Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Christina Lotter

Editorial

Die Versuchung, Inseln nur auf einige wenige stereotype Vorstellungen zu reduzieren, ist groß. "Die Insel" wird dann zum Paradies, zum unberührten Hort seltener Arten oder zum Objekt kolonialer Ausbeutung. Selbst in der medialen und wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Klimawandel werden Inseln zuweilen als hilflose Opfer angesichts eines stetig steigenden Meeresspiegels porträtiert.

Doch Inseln sind mehr als einsame Flecken Land, die entdeckt, erobert, besetzt oder gerettet werden: Gerade aufgrund ihrer Abgelegenheit, dem Ausgesetztsein und der Knappheit vieler ihrer Ressourcen sind die Anpassungsleistungen insularer Gesellschaften oft von besonderer Resilienz und Innovationskraft – sie können damit nicht nur eine globale Vorbildfunktion einnehmen, sondern sich auch dem Bild widersetzen, dass die kontinentale Mehrheitsgesellschaft sich von ihnen macht, und Handlungshoheit zurückerobern. Die Insel als Ort des Ausprobierens mit Vorbildcharakter: Diese Facette ist wohl ein Grund dafür, dass der Begriff der Insel auch eine hohe intellektuelle Anziehungskraft ausübt. So wurde die Insel zum Schauplatz neuer – utopischer wie dystopischer – Gesellschaftsentwürfe und zu einer wichtigen Denkfigur in Literatur und Philosophie.

Die acht Texte in dieser Ausgabe wurden aus einer Fülle von Einsendungen ausgewählt, die die Redaktion im Rahmen eines Call for Papers zum Thema "Inseln" erreichte. Sie alle zeigen, dass Inseln mitnichten auf stereotype Vorstellungen zu reduzieren sind und schon immer eher Knotenpunkte als isolierte Monolithe waren. Der englische Schriftsteller John Donne hat bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts erkannt, wie sehr Inseln damit dem Menschen ähneln:
"No man is an island, entire of itself, every man is a piece of the continent, a part of the main."

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Autor: Christina Lotter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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