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29.10.2003 | Von:
Carmen Klement
Brigitte Rudolph

Auswirkungen staatlicher Rahmenbedingungen und kultureller Leitbilder auf das Geschlechterverhältnis

Deutschland und Finnland

Zukunft der Arbeit unter den Bedingungen einer geschlechtergerechten Arbeitsbeteiligung

Bis heute sind deutliche Interdependenzen zwischen gesellschaftlichen Leitbildern und der jeweiligen sozialstaatlichen Politik und anderen Bereichen wie Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik festzustellen. Das zeigt sich in Deutschland unter anderem darin, dass Schlagworte wie "neue Mütterlichkeit", "Familiensolidarität" oder Aufrufe zu unbezahlter, sozialer Arbeit für das Gemeinwohl meist dann aktuell werden, wenn die Rückbesinnung der Frauen auf die private Lebenssphäre gefördert und so der Arbeitsmarkt entlastet werden soll. Es ist daher kaum überraschend, wenn diese Anregungen in Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit wieder zu einem gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisch relevanten Thema werden. Im Unterschied dazu gab es in Finnland während der Rezession in den neunziger Jahren Überlegungen, sozialstaatliche Leistungen zu erweitern und so zusätzliche Arbeitsplätze im Dritten Sektor zu schaffen.[27]

Allerdings wären in Deutschland aus Genderperspektive auch andere innovative Modelle zur Zukunft der Arbeit denkbar. Dabei wäre jedoch eine einseitige Beschränkung auf geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, den Ausbau des Niedriglohnsektors oder der personenbezogenen Dienstleistungen zu vermeiden. Diese stellen letztlich gering qualifizierte, niedrig bezahlte und hoch flexibilisierte Arbeit dar - Ansätze, die möglicherweise zur Entwicklung einer neuen Dienstbotenklasse unter Frauen und innerhalb unserer Gesellschaft führen könnten.[28] Zu diskutieren wären vielmehr alternative Modelle, die unter den Bedingungen einer geschlechtergerechten Arbeitsbeteiligung adäquate Lösungsansätze bieten.

Hinsichtlich der Erwerbsbeteiligung von Frauen, ihrer Erwerbsverläufe und ihrer finanziellen Autonomie, insbesondere bei der Entscheidung für Kinder, stellt sich das finnische Modell - wie auch andere skandinavische Konzepte - als ein Paradebeispiel für Geschlechtergerechtigkeit dar. Würden alle Frauen unabhängig von einem männlichen Ernährer oder von staatlichen Transferleistungen - wie in Finnland - vollständig in den Erwerbsarbeitsmarkt integriert und die Haushalts- und Sorgetätigkeiten von sozialstaatlicher Seite bereitgestellt, wäre ein Schritt zur Verbesserung des Geschlechterverhältnisses getan. Doch selbst wenn die unterschiedlichen kulturellen Leitbilder - deren starkes Beharrungsvermögen nicht unterschätzt werden sollte - außer Acht blieben, würden der deutsche Arbeitsmarkt und der an seine Grenzen stoßende Sozialstaat eine solche Strategie kaum zulassen.

Politische und wissenschaftliche Diskurse zur Zukunft der Arbeit haben - unterstützt von zwei großen Zukunftskommissionen - seit vielen Jahren Konjunktur.[29] Arbeitsmarktexperten prognostizierten schon vor längerer Zeit, dass es aufgrund der Globalisierung, der Öffnung der internationalen Finanzmärkte, des rapide wachsenden technischen Fortschritts sowie der zunehmenden Erwerbsorientierung von Frauen künftig nicht mehr möglich sein werde, alle Erwerbsarbeitswilligen wie bisher in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren.[30] Verschiedene Lösungsstrategien wurden implementiert, die jedoch entweder nicht erfolgreich oder nicht ausreichend waren.[31] In der Tat steigen die Arbeitslosenraten in den meisten westlichen Industrieländern ständig an; eine Abkehr von dem Leitbild der Vollbeschäftigung mit wirtschaftlichen Wachstumsprognosen ist also unausweichlich. Damit scheint der einzige Ausweg eine Umverteilung des noch vorhandenen Arbeitsvolumens auf alle Erwerbswilligen bei gleichzeitiger allgemeiner Arbeitszeitverkürzung zu sein, wie dies bereits 1994 die Volkswagen AG mit dem Primärziel des Stellenerhalts praktiziert hat. [32]

In diesem Kontext könnte eine noch weiter gehende Idee angeführt werden, die nicht nur auf die Umverteilung der bezahlten Erwerbsarbeit zielt, sondern im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit auf eine Neuverteilung aller Arbeiten. Ziel dieses Ansatzes ist es, alle Arten von gesellschaftlich notwendiger Arbeit - bezahlte wie unbezahlte - zwischen Männern und Frauen gleich aufzuteilen. Allerdings ist diese Vision mit Herausforderungen auf vielen Gebieten verbunden: Neue innovative Arbeitszeitmodelle und die weitere Flexibilisierung von Arbeit wären ebenso nötig wie eine Abkehr von der Leitvorstellung, dass Frauen kompetenter für Betreuungs-, Pflege- und Hausarbeit sind als Männer. Und last but not least wäre ein Wandel in der Bewertung von verschiedenen Arbeitsarten erforderlich.

Es gibt keine sachlichen Gründe, Haus- und Sorgearbeit geringer zu bewerten als Erwerbsarbeit, zumal Reproduktionsarbeit eine Voraussetzung für Erwerbstätigkeit ist. Diese Geringschätzung hätte ein Ende, wenn Männer an allen Arbeitsarten beteiligt wären, denn wissenschaftlich lässt sich nachweisen, dass der gesellschaftliche Status einer Arbeit ansteigt, sobald diese auch von Männern ausgeübt wird.[33] Darüber hinaus gibt es keine Gründe dafür, Teilzeitarbeit als minderwertige Arbeit zu betrachten. Auch verantwortliche Positionen können angesichts der modernen elektronischen Kommunikationsmedien mit Teilzeitbeschäftigten besetzt werden, wie eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend belegt.[34] Und schließlich: Die am Arbeitsplatz verbrachten Stunden sind bei der heute üblichen, vielfach ergebnisorientierten Projektarbeit nicht notwendigerweise ein Gradmesser für die Produktivität.

Das Verhältnis von bezahlter Erwerbsarbeit und anderen Formen von gesellschaftlich notwendiger Arbeit wie z.B. Haus- und Sorgearbeit oder nicht monetären und nicht marktvermittelten Arten von Arbeit wie das klassische Ehrenamt oder bürgerschaftliches Engagement und deren Gestaltbarkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Thematik, der bislang in der Genderperspektive kaum Bedeutung beigemessen wurde.[35] Anthony Giddens, britischer Soziologe und Berater von Premierminister Tony Blair, prognostiziert angesichts der derzeitigen Problemlage auf dem Arbeitsmarkt, dass sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das männliche Arbeitsmuster ausdehnen wird, sondern das weibliche. Dieses weibliche Arbeitsmodell, das von hoher Flexibilität gekennzeichnet sei, beinhalte nicht nur bezahlte Erwerbsarbeit, sondern auch Familien- und Sorgearbeit sowie soziale Betreuungsarbeit, die letztlich allen Gesellschaftsmitgliedern zugute komme.

Sollten Giddens' Prognosen eintreten, wären Männer nicht länger von wichtigen Lebenssphären ausgeschlossen, und alle Arten von Arbeit würden die gleiche gesellschaftliche Wertschätzung erfahren. Nach Giddens wurden Frauen bislang viel zu sehr auf die emotionale Rolle festgelegt, sozusagen als "Expertinnen der Liebe"; dagegen hätten Männer die Verbindung zu den emotionalen Ursprüngen der Gesellschaft verloren, da die bezahlte Erwerbsarbeit "als Götze verehrt" werde.[36] Die Aufnahme der Verbindung zu den emotionalen Ursprüngen der Gesellschaft könnte sich nicht nur im familialen Umfeld und in nachbarschaftlichen Netzwerkzusammenhängen, sondern auch im Erwerbsarbeitsleben auszahlen. Denn "soft skills" wie Empathie, soziale Kompetenz und ein einfühlsames, innovatives Konfliktmanagement werden - neben den fachlichen, zertifizierten Qualifikationsnachweisen - im Erwerbsleben zunehmend gefordert.[37] Nancy Fraser brachte die daraus resultierende künftige Anforderung an beide Geschlechter auf den Punkt: "Frauen sollten nicht länger versuchen, so wie Männer zu sein, sondern umgekehrt: Männer sollten endlich damit beginnen, sich in weiblichen Kompetenzen zu qualifizieren."[38]

Berufstätige Frauen in Europa

Wie viele Frauen studieren? Wie lange bleiben Mütter nach der Geburt eines Kindes zu Hause? Wie viele leben als Hausfrauen? Wann gehen Frauen in die Rente? Aus den Antworten auf diese Fragen ergibt sich die Höhe der "Erwerbsquote". Diese Quote beziffert, wie viele Frauen im erwerbsfähigen Alter Arbeit haben oder suchen. In Deutschland sind 58 von je 100 Frauen zwischen 15 und 64 Jahren berufstätig, das sind etwas mehr als der EU-Durchschnitt von 55. In Norwegen, Dänemark und Schweden arbeiten fast drei Viertel der Frauen. Dabei bekommen die Frauen dort - rein statistisch - mehr Kinder als in Deutschland. In Spanien Griechenland und Italien dagegen bleiben Frauen öfter zu Hause als in Deutschland (obwohl sie weniger Kinder bekommen).


Fußnoten

27.
Vgl. Martti Siisiänen/Petri Kinnunnen/Elina Hietanen (Hrsg.), The Third Sector in Finland, Helsinki 2000.
28.
Vgl. André Gorz, Kritik der ökonomischen Vernunft, Hamburg 1998.
29.
Vgl. Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland, Bonn 1997; Zukunftskommission der Friedrich-Ebert-Stiftung, Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt, ökologische Nachhaltigkeit. Drei Ziele - ein Weg, Bonn 1998.
30.
Vgl. Ulrich Beck (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000; A. Gorz (Anm. 28); Robert Reich, Die neue Weltwirtschaft, Berlin 1993; Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt/M. 1997.
31.
Vgl. Brigitte Rudolph, Mögliche Chancen und befürchtete Fallen der "Neuen Tätigkeitsgesellschaft" für Frauen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 21/2001, S. 24 - 30.
32.
Die Arbeitsplatzgarantie stand hierbei als sozial besonders wertvolles Gut im Vordergrund. Der dadurch entstehende zusätzliche Zeitgewinn wurde nicht thematisiert. Dieser hätte theoretisch dazu führen können, Erwerbs- und Familienarbeit unter den Geschlechtern gleichberechtigter zu verteilen. Es zeigte sich allerdings, dass dies nicht der Fall war. Vielmehr hatten die zusätzlichen Zeitressourcen keinerlei Auswirkungen auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung innerhalb der Familie und auf das traditionelle Rollenverhalten von Männern und Frauen in Privathaushalten. Vgl. Markus Promberger/Jörg Rosdücher/Hartmut Seifert/Rainer Trinczek, Weniger Geld, kürzere Arbeitszeit, sichere Jobs?, Berlin 1997.
33.
Vgl. Elisabeth Beck-Gernsheim, Der geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt. Zur Ideologie und Realität von Frauenberufen, Frankfurt/M.-New York 1981.
34.
Vgl. Eva Bujok/Harald Bielenski, Teilzeit für Fach- und Führungskräfte, Schriftenreihe des BMFSFJ 176, Stuttgart 1999.
35.
Gleichwohl wurde dies in feministisch orientierten Forschungskreisen verschiedentlich thematisiert. Vgl. Nancy Fraser, Die halbierte Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 2001; Gisela Notz, Die neuen Freiwilligen, Neu-Ulm 1998.
36.
Anthony Giddens, Jenseits von Rechts und Links, Frankfurt/M. 1997, S. 237ff.
37.
Vgl. Brigitte Rudolph, Neue Kooperationsbeziehungen zwischen dem Dritten und dem Ersten Sektor - Wege zu nachhaltigen zivilgesellschaftlichen Partnerschaften?, in: INIFES/MISS/TechNet (Hrsg.), Der Dritte Sektor. Partner für Wirtschaft und Arbeitsmarkt?, Opladen 2003.
38.
Vgl. N. Fraser (Anm. 35). S. 100.