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29.10.2003 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Ein Vergleich Deutschlands mit anderen europäischen Staaten zeigt: Der "Knackpunkt" einer fortschrittlichen Frauen- und Familienpolitik liegt in der Bereitstellung von Kinderbetreuungseinrichtungen.

"In der Familienpolitik gibt es im Augenblick nichts Wichtigeres, als den Ausbau der Kinderbetreuung zu forcieren", so Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung im Herbst 2002. Ein Vergleich Deutschlands mit anderen europäischen Staaten zeigt, dass hier tatsächlich der "Knackpunkt" fortschrittlicher Frauen- und Familienpolitik liegt: In Ländern, die über ein quantitativ und qualitativ gut ausgebautes System öffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen verfügen, wie etwa Finnland, Schweden und Frankreich, sind Frauen besser in den Arbeitsmarkt integriert als in Deutschland. Die Bundesrepublik schneidet im europäischen Vergleich schlecht ab; entsprechend hoch ist der Anteil an privater Familienarbeit. Dabei wird auch in Deutschland das so genannte "Hausfrauenmodell" weit weniger gewünscht, als es praktiziert wird. Anne Jenter, Vera Morgenstern und Christiane Wilke erwarten von Frauen- und Familienministerin Renate Schmidt, dass sie sich in der Frage des Ausbaus des Systems öffentlicher Kinderbetreuungseinrichtungen und der Umsetzung der EU-Richtlinie zur Gleichbehandlung von Männern und Frauen im Erwerbsleben gegenüber dem Bundeskanzler durchsetzt - oder ihn beim Wort nimmt. Dann dürften auch in Deutschland die Geburtenzahlen wieder steigen. Ihr kontinuierliches Sinken wertet Claudia Pinl als Antwort der Frauen auf Versäumnisse der Politik.

Finnland, Schweden und Frankreich gelten als Paradebeispiele für Geschlechtergerechtigkeit. Diese Länder verfügen über ein dichtes Netz staatlicher oder staatlich geförderter privater Betreuungseinrichtungen. Deutschland hingegen weist einen großen Anteil an privater, nicht staatlich geförderter Kleinkindbetreuung auf - so das Ergebnis eines Vergleichs zwischen dem familienpolitischen Engagement in Schweden, Frankreich und Deutschland von Mechthild Veil. InFinnland sind Frauen auch als Mütter kontinuierlich in Vollzeit erwerbstätig. Carmen Klement und Brigitte Rudolph führen Existenz und Fortbestand der unterschiedlichen Verhaltensmuster finnischer und deutscher Frauen auf divergierende sozialstaatliche Rahmenbedingungen und soziokulturelle Frauenleitbilder in beiden Ländern zurück. Anders als in Deutschland werden Kindererziehung und -betreuung in Finnland als staatliche, nicht als individuell zu lösende Aufgabe angesehen.

In Ländern wie Finnland, Schweden und Frankreich, in denen die Voraussetzungen für die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kindern gegeben sind, ist auch die Geburtenrate höher. Nach Corinna Onnen-Isemann sinkt die Kinderzahl in Deutschland immer weiter, weil hier die politische Bereitschaft, die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familientätigkeit zu fördern, zu gering ausgeprägt ist. Familienpolitische Reformen seien nur schwer umsetzbar. Stattdessen halte sich ein traditionelles Mutterbild, das europaweit seinesgleichen suche.

Allerdings ist die in Frankreich in den achtziger Jahren einsetzende Homogenisierung weiblichen und männlichen Erwerbsverhaltens wieder rückläufig. Mit der allmählichen Abkehr vom Modell der in Vollzeit arbeitenden Mutter geht die Institutionalisierung eines weiblichen Beschäftigungsmodells mit reduzierter Erwerbsarbeit einher. Nach Silke Reuter führt dies zu einer Polarisierung zwischen jenen Frauen mit Kindern, die eine Karriere verfolgen und sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten, und jenen, die sich zugunsten der Kinderbetreuung zumindest zeitweise vom Arbeitsmarkt zurückziehen.