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Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Frauke Adrians

"Das sich einem Stein solt erbarmet haben". Der Dreißigjährige Krieg im Erleben der Zivilbevölkerung

Krieg ernährt Krieg

Die alte Regel, wonach jeder Fürst das Heer, das er aufstellen ließ, auch bezahlen musste, war im Dreißigjährigen Krieg von Beginn an Makulatur. Schon der glücklose "Winterkönig" Friedrich V. konnte die Truppen, die 1620 in Böhmen für seine Sache kämpften, nicht auf Dauer finanzieren – was dazu führte, dass sie Dörfer plünderten und die Zivilbevölkerung durch Brandschatzung auspressten. Graf von Thurn, einer der Unterlegenen in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag, brachte die Niederlage mit dem unchristlichen Verhalten der Truppen direkt in Verbindung: "Dass diese hohe Strafe Gott auf uns hat fallen lassen, haben unsere Soldaten, so teutsch als ungarisch, mit ihrem unchristlichen und vorher niemals erhörten gottlosen Leben, so sie mit Plündern, Rauben, Brennen und Morden verübt, tausendfältig verschuldet", schrieb er in seiner "Kurzen und eigentlichen Relation der verlaufenen Schlacht".[11]

Das Prinzip, dass der Krieg den Krieg ernähren müsse, machte Wallenstein wenige Jahre später zu seinem Geschäftsmodell: Da selbst Kaiser Ferdinand II. nicht die Mittel hatte, die großen Söldnerheere dauerhaft zu versorgen, die Wallenstein ab Mitte der 1620er Jahre in seinem Auftrag anwarb, verlangte der General neben den üblichen Naturalien auch hohe Geldzahlungen von den Territorien, in denen die Truppen einquartiert waren. Sie mussten die Kriegskosten vollständig tragen.[12] Ob es sich um Feindes- oder Freundesland handelte, spielte für Wallenstein keine Rolle. Je länger der Krieg dauerte, desto drückender wurde für Regionen mit häufigen Einquartierungen die Kontributionslast. Vielerorts wurden Vieh und Pferde beschlagnahmt, was die Bestellung der Felder fast unmöglich machte. Die Folge war noch größerer Hunger. Er führte dazu, dass "vül greüwlich und abscheüliches dings auffgefressen worden", berichtet der Ulmer Schuster Hans Heberle 1635, "hundt und katzen, meüß und abgangen vüch (…). Es ist auch für gut gehalten worden allerley kraut uff dem feld: die distel, die nesle (…), dan der hunger ist ein guter koch, wie man im sprichwort sagt. Dan durch diese hunger ist ein grosser sterbet und pestelentz entstanden, das vüll taussend menschen gestorben."[13]

Bereits 1626 führte Volkmar Happe, Hofrat in Diensten des Grafen von Schwarzburg-Sondershausen, im thüringischen Ebeleben akribisch Buch über die geforderten Abgaben; unter anderem mussten täglich 12.400 Pfund Brot, 9.300 Pfund Fleisch und 6.200 Maß Bier ins kaiserliche Heerlager geliefert werden. "In manchem Dorfe haben fünf, sechs Regimenter gelegen, in manchem kleinen Bauernhaus eine ganze Kompanie. Die haben wie die Raupen alles beschmutzt, aufgefressen, verfüttert, verwüstet und vernichtet", klagte er.[14] Drei Jahre später hatte sich die Lage verschlimmert, auch weil die Übergänge zwischen Kontributionszahlung, gewaltsamer Plünderung und brutalen Exzessen zunehmend verschwammen: "In dem nunmehr angewichenen 1629. Jahr sind wir durchaus mit vielen keyserlichen Soldaten belebet gewesen. Denn wir starcke Geldcontribution geben müssen, also dass wir gantz verarmet und ist ein unsegliches Jammer und Noth und Elende unter dem armen Volcke gewesen. Anfangs haben wir Crabaten [zeitgenössisch für "Kroaten", Anm. d. Red.] gehabt, hernach haben wir teutsche Reuter des Obristen Piccolomini bekommen. (…) Was vor Mordschlag, Rauberey, Schändungen der Weibes Bilder hin und wieder vorgegangen, ist hoch zu trauern. Darüber haben wir noch viele Durchzüge ausgestanden."[15]

Fußnoten

11.
Zit. nach Hans Jessen (Hrsg.), Der Dreißigjährige Krieg in Augenzeugenberichten, München 19753, S. 90.
12.
Vgl. Gotthard (Anm. 4), S. 192.
13.
Zit. nach Gerd Zillhardt, Der Dreißigjährige Krieg in zeitgenössischer Darstellung: Hans Heberles "Zeytregister" (1618–1672), Aufzeichnungen aus dem Ulmer Territorium, Ulm 1975, in Auszügen ebenfalls online dokumentiert in: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB), http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=3709«, hier S. 5.
14.
Zit. nach Schnurr (Anm. 1), S. 84.
15.
Zit. nach Andreas Bähr, Inhaltliche Erläuterungen zu Volkmar Happes Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg, in: Hans Medick/Norbert Winnige (Hrsg.), Mitteldeutsche Selbstzeugnisse aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, o.D., http://www.mdsz.thulb.uni-jena.de/happe/erlaeuterungen.php«.
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Autor: Frauke Adrians für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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