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Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Frauke Adrians

"Das sich einem Stein solt erbarmet haben". Der Dreißigjährige Krieg im Erleben der Zivilbevölkerung

Vermessung einer Katastrophe

Der Krieg, die Plünderungen und Übergriffe durch Truppen und Trupps jedweder Herkunft, Konfession und Couleur, dazu Hunger und Krankheiten: Es ist kein Wunder, dass die Einwohnerzahl mancher Regionen von Kriegsjahr zu Kriegsjahr sank. Wie viele Menschenleben der Dreißigjährige Krieg forderte, lässt sich nur anhand von Einzelquellen hochrechnen. Gängige Schätzungen besagen, dass die Bevölkerungszahl auf dem Gebiet des Reiches zwischen 1618 und 1648 um etwa ein Drittel zurückging. Dem entsprechen Schätzwerte, die der Historiker Georg Schmidt nennt: In den Reichsgrenzen von 1871 lebten demnach um 1600 etwa 15 bis 17 Millionen, möglicherweise 21 Millionen Menschen; 50 Jahre später waren es noch zehn bis 13 Millionen.[3] Der Historiker Axel Gotthard nimmt – bezogen auf das Reichsgebiet in den Grenzen von 1914 – für das Jahr 1618 rund 16 Millionen Einwohner an, für 1650 nur noch zehn Millionen. Damit wäre das Reich im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges ungefähr auf die Bevölkerungszahl des Jahres 1470 zurückgefallen, und das, obwohl das 16. Jahrhundert in Europa von starkem Bevölkerungswachstum geprägt war.[4]

Der Galgenbaum von Jacques Callot. (© picture-alliance/akg)

Dennoch wird das Ausmaß der demografischen Katastrophe bisweilen infrage gestellt. Der Historiker Bernd Roeck führt dies auf seinen Fachkollegen Sigfrid Henry Steinberg zurück, der 1947 in einem Essay und 1966 in einer vielbeachteten Monografie argumentierte, Chronisten, Dichter und Geschichtsschreiber hätten in ihren Schilderungen der Kriegsgräuel und Einschätzungen der Kriegsfolgen maßlos übertrieben. Damit wollte er offenbar einem bereits im 19. Jahrhundert aufgekommenen nationalistischen deutschen Geschichtsmythos entgegenwirken, der sich im Nationalsozialismus fortgesetzt hatte und auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Geschichtswissenschaft teilweise noch fortlebte: "Unausgesprochen richtete sich Steinbergs Polemik gegen ein nationalsozialistisches Deutungsmuster, das den Dreißigjährigen Krieg zum Tiefpunkt der deutschen Geschichte erklärte, um den Ersten und Zweiten Weltkrieg als überfällige Revision des Westfälischen Friedens und historisch folgerichtigen Kampf um den Wiederaufstieg des Reiches zu rechtfertigen."[5] Obgleich diese besondere Spielart des Revisionismus heute nicht mehr verbreitet ist, blieben Steinbergs dagegen formulierte Thesen hartnäckig haften – etwa bei Hans-Ulrich Wehler, der in seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" (1987) behauptete, "unstreitig" habe "der Mythos des großen Brennens und Mordens die realhistorische Wirkung der Feldzüge und Epidemien übermäßig dramatisiert", tatsächlich habe das Reich 1650 mehr Einwohner gehabt als 1620.[6] Ähnlich war auch noch 2013 in der "Welt" über Zeugnisse aus dem Dreißigjährigen Krieg zu lesen: "Entweder sind sie unverkennbar Propaganda der einen oder anderen Seite, oder sie übertreiben."[7]

So notwendig ein kritischer Umgang mit zwangsläufig subjektiven Augenzeugenberichten und mit Quellen überhaupt ist, so sehr man berücksichtigen muss, dass manch ein Verfasser ein Interesse daran hatte, feindliche Truppen als besonders grausam hinzustellen oder Opferzahlen zu übertreiben, etwa um von Abgabenlasten befreit zu werden oder Unterstützungszahlungen vom Landesfürsten zu erheischen: Es gibt keinen Grund, die Folgen des Krieges zu verharmlosen oder die Zeitzeugenberichte über Leid und Hunger, Brutalität und vielfaches Sterben pauschal ins Reich der Zwecklüge oder nachträglichen Schauerdichtung zu verbannen. "Die alte Anschauung vom verwüsteten Deutschland" habe sich "durch spätere Studien weiter erhärtet", schreibt etwa der Historiker Johannes Arndt.[8] Und Gotthard weist darauf hin, dass sich "schon die Zeitgenossen (…) als Opfer eines ganz ungewöhnlichen Kriegsexzesses"[9] sahen, schlimmer als alles, wovon man seit Menschengedenken je gehört hatte.

Gleichwohl wütete der Krieg nicht überall gleichermaßen. Manche Orte und Landstriche – etwa im Nordwesten Deutschlands – blieben von Kämpfen, Truppendurchmärschen und Einquartierungen weitgehend oder sogar vollständig verschont, zum Beispiel die Stadt Münster. Schon deshalb empfahl sie sich in den 1640er Jahren als Hauptort der westfälischen Friedenskonferenzen. Und während Magdeburg im Mai 1631 in Flammen aufging und seine Bewohner zu Tausenden den Truppen des kaiserlichen Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly zum Opfer fielen, liefen die Geschäfte in einer anderen protestantischen Elbestadt vorzüglich: Hamburg handelte mit Luxusgütern und Lebensnotwendigem und war ein wichtiger Umschlagplatz für Waffen. Folgerichtig ließen protestantische wie auch kaiserlich-katholische Heeresführer die Hafenstadt in Ruhe. Zu Kriegsbeginn hatte Magdeburg etwa 30.000, Hamburg 40.000 Einwohner. In Magdeburg lebten gegen Kriegsende keine 500 Menschen mehr, während Hamburgs Bevölkerungszahl auf 60.000 angewachsen war.[10]

Am schlimmsten vom Krieg betroffen waren die Gebiete entlang einer als "Zerstörungsdiagonale" bekannten Nordost-Südwest-Achse, die sich von Pommern und Mecklenburg über Brandenburg, Anhalt, Thüringen und die Pfalz bis nach Baden erstreckte. Doch auch Böhmen, wo die ersten Kämpfe des Dreißigjährigen Krieges ausgetragen wurden, hatte hohe Verluste zu beklagen; der Krieg kehrte immer wieder in das Stammland des Kriegsunternehmers und kaiserlichen Generalissimus Albrecht von Wallenstein zurück. An Rhein und Elbe kam es ebenfalls wiederholt zu Scharmützeln und Schlachten: Die Flüsse waren als Transportwege kriegswichtig, außerdem ließ sich ein feindliches Heer leicht zum Kampf stellen, wenn es an einer Furt mit einer zeitraubenden Flussüberquerung beschäftigt war.

Fußnoten

3.
Vgl. Georg Schmidt, Der Dreißigjährige Krieg, München 20108, S. 91.
4.
Vgl. Axel Gotthard, Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung, Köln–Weimar–Wien 2016, S. 165.
5.
Bernd Roeck, Die Klage der Totengräber, in: Die Zeit Geschichte 5/2017, S. 77–81, hier S. 78.
6.
Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1, München 1987, S. 53f.
7.
Cora Stephan, "Der Kopf war zerschmettert, das Gehirn zerspritzt", 9.2.2013, http://www.welt.de/geschichte/article113508510«.
8.
Johannes Arndt, Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648, Stuttgart 2009, S. 192.
9.
Gotthard (Anm. 4), S. 206.
10.
Vgl. Janina Lingenberg, Kämpfende Magd – schaukelnde Krämer, in: Die Zeit Geschichte 5/2017, S. 62–66.
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Autor: Frauke Adrians für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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