumentationsmuster in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Die Aktivitäten religiöser Institutionen diversifizieren sich,[1] und Religion wird mehr und mehr zur Sache von Einzelnen.[2]

Vor diesem Hintergrund wird in vielfältigen Debatten die Frage aufgegriffen, wie zunehmende religiöse und weltanschauliche Vielfalt im und durch schulischen Religionsunterricht aufgefangen werden kann. Für wen und wie viele Angehörige welcher Religionsgemeinschaften kann von wem ein bekenntnisorientierter Religionsunterricht angeboten werden? Ist angesichts immer mehr religionsfreier Schüler_innen der Religionsunterricht überhaupt noch zu halten? Welche alternativen Bildungsangebote sind möglich und nötig? Muss neben die Einführung in (die eigene) Religion nun auch die Vermittlung von Wissen über Religion(en) anderer treten? Oder wird gar die Vorbereitung auf das Leben in der durch eine Pluralität an Sinnbildungsangeboten geprägten Gesellschaft zum Hauptziel religionsbezogenen Schulunterrichts?

Internationale Agenda

Auf globaler Ebene ist seit einigen Dekaden zu beobachten, dass sich internationale Organisationen wie der Europarat, die OSZE und die UNESCO, aber auch kleinere Organisationen wie Arigatou International oder das Centre for Spiritual and Ethical Education, der Entwicklung von Konzepten und Werkzeugen für den Umgang mit Religion und religiöser beziehungsweise weltanschaulicher Pluralität verschreiben.[3] Die Konzepte dieser internationalen Akteure knüpfen an gesellschaftliche und bildungsrelevante Phänomene wie etwa soziale Kohäsion, Diversität und Sicherheit an und orientieren sich am Ansatz der Wissensvermittlung über Religionen, des "teaching about religions".[4] Im bekenntnisorientierten Unterricht wird dieser Ansatz meist ergänzend zur Einführung in die eigene Religion und deren Praxis eingesetzt, für religionskundliche Unterrichtsformen bildet er typischerweise den (einzigen) Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit Religion.

Dieser Ansatz unterscheidet sich den Toledo-Leitlinien der OSZE von 2007 zufolge grundsätzlich von religiöser Unterweisung und Religionsunterricht, da er nicht konfessionell oder glaubensorientiert sei.[5] Die Vermittlung von Wissen über Religion(en) sei eine wichtige Verantwortung der Schule, wohingegen Familien und religiöse Institutionen für die moralische Erziehung zuständig seien.[6] Ziel ist hier also die Etablierung und Verbreitung internationaler Prinzipien für den "teaching about"-Zugang zu Religion in der öffentlichen Bildung.

Die jüngste Veröffentlichung des Europarates in diesem Zusammenhang ist das aus der Arbeit einer Expertengruppe hervorgegangene Dokument "Signposts", geschrieben für Lehramtsausbildung, Lehrende und politische Entscheidungsträger_innen. Die Empfehlungen basieren auf dem Ansatz einer interkulturellen Bildung und thematisieren neben religiösen auch nichtreligiöse Überzeugungen.[7]

Fußnoten

1.
Vgl. Volkhard Krech, Religionssoziologie, Bielefeld 1999, S. 62.
2.
Vgl. ebd., S. 66. Gerade dieser Aspekt führt zu grundlegenden Herausforderungen für den Religionsunterricht in Deutschland, da die Verfasstheit religiöser Aktivitäten in vereinsrechtlichen und arbeitsfähigen Organisationsstrukturen für die Zusammenarbeit mit dem Staat entsprechend Art. 7 Abs. 3 GG als zwingend erforderlich angesehen wird. Siehe Olaf Müller/Detlef Pollack, Wie religiös ist Europa? Kirchlichkeit, Religiosität und Spiritualität in West- und Osteuropa, in: Bertelsmann Stiftung, Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2008, S. 167–178.
3.
Vgl. Zrinka Štimac, Transnational Perspectives on Religion and on Textbook Research, in: David Käbisch (Hrsg.), Religion and Educational Research. National Traditions and Transnational Perspectives, Münster (i.E.).
4.
Vgl. Robert Jackson, Signposts – Policy and Practice for Teaching about Religions and Non-religious Worldviews in Intercultural Education, Straßburg 2014.
5.
OSZE-Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte, Toledo Guiding Principles on Teaching about Religions and Beliefs in Public Schools, Warschau 2007, http://www.osce.org/odihr/29154«, S. 21.
6.
Vgl. ebd., S. 19.
7.
Vgl. Jackson (Anm. 4), S. 22.
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Autoren: Riem Spielhaus, Zrinka Štimac für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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