Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Heinz Duchhardt

Ein doppeltes "Westphalian System"?
Der Westfälische Friede, das Reich und Europa

Als am 24. Oktober 1648 die französischen, schwedischen, kaiserlichen und reichischen Unterhändler in einer komplizierten Abfolge ihre Unterschriften unter zwei Dokumente – das "Instrumentum pacis Monasteriense" und das "Instrumentum pacis Osnabrugense" – setzten, die den "Krieg der Kriege" endlich beenden sollten, war das schon der zweite Schritt. Der Begriff "Westfälischer Friede" assoziiert ein umfängliches Dokument, das den Übergang vom Krieg zum Frieden markiert hätte; aber tatsächlich umfasst der Friedensschluss drei Dokumente: neben den beiden in lateinischer Sprache gehaltenen kaiserlich-schwedischen und kaiserlich-französischen Verträgen auch noch den spanisch-niederländischen Frieden vom 30. Januar 1648, bei dem die französische und niederländische Sprache gleichberechtigt nebeneinander standen und dessen Beeidung am 15. Mai 1648 sich das "klassische" Friedensgemälde der Vormoderne verdankt, das derzeit im Rijksmuseum Amsterdam befindliche Ölgemälde von Gerard ter Borch.

Dass das Freudentage für den halben Kontinent waren, haben Liederdichter und professionelle Lobredner in vielfacher Weise zum Ausdruck gebracht. Dass noch über Jahre hinweg vor allem im protestantischen Deutschland staatlich-kirchliche Dankesfeste folgten, für die nicht selten eigene Friedenskompositionen uraufgeführt wurden, dass eine Stadt wie Augsburg bis heute einen auf 1648 zurückgehenden Feiertag begeht, spricht für sich – der schlimmste aller bisherigen Kriege, der der schieren Dauer, der Vielfalt der Grausamkeiten, der riesengroßen militärischen und zivilen Opfer und des Zusammenbruchs von Wirtschaft und Handel wegen seinesgleichen suchte, war zu einem Ende gekommen. Zumindest schien es so. Denn noch war überhaupt nicht geklärt, ob all die in fremden Diensten stehenden Kriegsunternehmer, die gewissermaßen vom Krieg lebten, den Vertragsbestimmungen gemäß nun auch wirklich die Waffen niederlegen würden und ihre Söldner abdankten. Und es war auch noch unklar, wie es in den Regionen, die unbefriedet geblieben waren, weitergehen würde. Denn man darf eines nicht übersehen: Das dreigliedrige Vertragswerk von Münster und Osnabrück war insofern ein Torso geblieben, als zwei der Hauptgegner, Frankreich und Spanien, sich dem Frieden untereinander verweigert hatten, der Krieg also zumindest an dieser Front weiterlaufen würde, die insbesondere auch Oberitalien einschloss. Angesichts dessen war der Friede, auf den man sich in Münster und Osnabrück verständigt hatte, vorderhand noch eine höchst unsichere und prekäre Sache, ein unsicherer Wechsel auf die Zukunft.

Aber immerhin: Es gab nach den zahllosen Versuchen in den zurückliegenden Jahrzehnten, dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten, nach Kongressen, die – so in Köln – langfristig vorbereitet, aber nie eröffnet worden waren, nach den unendlich zähen, von Zeremonialstreitigkeiten und der Hoffnung, dass ein großer militärischer Erfolg alles verändern werde, überschatteten Vorläufern der westfälischen Verhandlungen und dem mehrjährigen Verhandlungsmarathon jetzt immerhin ein Dokument, das von wichtigen Protagonisten unterzeichnet worden war (und dann auch ratifiziert werden sollte). Hinter dieses Dokument konnte man substanziell, wollte man vor der "öffentlichen Meinung" nicht völlig das Gesicht verlieren, kaum mehr zurück. Das weckte zumindest die Hoffnung, dass die Condottieri, die Söldnerführer, mit ihren mehr oder weniger unbeherrschbaren Soldatenhaufen, die in ihrem Leben nichts anderes gemacht hatten, als Schlachten zu schlagen und die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, sich nicht mehr verselbstständigten und die Dokumente vom Herbst 1648 wieder zur Makulatur werden ließen.

Es sollten freilich noch Jahre vergehen, bis nach einem Nürnberger "Exekutionskongress", auf dem unter anderem die gewaltige finanzielle "Entschädigung" Schwedens auf die Reichsstände umgelegt wurde, und der "Reduktion" versprengter unzufriedener Soldatenverbände wirklich Ruhe in der Mitte Europas einkehrte. Die Federstriche vom 30. Januar und 24. Oktober bedeuteten nicht, dass von einer Stunde zur anderen Friede einkehrte – mag die populäre Grafik des "Friedensreiters" das auch assoziieren. Es gab eine Nachkriegszeit, die sich von der Kriegszeit zunächst nur graduell unterschied.

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Autor: Heinz Duchhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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