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Digitalisierung des Alltags

Was ist Pervasive Computing?


6.10.2003
Die langfristigen Folgen der tief greifenden Integration von Informationstechnologie in unseren Alltag sind bisher kaum abzusehen. Das "smarte" Verhalten von Alltagsgegenständen wird große wirtschaftliche, soziale und politische Konsequenzen haben.

Einleitung



Am 4. April 2003 sah sich der Modehersteller Benetton genötigt, mit einer Pressemitteilung eine schnell eskalierende Situation zu entschärfen: So seien bisher noch keine elektronischen "smart labels" in Benetton-Artikel integriert, ebenso wenig habe das Unternehmen schon endgültig über einen zukünftigen Einsatz dieser Technologie entschieden.*




Was war geschehen? Kurz nachdem der Bekleidungsriese Mitte März angekündigt hatte, die Artikel seiner Sisley-Marke in praktisch unsichtbarer Weise mit elektronischen Etiketten auszustatten, brach ein unerwarteter medialer Sturm der Entrüstung über ihm los. Eine gegen Supermarktkundenkarten agierende Bürgerrechtsgruppe[1] rief umgehend zum Boykott sämtlicher Benetton-Produkte auf, da die in den Stoffen eingewobenen "smart labels" nicht nur das Speichern von Information (wie Produktcode, Kaufpreis oder Verkaufsdatum) erlauben, sondern diese mittels geeigneter Lesegeräte auch auf Distanzen von mehreren Metern ohne Wissen der Käuferinnen und Käufer unbemerkt ausgelesen werden können und so in den Augen ihrer Gegner eine umfassende, für den Konsumenten unsichtbare Überwachung erlauben.




Benetton ist nicht die einzige Firma, die in den letzten Monaten durch den Einsatz derartiger Technologien im Einzelhandel auf sich aufmerksam machte. Jüngst berichtete "Der Spiegel"[2] von "schlauen" Regalen der britischen Supermarktkette Tesco, die das Personal alarmieren und die Überwachungskamera aktivieren, wenn ihnen zur gleichen Zeit mehr als drei Päckchen besonders diebstahlgefährdeter Rasierklingen entnommen werden. Ein positives Presseecho fand der neue "Flagship Store" von Prada in New York. Dort erlauben die an den Artikeln angebrachten "smart labels" den Displays in den eleganten Anproberäumen das automatische Abspielen individueller Videoclips mit Modellen, welche die entsprechenden Kleider vorführen, sowie - als Kaufanregung - die Darstellung dazu passender Accessoires.

Ähnlich, wenn auch etwas profaner, geht es im Ende April 2003 eröffneten "Supermarkt der Zukunft"[3] im niederrheinischen Rheinberg zu: Ein im Einkaufswagen integrierter Bordcomputer begrüßt die Kunden mit Namen und persönlichem Einkaufszettel, während ein Navigationssystem beim Suchen in den Regalreihen behilflich ist. Da die Kunden noch jeweils den Strichcode eines Produktes beim Einlegen in den Einkaufswagen einscannen müssen, um dann an der Kasse sofort die Gesamtsumme der Einkäufe präsentiert zu bekommen, planen die Betreiber bereits den großflächigen Einsatz eben jener "smart labels", um mit einer Vielzahl von Erfassungsgeräten an Kassen, Einkaufswagen und Regalen nicht nur das Bezahlen vollends zu automatisieren, sondern im selben Schritt auch die Regal- und Lagerhaltung zu optimieren und rationalisieren.

Supermarktregale, die bei Bedarf Nachschub aus dem Lager ordern, oder "intelligente Kleider", die mit Umkleidekabinen kommunizieren, sind Vorboten einer Zukunft, in der kleinste Computerprozessoren und mikroelektronische Sensoren in nahezu beliebigen Alltagsgegenstände integriert sind und diesen ein "smartes" Verhalten ermöglichen. Auch wenn es sich bei den aufgeführten Beispielen lediglich um Machbarkeitsstudien und erste Prototypen handelt, so sind sie doch ein Zeichen für die Absicht der Industrie, die Vision vom "Pervasive Computing"[4] in naher Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen, in der smarte Dinge ihre Umgebung erfassen und mit anderen smarten Dingen Informationen austauschen, um dadurch Nutzer bei der Bewältigung ihrer Aufgaben auf eine neue, intuitive Art zu unterstützen.

Nicht nur Kritiker solcher Zukunftstechnologien merken an, dass die Auswirkungen einer derart tief in unser Alltagsleben eingreifenden Entwicklung bisher noch kaum abzusehen sind: Wenn gewöhnliche Gegenstände "wissen", wo sie sich gerade befinden, welche anderen Dinge oder Personen in der Nähe sind, was in der Vergangenheit mit ihnen geschah und sie das anderen Gegenständen mitteilen können, dann dürfte dies größere wirtschaftliche und soziale Konsequenzen haben und damit letztendlich ein Politikum werden.

*Dieser Beitrag beruht in Teilen auf früheren Veröffentlichungen der Autoren.



Fußnoten

1.
Vgl. http://www.nocards.org
2.
Vgl. Verräterische Etiketten, in: Der Spiegel Nr. 31 vom 28.7. 2003, S. 146.
3.
Vgl. David Strohm, Die Testkunden sind fasziniert, in: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag vom 11.5. 2003, S. 49.
4.
Dt. etwa "alles durchdringende Informationsverarbeitung".