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10.11.2003 | Von:
Lothar Funk

Der neue Strukturwandel: Herausforderung und Chance für die Gewerkschaften

Neuer Strukturwandel, neue Chancen

Die Gewerkschaften des DGB hinken bisher in der Mitgliederstruktur dem Strukturwandel der Arbeitswelt hinterher, und sie reagieren noch nicht genügend auf ihn, wie die stetige Mitgliedererosion zeigt. Die folgenden Handlungsmöglichkeiten werden diskutiert, um gewerkschaftliche Rekrutierungschancen aufzuzeigen.[24]

Fusionierung als Strategie zur Konsolidierung?

Als Folge des beschleunigten Branchenstrukturwandels gelang es den deutschen Gewerkschaften seit der Wiedervereinigung immer weniger, die Konkurrenz um die schrumpfende Zahl an Mitgliedern zu unterbinden und das Industrieverbandsprinzip aufrechtzuerhalten. Nicht zuletzt durch die gemeinsame politische Einbindung in die Umstrukturierungsmaßnahmen des ostdeutschen Chemie- und Braunkohlesektors kam es zum Zusammenschluss der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie am Beginn einer Reihe von Gewerkschaftsfusionen. Am spektakulärsten war die Fusion der wichtigsten Dienstleistungsgewerkschaften zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), die in erster Linie als Rationalisierungsprojekt zu sehen ist. Denn dem Zusammenschluss von vier DGB-Gewerkschaften mit der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft ging ein Verlust von rund 1,1 Millionen Mitgliedern in den neunziger Jahren voraus.[25]

Es ist umstritten, ob Fusionsstrategien Erfolg beschieden ist. Die steigende Heterogenität der Mitglieder erschwert nämlich die Mitgliederidentifikation mit der Gewerkschaft und kann zu inneren Zerreißproben führen. Isoliert betrachtet, dürfte dies deren Anziehungskraft auf vorhandene und neue Mitglieder nicht gerade steigern. Kommt es im Gefolge per Saldo zu Mitgliederverlusten und aus den damit verbundenen zunehmenden Finanzierungsengpässen zu weiter verschlechterten Angeboten an die Mitglieder, kann eine sich beschleunigende Abwärtsspirale der Neukreationen nicht ausgeschlossen werden.

Traditionelle politische Einflussnahme?

Der gewerkschaftliche Einfluss hängt nicht zuletzt davon ab, eine möglichst große und stabile Zahl von Mitgliedern zu organisieren. Mitgliederverluste schlagen sich jedoch zumindest kurzfristig nicht notwendigerweise in einem proportionalen Einflussverlust nieder. Politisches Lobbying zugunsten bestimmter Gruppen ist zudem auch im Zeitalter der Megatrends keineswegs immer erfolglos. So hat die SPD-geführte Bundesregierung Gesetze erlassen, die potenziell über eine Stabilisierung des Flächentarifvertrages auch die Gewerkschaftsmitgliederzahlen festigen oder sogar steigern können, soweit dies auch den Gewerkschaften als Erfolg zugerechnet wird.

Zum Beispiel müssen Zeitarbeitnehmern ab 2004 gesetzlich sofort die wesentlichen gleichen Arbeitsbedingungen geboten werden wie der Stammbelegschaft des entleihenden Unternehmens, auch wenn die Produktivität der Leiharbeiter niedriger liegt. Nur wenn Zeitarbeitsunternehmen Tarifverträge abschließen, kann von diesem "equal pay"-Grundsatz abgewichen werden. Dies kommt einem faktischen Tarifzwang für die Zeitarbeitsbranche gleich, in der bis zum letzten Jahr nur einige Firmentarifverträge bestanden. Ferner wurde durch die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes 2001 die Einrichtung von Betriebsräten erleichtert, und ihre Einflussmöglichkeiten wurden erhöht. Beide Gesetze wirken sich tendenziell positiv auf den Grad der Tarifbindung aus.[26] Allerdings ist der gesamtwirtschaftliche Preis solcher Reformen, die potenziell zur Mitgliederstabilisierung von Gewerkschaften beitragen können, in einer Situation hoher Arbeitslosigkeit und einer Wachstumsschwäche nicht zu unterschätzen. Denn diese Maßnahmen erhöhen zwar eventuell die Tarifbindung der Beschäftigten und den gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Sicher ist hingegen die in ein derartiges Umfeld überhaupt nicht passende, oft beträchtliche Kostensteigerung für die Unternehmen, welche die Arbeitslosigkeits- und Wachstumsprobleme eher steigern und verlängern dürfte. Allein wegen dieser Nebenwirkungen erscheinen diese Rezepte folglich insgesamt eher als kontraproduktiv. Ob das Ziel der Attraktivitätssteigerung der Gewerkschaften letztlich überhaupt erreicht wird, ist auch vor dem Hintergrund unklar, dass auch Gewerkschaftsanhänger durch diese Politik ihren Arbeitsplatz verlieren können und dies mithin auch den Gewerkschaften mitanlasten. Andere Strategien dürften daher weiterführen.

Mehr Serviceorientierung gegenüber Mitgliedern

Die Gewerkschaften könnten sich stärker als flexibler Dienstleister im Interesse der Arbeitnehmer verstehen und so selektive Anreize schaffen beizutreten. Nicht zuletzt bietet die Alterung der Gesellschaft und der Belegschaften neue Betätigungsfelder und damit Mitgliederpotenziale für die Gewerkschaften. Denn lebensbegleitendem Lernen und betrieblicher sowie überbetrieblicher Fort- und Weiterbildung kommt wegen des rapiden Strukturwandels, der "Lernen auf Vorrat" immer weniger möglich macht, eine zunehmende Bedeutung zu. Die Wettbewerbsfähigkeit der Arbeitnehmer hängt mehr als früher von ihrem Humankapital ab. Je weniger Unternehmen in die generell verwendbare Ausbildung ihrer Beschäftigten investieren, weil für sie das Risiko gewachsen ist, dass neu (durch das Unternehmen) qualifizierte Arbeitnehmer das Unternehmen verlassen, umso mehr eröffnen sich auch für die Gewerkschaften neue Chancen im Weiterbildungsbereich. Sie könnten zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitnehmer beitragen, die bei in der neuen Arbeitswelt tendenziell häufigeren Arbeitsplatz- und Berufswechseln immer wichtiger wird. Eine stärkere Fokussierung auf diese Aufgaben könnte auch für jüngere Beschäftigte die Attraktivität eines Gewerkschaftsbeitritts steigern.

Insgesamt dürften die Megatrends bei den Gewerkschaften zu einer Bedeutungszunahme selektiver Anreize wie Weiterbildung, Rechtsschutz, Beratung, Schulung sowie Rabatte, etwa beim Erwerb von Versicherungen, Telekommunikationsdienstleistungen, Computer-Software und Fahrzeugen, führen. Lobbyleistungen und Tarifverträge dürften angesichts der Identifikation der Mitglieder mit den gesellschafts- und wirtschaftspolitisch verfolgten Zielen der Gewerkschaften für die Mitgliederwerbung trotz des Bedeutungsgewinns anderer Serviceleistungen keineswegs irrelevant werden, eine flexiblere Tarifpolitik sogar an Relevanz gewinnen.[27]

Modernisierung der Tarifpolitik

Um neue Mitglieder zu gewinnen, könnten insbesondere die DGB-Gewerkschaften deshalb versuchen, ihre wirtschaftspolitische Glaubwürdigkeit durch eine Neubeurteilung der Reformnotwendigkeiten etwa in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik[28] und eine Stärkung ihrer Kernkompetenz - der Tarifpolitik - zu steigern. Vor allem Letzteres findet im Chemiebereich bereits vergleichsweise erfolgreich statt.[29] Eine solche Strategie könnte darin bestehen, dass sich bisher weniger sozialpartnerschaftlich ausgerichtete Gewerkschaften künftig für wirtschaftspolitische Instrumente einsetzen, die nachgewiesenermaßen die Beschäftigung steigern helfen und nicht - wie etwa kollektive Arbeitszeitverkürzungen mit Lohnausgleich - die hohe Arbeitslosigkeit mit großer Wahrscheinlichkeit verfestigen. Eine beschäftigungsgerechtere Tarifpolitik - etwa flexiblere Entlohnungsmodelle, Öffnungsklauseln, über welche die betriebliche Ebene entscheidet, niedrigere Mindestlöhne für gering Qualifizierte und mehr Spielräume bei den Arbeitszeiten - würde mehr Beschäftigung schaffen, die dann auch in steigende Mitgliederzahlen münden dürfte, wenn gleichzeitig die selektiven Anreize für eine Gewerkschaftsmitgliedschaft verbessert werden.

Internetverweise: http://www.britishcouncil.de/

http://www.eurofound.eu.int/

http://www.etuc.org/etui

http://www.fu-berlin.de/iira2003/

http://www.iwkoeln.de


Fußnoten

24.
Vorschläge einer Beteiligung der Gewerkschaften an der Arbeitslosenversicherung existieren für Deutschland insbesondere von liberalen Ökonomen, sind jedoch bisher nur theoretische Überlegungen geblieben und werden daher hier nicht weiter vorgestellt. Da sich ein Mitgliedschaftszwang bei den Gewrkschaften unter anderem wegen der verbürgten negativen Koalitionsfreiheit in Deutschland ebenfalls verbietet, wird er hier ebenfalls nicht debattiert. Das Bündnis für Arbeit ist seit Anfang des Jahres gescheitert, so dass Sozial- und Beschäftigungspakte hier nicht aufgegriffen werden.
25.
Vgl. Roland Czada, The German Political Economy in Flux, in: Jörn Leonhard/Lothar Funk (Hrsg.), Ten years of German unification: Transfer, transformation, incorporation?, Birmingham 2002, S. 151 - 167, hier S. 162 - 164.
26.
Für Leiharbeit ist dies evident. Vgl. zum positiven Zusammenhang von Betriebsratseinrichtung und Tarifbindung Susanne Kohaut/Claus Schnabel, Zur Erosion des Flächentarifvertrags: Ausmaß, Einflussfaktoren und Gegenmaßnahmen, in: Industrielle Beziehungen, 10 (2003) 2, S. 193 - 219, hier S. 216.
27.
Vgl. S. Zimmer (Anm. 4), S. 33. In der Literatur wird von K. Zimmerman (Anm. 2) sogar gefordert, dass die Gewerkschaften ihren Anspruch auf allgemeine politische Vertretung ihrer Mitglieder nur noch eingeschränkt nutzen sollen.
28.
Vgl. hierzu die Vorschläge von A. Hassel (Anm. 9), S. 297.
29.
Vgl. Hans-Hagen Härtel, Gewerkschaften am Scheideweg, in: Wirtschaftsdienst, 83 (2003) 7, S. 7.