Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Frauke Adrians

"Das sich einem Stein solt erbarmet haben". Der Dreißigjährige Krieg im Erleben der Zivilbevölkerung

In Lebensgefahr führte Hans Heberle noch Buch. "Das ist die 23. Flucht", notierte er im Sommer 1646 und bedauerte, dass er und "die ganze Landschaft" wieder nach Ulm fliehen mussten, "mit Weib und Kind, Ross und Vieh, obwohl die Früchte zum Großteil noch auf dem Feld standen."[1] Heberle war Schuster und betrieb in Weidenstetten, einem Dorf 15 Kilometer nördlich von Ulm, einen kleinen Hof. Die Gegend wurde seit Mitte der 1620er Jahre immer wieder von Truppen heimgesucht. Für die Landbevölkerung war der Rückzug in den Schutz der Stadtmauern überlebensnotwendig; manchmal blieb ihr auch nichts anderes übrig, als sich in Wäldern oder Weinbergen zu verstecken. Seit 1634 führte der Schuster ein "Zeytregister" und nummerierte seine Fluchten durch, während der Tod eine noch grimmigere Statistik führte. Fünf Kinder hatten Hans und Anna Heberle im Sommer 1634, als die Zahl ihrer Fluchten noch einstellig war; vier verloren sie bis zum Herbst des folgenden Jahres. Die siebenjährige Chatreina und der "herzallerliebste sohn Johannes" starben 1635 vermutlich am Hunger, zwei kleinere Geschwister waren schon 1634 gestorben.[2] Und der Krieg war gerade erst zur Hälfte vorüber.

Gemessen an der Gesamtbevölkerung waren es nicht viele, die wie Hans Heberle ihre Kriegs- und Alltagserlebnisse schriftlich festhielten. Nur eine Minderheit, vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung, konnte lesen und schreiben. Doch immerhin sind heute private Selbstzeugnisse – Tagebücher, Chroniken, Briefe – von rund 250 Zeitzeugen des Dreißigjährigen Krieges bekannt, möglicherweise lagern noch weitere unentdeckt in Archiven. "Einfache" Leute wie Hans Heberle, der Söldner Peter Hagendorf, die Eichstädter Augustiner-Chorfrau Klara Staiger, der hessische Bauer Caspar Preis und die Bamberger Dominikanernonne Anna Maria Junius, um nur einige der heute bekannten privaten Chronisten zu nennen, schrieben nicht für "die Nachwelt" oder für die Geschichtsbücher. Sie schrieben, um Verluste und Schäden in ihrem Umfeld zu dokumentieren, um den chaotischen und brutalen Zeitläuften ein wenig Struktur und Ordnung abzutrotzen, vor allem aber wohl, um das persönlich Erlebte überhaupt verarbeiten und es in ihr eigenes Gedächtnis und das ihrer Angehörigen einschreiben zu können.

Fußnoten

1.
Zit. nach Eva-Maria Schnurr, "Gejagt wie das Wild in den Wäldern", in: Der Spiegel Geschichte 4/2011, S. 82–85, hier S. 83.
2.
Vgl. Michael Schnell, Ulm im Dreißigjährigen Krieg. Hans Heberle und Joseph Furttenbach zwischen Krieg, Hunger und Pest, 17.5.2013, http://webhistoriker.de/ulm-dreissigjaehriger-krieg-zeitzeugen«, Zitat ebd.
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Autor: Frauke Adrians für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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