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Auswirkungen staatlicher Rahmenbedingungen und kultureller Leitbilder auf das Geschlechterverhältnis

Deutschland und Finnland


29.10.2003
Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt ist in den Industrieländern Europas unterschiedlich verlaufen. Ein Vergleich zwischen Deutschland und Finnland verweist auf Interdependenzen zwischen sozialstaatlichen Rahmenbedingungen und normativen kulturellen Leitbildern.

Einleitung



Mit der Ausdehnung der sozialen Rechte von Frauen in westlichen Gesellschaften haben sich seit dem 19. Jahrhundert einschneidende Veränderungen bezüglich der weiblichen Erwerbsbeteiligung ergeben. Angesichts der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und lauter werdender Forderungen nach einem Umbau des Wohlfahrtsstaates stellt sich heute jedoch die Frage nach der Zukunft der Arbeit. Wie wird sich bei zunehmender Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen zukünftig die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern entwickeln? So zeigen etwa Studien, dass in den Ländern, in denen eine hohe Integration von Frauen in das Erwerbssystem gelungen ist, die Geburtenrate höher ist. Hier schließt sich die Frage an, wie das Erwerbsverhalten von Frauen und die länderspezifischen Betreuungsangebote für Kinder und/oder pflegebedürftige Angehörige zusammenhängen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern wurden zunächst vor allem mit den nationalen Gesetzen und Regelungen im Bereich der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Fiskalpolitik erklärt.[1] Zudem wurde konstatiert, dass auch national unterschiedliche kulturelle Leitbilder die Erwerbsbeteiligung beider Geschlechter beeinflussen.[2]




Zwei in dieser Hinsicht stark differierende Länder sind Deutschland und Finnland, insbesondere was die Erwerbsquote und die Arbeitszeitstrukturen von Frauen betrifft. Die geschlechtsspezifische Strukturierung des Arbeitsmarktes lässt überdies Aussagen darüber zu, welche Tätigkeiten über den Arbeitsmarkt vermittelt oder als "typische Frauenarbeit" in den unbezahlten privaten Bereich verbannt werden.




Der Text soll zunächst einen Überblick über die Erwerbsstrukturen von Frauen und Männern in beiden Ländern geben. Dabei lassen sich Unterschiede bei der geschlechtsspezifischen Verteilung der bezahlten sowie der unbezahlten Arbeit feststellen. Als wesentliche Ursache werden in der soziologischen Forschung neben der Politik des Wohlfahrtstaates auch die soziokulturellen Leitbilder genannt;[3] diese werden im zweiten Teil näher betrachtet. Abschließend soll - mit Blick auf eine geschlechtergerechte Arbeitsteilung - eine Prognose zur Zukunft der Arbeit aufgestellt werden.



Fußnoten

1.
Vgl. dazu beispielsweise: Heide M. Pfarr, Frauenerwerbstätigkeit im europäischen Vergleich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 46 - 47/2002, S. 32 - 35.
2.
Vgl. dazu Birgit Pfau-Effinger, Kultur und Frauenerwerbstätigkeit in Europa, Opladen 2000.
3.
Vgl. dazu beispielsweise dies./Karin Gottschall (Hrsg.), Zukunft der Arbeit und Geschlecht, Opladen 2002; Jane Lewis, Gender and the development of welfare regimes, Journal of European Social Policy, (1992) 3, S. 159 - 173; Ilona Ostner (Hrsg.), Der oder die Sozialstaat: Doing Gender europäischer Wohlfahrtsregime, Bielefeld 2002.