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29.10.2003 | Von:
Carmen Klement
Brigitte Rudolph

Auswirkungen staatlicher Rahmenbedingungen und kultureller Leitbilder auf das Geschlechterverhältnis

Deutschland und Finnland

Ursachen der unterschiedlichen Erwerbsintegration von Frauen und Männern

Für die länderspezifische Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt kann eine Reihe von Gründen angeführt werden. So üben beispielsweise politische Ideologien, die ökonomische Entwicklung, religiöse Ideen und Vorstellungen, aber auch kulturelle Traditionen Einfluss aus. Für die beiden Vergleichsländer sind zwei eng miteinander verbundene Ursachen zu nennen: Zum einen unterstützt die wohlfahrtsstaatliche Politik geschlechtsspezifische Erwerbsmuster, zum anderen beeinflussen soziokulturelle Leitbilder und Ideale in der Gesellschaft die individuelle Entscheidung über eine Beteiligung am Arbeitsmarkt.

Die Rolle der Sozial- und Fiskalpolitik

Der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei richtete sich der Fokus zunehmend auf die Rolle der wohlfahrtsstaatlichen Politik bei der Integration beider Geschlechter in das Erwerbssystem.[14] Im Vergleich der beiden Länder zeigte sich, dass die Bereitstellung staatlicher Betreuungseinrichtungen für Kinder und pflegebedürftige Menschen in Deutschland sehr unbefriedigend und lückenhaft ist. Mütter und pflegende Angehörige haben daher nur die Möglichkeit, ihre Berufstätigkeit für einige Jahre zu unterbrechen oder gar ganz aufzugeben, um die zu Hause anfallenden Betreuungsarbeiten zu leisten.[15] Inzwischen trat zwar ein Gesetz in Kraft, das einen Kindergartenplatz für Kinder ab drei Jahren garantiert, in der Praxis zeigen sich aber nach wie vor gravierende Defizite. Zudem müssen Eltern häufig die Betreuung ihrer Kinder unter drei Jahren privat organisieren und finanzieren, weil das Angebot für diese Altersklasse noch geringer ist als für ältere Kinder. Ein weiteres Problem ergibt sich für viele Eltern mit der Einschulung der Kinder. Nur in wenigen Fällen können Kinder eine Ganztagsschule oder zumindest eine "verlässliche" Halbtagsschule besuchen, die verbindlich festgelegte Unterrichts- und Betreuungszeiten einhält. Zwar gibt es in größeren Städten Hortangebote; aber diese reichen nicht aus, so dass Eltern auch hier auf privat organisierte Arrangements angewiesen sind. Die Defizite spiegeln sich auch in den statistischen Daten wider: In Deutschland war bei 52,3 Prozent der Paare mit kleinen Kindern die Frau nicht berufstätig. Gewünscht wurde dies aber nur von 5,7 Prozent der Betroffenen.[16]

Auch die Versorgung mit Betreuungseinrichtungen für pflegebedürftige Angehörige ist in Deutschland ungenügend. Die Einführung der Pflegeversicherung im Jahre 1996 sollte auch einen Anreiz schaffen, die Betreuung alter Menschen der Familie zu übertragen. Studien zeigen, dass die meisten Betreuungs- und Pflegebedürftigen nach wie vor in der Familie versorgt werden, mehrheitlich von Ehefrauen, Töchtern oder Schwiegertöchtern.[17] Die Beispiele zur Kinderbetreuung sowie Pflege und Betreuung von Angehörigen zeigen, dass die mangelnde Förderung der öffentlichen Infrastruktur zwar zu einer Entlastung des Arbeitsmarkts und des Wohlfahrtsstaats führen kann, diese aber auf Kosten einer existenzsichernden, lückenlosen Erwerbsbeteiligung von Frauen geht.

Auch die staatliche Finanzpolitik trägt dazu bei, das männliche "Ernährer"-Modell festzuschreiben. Das so genannte Ehegattensplitting gilt als finanzieller Anreiz für Frauen, die Rolle der Hausfrau und unbezahlten Betreuerin zu übernehmen, die bestenfalls noch Geld hinzuverdient.[18] Allerdings wirkt sich der Umstand, während der Zeit der Kinderbetreuung keinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, für diese Frauen auf lange Sicht sehr unvorteilhaft aus. Zunächst einmal sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch eine Erwerbsunterbrechung deutlich reduziert, oft gelten sie dadurch als weniger qualifiziert und müssen eine Tätigkeit unterhalb ihres Ausbildungsniveaus aufnehmen. Zudem gehen Frauen - wie bereits gezeigt wurde - aufgrund ihrer Zuständigkeit für die Kinderbetreuung häufig einer Teilzeitbeschäftigung oder einer "geringfügigen Beschäftigung" nach. Beide Erwerbsformen haben neben der geringeren Entlohnung den Nachteil, weniger Karrierechancen zu bieten als Vollzeitstellen.

Auch im Alter wirken sich Berufsunterbrechungen negativ aus. Das deutsche Rentenversicherungssystem ist eng gekoppelt an das Erwerbssystem. Somit entscheidet die Teilhabe am Arbeitsmarkt über die finanzielle Ausstattung im Rentenalter: Nur das Familienmitglied mit einem kontinuierlichen, möglichst lebenslangen Erwerbsverlauf kann auf eine adäquate Altersversorgung hoffen. In diesem Zusammenhang ist auch der kontinuierliche Anstieg der Scheidungsrate in den vergangenen Dekaden zu erwähnen, der auf die zunehmende Individualisierung zurückzuführen ist. Frauen sind so in Deutschland lediglich "einen Ehemann weit von der Armut entfernt", da Trennung und Scheidung die soziale und ökonomische Verwundbarkeit von allein erziehenden Frauen enthüllen.[19]

Die finnische Sozialpolitik gründet auf einem anderen Geschlechterkonzept. Männer und Frauen beteiligen sich hier gleichermaßen am Arbeitsmarkt. Obwohl dieser auch in Finnland nach Berufen und Positionen stark segregiert ist und nicht von Chancengleichheit gesprochen werden kann, sind beide Geschlechter vollständig in den Arbeitsmarkt integriert. Für Familien mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen wird dies möglich durch staatliche Betreuungseinrichtungen, die Frauen zugleich Arbeitsplätze bieten.

Zudem werden verheiratete Frauen im finnischen Steuer- und Sozialversicherungssystem als Individuen behandelt, nicht als Teil eines Paares wie in Deutschland. Es gibt eine Einheitsrente, die so genannte Volksrente, und zusätzlich eine Erwerbsrente. Die Volksrente soll allen Rentnerinnen und Rentnern ein angemessenes Mindesteinkommen garantieren. Die Erwerbsrente, die erst seit diesem Jahr obligatorisch ist, berechnet sich anhand der Dauer der Beschäftigung oder Selbstständigkeit sowie des erzielten Einkommens. Bei der Erwerbsrente kommt es allerdings zu einer Benachteiligung von Frauen, da sie im Durchschnitt weniger verdienen als Männer.

Trotz der Vorzüge des finnischen Systems kritisieren skandinavische Forscherinnen die nordische Wohlfahrtsstaatspolitik, da sie die Frauen in eine doppelte Abhängigkeit führe. Frauen seien zum einen vom Staat als Arbeitgeber abhängig. Zum anderen ist der Staat die Institution, die Betreuungseinrichtungen zur Verfügung stellt, damit Frauen Vollzeit arbeiten können.[20]

Zusammengefasst kann festgehalten werden: Die sozialpolitischen Rahmenbedingungen führen in Finnland zu einer Unabhängigkeit der Frauen vom Ehemann bzw. Lebenspartner. In Deutschland erzeugen sie dagegen in stärkerem Maße eine Abhängigkeit von einem männlichen Ernährer - jedenfalls für die Frauen, die unbezahlt häusliche Reproduktions- und Betreuungsarbeit leisten. Darüber hinaus kann eine lückenhafte Erwerbskarriere zu einer lebenslangen ökonomischen Instabilität führen, da z.B. im Falle einer Scheidung die Diskontinuität der Berufstätigkeit und die damit verbundenen Nachteile im weiteren Erwerbsverlauf kaum mehr ausgeglichen werden können. Um die unterschiedliche Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt in europäischen Industrieländern zu erklären, können die sozialstaatlichen Rahmenbedingungen allerdings nicht isoliert von anderen, sich teilweise ergänzenden und/oder gegenseitig bedingenden Faktoren betrachtet werden. Länderspezifisch differierende kulturelle Normen fließen in politische Entscheidungen und Vorgaben mit ein, es entstehen also Interdependenzen zwischen der Geschlechternorm, der ökonomischen und politischen Entwicklung und der wohlfahrtsstaatlichen Politik eines Landes. In einem kurzen Rückblick auf die Industrialisierungsphasen der beiden Vergleichsländer Finnland und Deutschland wird die Veränderung kultureller Normen und Leitbilder betrachtet.

Die gesellschaftliche Prägung kultureller Leitbilder

Vor der Industrialisierung wiesen beide Länder eine weitgehend agrarische Gesellschaftsstruktur auf. Obwohl auch in der Vormoderne eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bestand und Frauen nicht im Besitz sämtlicher Bürgerrechte waren, wird das damalige Geschlechtermodell in der Literatur als nahezu gleichberechtigt und die Tätigkeit von Männern und Frauen als gleichwertig beschrieben.[21] Allerdings waren beide Partner keineswegs ökonomisch unabhängig, ganz im Gegenteil. Die Vereinbarungen zwischen den Geschlechtern basierten auf einem ökonomischen Familienmodell: Nur die gemeinsame Bewältigung aller Aufgaben konnte in der vorindustriellen Agrarwirtschaft das Überleben eines Paares und der Familie sichern. Der Frau oblag dabei eher der Part im Hause einschließlich der Viehzucht sowie die Vorratshaltung und die Aufsicht über die Töchter und das weibliche Gesinde. Dem Mann, dem Hausvater, fielen die Feld- und Waldarbeiten zu, die er mit den Söhnen und Knechten verrichtete. Trotz dieser klar getrennten Aufgabenbereiche war die Tätigkeit von Männern und Frauen als gleichwertig anerkannt, da jede Arbeit unverzichtbar für das Gedeihen der Wirtschaft war. Mit dieser Gleichwertigkeit der Arbeit war jedoch keine Gleichrangigkeit in der Familienhierarchie verbunden. Männer hatten als "Haupt der häuslichen Gemeinschaft" das Sagen und vertraten die Familie nach außen.

In Finnland vollzog sich der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts und damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr spät. Aber die finnische Industriegesellschaft entwickelte sich sehr rasch, und parallel dazu entstand der Wohlfahrtsstaat. Die partnerähnlichen Strukturen der Geschlechtsbeziehungen in der Agrargesellschaft sowie der rasche Übergang zur Industriegesellschaft scheinen eine Erklärung für den Konsens in der finnischen Gesellschaft zu sein, beide Geschlechter vollständig in den Erwerbsarbeitsmarkt zu integrieren. Begünstigt wurde dies durch die rasche, nahezu zeitgleiche Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft.[22] Die wohlfahrtsstaatliche Politik stellte öffentliche soziale Dienstleistungen bereit, die vorwiegend "Frauenarbeit" waren. Daher stellen in Finnland Frauen noch heute die Majorität der Vollzeitbeschäftigten im öffentlichen Sektor. Das kulturelle Leitbild ist seither das der berufstätigen, vollzeitbeschäftigten Frau und Mutter. Durch die Entsprechung der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik und des soziokulturellen Leitbilds weisen finnische Frauen eine gefestigte Berufsidentität auf. Die professionalisierte Kinderbetreuung ist eine Normalität in der finnischen Gesellschaft, die zu dem Mutter- und Familienbild nicht im Widerspruch steht.

In Deutschland begann der Prozess der Industrialisierung nahezu 100 Jahre früher, aber er dauerte erheblich länger und war von anderen gesellschaftlichen Entwicklungen begleitet. Mit der Industrialisierung entstand die neue Klasse der Bourgeoisie. Die Frauen aus dem Bürgertum waren nicht in den Arbeitsmarkt integriert. Da sie nicht mehr wie früher einem großen Haushalt vorstanden, der in der vormodernen, agrarisch orientierten Gesellschaft ihr Machtbereich gewesen war, begann sich ein neues kulturelles Leitbild zu entwickeln. Ausgehend von der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung wurden nun Frauen und Männern auch unterschiedliche Kompetenzen in verschiedenen Lebenssphären zugeschrieben: den Männern in der öffentlichen Sphäre, den Frauen im privaten Bereich. Es wurden naturgegebene polare "Geschlechtscharaktere" propagiert: Die Frau wurde als passiv, emotional und nachgiebig, der Mann als aktiv und rational eingestuft. Daher seien Frauen für die personenbezogenen Sorge- und Betreuungstätigkeiten in der Familie, Männer für sachbezogene, produktive Tätigkeiten in Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft prädestiniert. Mit dieser Entwicklung verfestigte sich das so genannte männliche Ernährer-Modell: Männer sollten fortan das Familieneinkommen durch bezahlte Arbeit garantieren, während Frauen für die private Reproduktionsarbeit verantwortlich waren. Das kulturelle Frauenleitbild in Deutschland war seitdem das der verheirateten, ökonomisch abhängigen Hausfrau.[23]

Seit den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat diese soziokulturelle Norm eine Modernisierung erfahren: Mütter, die in einer Partnerschaft mit einem männlichen Ernährer leben, scheiden wegen der Kinder häufig einige Jahre aus dem Erwerbsleben aus und arbeiten danach in Teilzeit. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Zu nennen sind hier vor allem der bereits erwähnte "Modernisierungsschub" seit dem Ende der sechziger Jahre und seine sozialpolitischen Begleiterscheinungen wie die Bildungsexpansion; diese billigte nun nicht mehr nur den männlichen Gesellschaftsmitgliedern ein Studium und/oder gute Ausbildungsmöglichkeiten zu, sondern gewährte zunehmend auch Frauen Zugang zu höherer Bildung. Nicht zu vernachlässigen ist auch die so genannte Neue Frauenbewegung: Sie führte dazu, dass Frauen die ihnen zugedachte Rolle als Hausfrau und Mutter zunehmend hinterfragten und sich gegen diese gesellschaftlichen Zuweisungen auflehnten. Während noch im Jahr 1957 die traditionelle Arbeitsteilung vom Gesetzgeber zur Norm erklärt worden war - der Mann als "Ernährer", die Frau als "Herz der Familie" - wurde dieses Leitbild 1977 durch das Prinzip der Wahlfreiheit ersetzt, wonach Ehepartner die Aufgaben in Beruf und Familie nach eigener Absprache aufteilen können.[24] Damit einher gingen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen der Individualisierung sowie der Pluralisierung von privaten Lebensformen. Seither haben sich Frauen in Deutschland mehr und mehr gesellschaftliche Partizipationsrechte erkämpft, obwohl auch heute noch keineswegs von gleichen Zugangschancen in allen öffentlichen Bereichen gesprochen werden kann.[25]

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Deutschland und Finnland aufgrund ihrer historischen, ökonomischen und kulturellen Entwicklung heute unterschiedliche Geschlechtermodelle aufweisen. In Deutschland ist das männliche Ernährer-Modell mit einer in Teilzeit tätigen Mutter, die überdies vorwiegend die Haus- und Sorgearbeit übernimmt, bis heute vorherrschend. Dagegen existiert in Finnland das Doppel-Ernährer-Modell, das durch die Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl von staatlichen Betreuungseinrichtungen für Kinder und Pflegebedürftige ermöglicht wird.[26]


Fußnoten

14.
Vgl. B. Pfau-Effinger (Anm. 2).
15.
Vgl. G. Engelbrech/M. Jungkunst (Anm. 9).
16.
Vgl. H. M. Pfarr (Anm. 1).
17.
Vgl. Ulrich Schneekloth/Udo Müller, Wirkungen der Pflegeversicherung, München 1999.
18.
Vgl. Sibylle Raasch, Familienschutz und Gleichberechtigung in der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts. Vortrag auf der Fachkonferenz Familienpolitischer Umbau des Sozialstaates, Frankfurt/M. 2002.
19.
Vgl. Jutta Allmendinger, Lebensverlauf und Sozialpolitik. Die Ungleichheit von Mann und Frau und ihr öffentlicher Ertrag, Frankfurt/M.-New York 1994; Ilona Ostner, 'Arm ohne Ehemann? Sozialpolitische Regulierung von Lebenschancen für Frauen im internationalen Vergleich', in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 36 - 37/1995, S. 3 - 12.
20.
Vgl. Solveig Bergmann, Ein frauenfreundlicher Staat? Zum Verhältnis zwischen Frauen und dem finnischen Wohlfahrtsstaat, in: Ulrike Müller/Hiltraud Schmidt-Waldherr (Hrsg.), FrauenSozialKunde. Wandel und Differenzierung von Lebensformen und Bewusstsein, Bielefeld 1998.
21.
Vgl. Ute Frevert, Frauen-Geschichte zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit, Frankfurt/M. 1986; Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Dienstleistungsgesellschaften, Frankfurt/M. 1995; Joan W. Scott/Louise A. Tilly, Familienökonomie und Industrialisierung in Europa, in: Claudia Honneger/Bettina Heintz (Hrsg.), Listen der Ohnmacht, Frankfurt/M. 1981.
22.
Vgl B. Pfau-Effinger (Anm. 2).
23.
Die reichhaltige Ratgeberliteratur des 19. Jahrhunderts zeugt von einer zunehmenden Verwissenschaftlichung der Kinderpflege und -erziehung. Mütter wurden von männlichen Autoren in der nun als überaus wichtig eingestuften Tätigkeit der Kinderaufzucht unterwiesen. Vgl. Yvonne Schütze, Die gute Mutter - Zur Geschichte des normativen Musters "Mutterliebe", Bielefeld 1986.
24.
Vgl. Elisabeth Beck-Gernsheim, Vom "Dasein für andere" zum Anspruch auf ein Stück "eigenes Leben": Individualisierungsprozesse im weiblichen Lebenszusammenhang, in: Soziale Welt, 34 (1983) 3, S. 307 - 340.
25.
An der Universität München betrug der Anteil der Studienanfängerinnen im Wintersemester 1991/1992 56 Prozent, während die Zahl der Professorinnen auf Lehrstühlen sich auf 3,3 Prozent beschränkte; vgl. Hiltrud Häntzschel/Hadumod Bußmann (Hrsg.), Bedrohlich gescheit, München 1997. Die Zahlen haben sich in der vergangenen Dekade nicht nennenswert geändert. Überdies finden sich in der Wirtschaft für das Phänomen der weiblichen Unterrepräsentanz in Leitungspositionen zahlreiche Entsprechungen.
26.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die unterschiedliche Entwicklung der kulturellen Leitbilder in Deutschland West und Deutschland Ost. In der DDR glich das kulturelle Leitbild dem Finnlands: Frauen - auch Mütter - waren ebenso vollzeiterwerbstätig wie Männer, während ihre Kinder in staatlichen Einrichtungen betreut wurden. Das deutet darauf hin, dass die politische Ideologie eine stärkere normative Durchsetzungskraft entwickelte als die traditionellen Normen der Bourgeoisie.