Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Marlene Meyer
Nora Meyer
Franziska Schade
Alexander Weyershäuser
Carola Klöck

Klimawandel auf Hallig Hooge: Wahrnehmungen, Maßnahmen, Kontroversen

Im Zeitalter des Klimawandels erfahren Inseln besondere Aufmerksamkeit. Gleich den Eisbären, denen das Eis buchstäblich unter den Pfoten wegschmilzt, sind Inseln vom Untergang bedroht, so der Tenor der Medien. Gemäß der medialen Berichterstattung sind es vor allem ferne Inseln im Pazifischen und Indischen Ozean, die "sinken" und wortwörtlich vom Meer verschluckt werden, sodass InselbewohnerInnen zu den ersten Klimaflüchtenden werden.[1] Die Wahrheit ist jedoch komplexer. Weder finden sich klare Nachweise, dass Inseln tatsächlich erodieren und unbewohnbar werden, noch lassen sich MigrantInnen eindeutig als Klimaflüchtende klassifizieren.[2]

Doch der Klimawandel betrifft nicht nur ferne Inseln in der Südsee. Direkt vor unserer Haustüre, vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, liegen die Halligen. Halligen sind eine besondere Art von Inseln, die erst im vergangenen Jahrtausend auf altem Marschland entstanden, die aber ebenso wie Inseln in der Südsee und anderswo mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben – und gleichermaßen als dem Untergang geweiht dargestellt werden. So titelt der Spiegel "Tonga in der Nordsee" und das Hamburger Abendblatt erklärt, "[w]ie die Halligen ums Überleben kämpfen."[3] Halligen tauchen sowohl im "Atlas der Umweltmigration" als auch im Buch "Climate Refugees" als bedrohte Orte auf.[4] Wie aber bewerten die HalligbewohnerInnen selbst ihre Situation? Wie erfahren sie die Folgen des Klimawandels, wie gehen sie mit diesen um? Der vorliegende Beitrag stellt die Perspektive der HalligbewohnerInnen in den Vordergrund. Mithilfe qualitativer Interviews haben wir untersucht, inwiefern BewohnerInnen von Hooge – der bevölkerungsreichsten Hallig – Veränderungen in ihrer Umwelt wahrnehmen, wie diesen Veränderungen begegnet wird und begegnet werden sollte, und welche Spannungsfelder sich in diesem Prozess ergeben.[5]

Exponierte Lage

Aufgrund ihrer niedrigen Lage sind Halligen stark dem Klimawandel ausgesetzt. Im Schnitt ragen sie nur wenige Dezimeter aus dem Meer. Allein die Warften – aus Erde aufgeschüttete Hügel, auf denen die Menschen leben – sind mit etwa fünf Meter über Normalnull etwas höher. Entsprechend bleiben bei den regelmäßigen Überflutungen, dem sogenannten Land unter, nur die bebauten Warften trocken. Zu solchen Land unter kommt es auf Hooge ungefähr fünfmal im Jahr; sie gehören zum Ökosystem der Halligen. Bei jedem Land unter werden Sedimente angespült, die die Halligen in die Höhe wachsen lassen. Obwohl häufigere und stärkere Stürme, die der Klimawandel mit sich bringt, vermutlich auch zu häufigerem Land unter führen, kann das Höhenwachstum der Halligen jedoch nicht mit dem Anstieg des Meeresspiegels mithalten.[6] Insgesamt ist es also unumgänglich, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Das kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn die lokale Bevölkerung einbezogen wird und ihre Wünsche und Erwartungen, aber vor allem auch ihre Wissensbestände und Erfahrungen berücksichtigt werden.[7] Konträr dazu werden Umweltveränderungen und mögliche Anpassungsmaßnahmen bislang aber vorwiegend unter technischen und naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht. [8] Entsprechend erweitert unsere Studie die Forschung um eine sozialwissenschaftliche Perspektive.[9] Wir haben mit etwa 20 der gut 100 HalligbewohnerInnen Interviews geführt, ebenso wie mit zwei AnwohnerInnen der benachbarten Hallig Langeneß und zwei Experten aus Husum. In den Interviews haben wir nach Umweltveränderungen und Anpassungsmaßnahmen gefragt und dabei entstehende Spannungsfelder identifiziert.

Fußnoten

1.
Vgl. z.B. Carol Farbotko, Tuvalu and Climate Change: Constructions of Environmental Displacement in the Sydney Morning Herald, in: Geografiska Annaler Series B 4/2005, S. 279–293.
2.
Vgl. z.B. Colette Mortreux/Jon Barnett, Climate Change, Migration and Adaptation in Funafuti, Tuvalu, in: Global Environmental Change 1/2009, S. 105–112.
3.
Michael Fröhlingsdorf, Tonga in der Nordsee, 5.9.2011, http://www.spiegel.de/spiegel/a-784529.html«; Alexander Preker, Klimawandel: Wie die Halligen ums Überleben kämpfen, 27.4.2017, http://www.abendblatt.de/region/schleswig-holstein/article210380523«.
4.
Vgl. Dina Ionesco/Daria Mokhnacheva/François Gemenne, Atlas der Umweltmigration, München 2017, S. 68f.; Collectif Argos, Climate Refugees, Singapur 2010.
5.
Die Interviews entstanden im Rahmen eines studentischen Forschungsprojekts zum Thema "Klimawandel auf den Halligen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer" an der Universität Göttingen.
6.
Vgl. Malte Schindler et al., Measuring Sediment Deposition and Accretion on Anthropogenic Marshland – Part II: The Adaptation Capacity of the North Frisian Halligen to Sea Level Rise, in: Estuarine, Coastal and Shelf Science 151/2014, S. 246–255.
7.
Vgl. z.B. Siri Eriksen et al., When not Every Response to Climate Change is a Good One: Identifying Principles for Sustainable Adaptation, in: Climate and Development 1/2011, S. 7–20.
8.
Vgl. z.B. die Beiträge in Jürgen Jensen, Abschlussbericht ZukunftHallig, Siegen 2014, http://www.kfki.de/files/dokumente/0/107_2_1_e36145.pdf«.
9.
Sozialwissenschaftliche Ansätze finden sich jedoch z.B. in Roger Häußling/Nenja Ziesen, Abschlussbericht ZukunftHallig B (IfS), in: Jensen (Anm. 8), S. 289–440 oder in Martin Döring/Beate Ratter, The Regional Framing of Climate Change: Towards a Place-Based Perspective on Regional Climate Change Perception in North Frisia, in: Journal of Coastal Conservation 1/2018, S. 131–143.
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Autoren: Marlene Meyer, Nora Meyer, Franziska Schade, Alexander Weyershäuser, Carola Klöck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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