Der Galgenbaum von Jacques Callot.

20.7.2018 | Von:
Heinz Duchhardt

Ein doppeltes "Westphalian System"?
Der Westfälische Friede, das Reich und Europa

Mythos und Wirklichkeit

Wenn die Zeitgenossen den Westfälischen Frieden – und damit meinten sie in aller Regel die beiden als Einheit verstandenen Instrumenta pacis vom 24. Oktober 1648 – trotzdem emphatisch feierten, ihn zu dem Referenzdokument der Vormoderne schlechthin stilisierten, auf das so gut wie jeder folgende Friedensschluss bis in die Revolutionszeit hinein Bezug nahm, wenn die zeitgenössischen oder wenig späteren Aktensammlungen einander rasch ablösten und die Literatur zum Westfälischen Frieden schon bis zum Ende des Ancien Régime ganze Bibliotheken füllte, dann musste das seine Gründe haben. Wenn die angelsächsische (Politik- und Rechts-) Wissenschaft seit den späten 1940er Jahren bis in unsere Gegenwart hinein von einem (vermeintlichen) Westphalian system sprach (oder auch noch spricht), dann hat der Historiker zu fragen, worin denn diese kaum zu überbietende Hochschätzung, diese Singularität des Westfälischen Friedens bestanden haben soll. Es gilt dabei, zwei Diskursebenen zu unterscheiden: die des Westfälischen Friedens als "Reichsgrundgesetz" und die der staatenpolitischen Wegmarke. Zunächst soll die letztgenannte Thematik ins Auge gefasst werden.

Nüchtern besehen, haben die beiden Dokumente vom 24. Oktober 1648 den Staatenfrieden nur eine sehr begrenzte Zeit aufrechterhalten. Sieht man einmal von dem sich fortsetzenden Französisch-Spanischen Krieg ab, der erst 1659 im sogenannten Pyrenäenfrieden zu seinem Ende kommen sollte, haben selbst die beiden "Garantiemächte" schon in den ausgehenden 1650er Jahren (Schweden) und massiv dann in den 1660er Jahren (Frankreich) wieder zu den Waffen gegriffen, und zwar keineswegs nur zu defensiven Zwecken. Die faktische Halbwertzeit der Friedensverträge war – international gesehen – gering, die vollmundigen Ewigkeitsformeln in den Einleitungen der beiden Dokumente taugten nicht viel. Man kann sogar sagen, dass das gute halbe Jahrhundert nach "Westfalen" zu den kriegerischsten der Vormoderne überhaupt avancierte.

Und trotzdem: ein über die Jahrhunderte währendes Westphalian system? Die Protagonisten dieses Bildes führen ins Feld, erst seit diesem Zeitpunkt habe sich ein System ausgebildet, in dem nur noch die nach innen und außen souveränen Staaten, die über formalisierte Beziehungen zu den anderen Gliedern der Staatenwelt verfügten, Subjekte des Völkerrechts gewesen seien und nicht mehr, wie in der Vergangenheit, auch noch intermediäre Gewalten wie Ständekorporationen mit diesem Anspruch aufgetreten seien.

Das ist freilich nur die halbe Wahrheit, denn der Alleinvertretungsanspruch der Souveräne hat eine viel weiter zurückreichende Tradition, und nichtstaatliche Organisationen wie die großen Handelskompanien haben durchaus auch nach 1648 ihren Part als – jetzt sogar akzeptierte – Völkerrechtssubjekte gespielt. Und, um ein weiteres Beispiel anzuführen, der Hanseverbund hat nach wie vor seine Repräsentanten zu den Friedenskongressen gesandt, um sich seine Rechte bestätigen zu lassen. Auch von der Parität der Staaten kann noch längst nicht die Rede sein, auch wenn in Münster und Osnabrück die Staaten "auf Augenhöhe" und ohne Vorbehalte miteinander verhandelten – der Vorrang der "Großen" und der Kronen wurde nämlich in der gesamten Vormoderne nicht abgebaut. Die Vorstellung, in Westfalen sei das staatenpolitische Mantra und "System" der Zukunft, das Gleichgewicht der Kräfte, "erfunden" worden, ist abwegig, und erst recht ist es irrig anzunehmen, dass sich entsprechend Hugo Grotius’ Standardwerk von 1625 ("De jure belli ac pacis"/"Über das Recht des Krieges und des Friedens") das humanitäre Völkerrecht jetzt endgültig auf breiter Front durchgesetzt habe. Eine solche Langzeitwirkung der Verträge von 1648 bis an die Schwelle der Gegenwart anzunehmen, ist schlicht absurd – mag auch in der Jetztzeit bis in die Hochglanzpresse hinein immer wieder einmal der Gedanke eines neuen Westfälischen Friedens für bestimmte Krisenregionen auftauchen und ventiliert werden. Der Westfälische Friede schuf keine neue europäische Friedensordnung, ganz gleich ob man ihr Ende mit 1789, 1945 oder 1990 datiert.

Was aber gesagt werden kann, ist, dass mit 1648 die Konfessionen als politikgestaltende Kräfte erkennbar in den Hintergrund traten – ohne als Legitimationsfigur völlig aus dem politischen Diskurs zu verschwinden –, sich die internationalen Beziehungen mithin rationalisierten. Auch setzte sich mit dem Westfälischen Frieden ein bestimmtes Muster des Friedenschließens durch, das, in aller Regel mit Mediatoren oder Personen/Instanzen, die ihre "guten Dienste" zur Verfügung stellten, auf grundsätzlicher Schriftlichkeit beruhte, auf Plenarkonferenzen verzichtete und – wenigstens in der "westlichen" Welt – auf "Ewigkeit" angelegt war. Aber in Bezug auf eine längst überfällige Humanisierung des Kriegsvölkerrechts oder die zeremoniellen Fallstricke haben die westfälischen Verhandlungen noch keineswegs Weichenstellungen für die unabsehbare Zukunft vorgenommen.

Den beiden Instrumenta pacis vom Oktober 1648 fehlte auch insofern etwas von einer völkerrechtlichen Ausstrahlung, als das Angebot an alle europäischen Drittstaaten (mit Ausnahme der Kurie und des Osmanischen Reiches), dem Frieden förmlich beizutreten, von keinem wahrgenommen wurde. Und trotzdem haben in der Folgezeit dann sogar Staaten, die nicht zu den Vertragspartnern zählten, in ihren Friedensschlüssen fast stereotyp auf 1648 rekurriert, dessen Instrumenta pacis zur Gänze bestätigt wurden – mochten auch Bestimmungen des neuen Friedens in einem diametralen Gegensatz zu den seinerzeitigen Vertragsklauseln stehen. Der Westfälische Friede galt, ohne dass sich das rational zur Gänze nachvollziehen lässt, als "Vater" des Geflechts der Staatenbeziehungen und als Grunddokument eines zivilisierten Zusammenlebens der "Staatenfamilie". Er wurde, nicht erst Jahrzehnte später, sondern ganz rasch nach seinem Abschluss, zum Mythos – als Dokument, das es vermocht hatte, einen in seiner Dimension bis dahin unvorstellbaren Krieg überhaupt zu beenden.

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Autor: Heinz Duchhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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