Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Felix Schürmann

Rausch und Rebellion im Südatlantik. St. Helena und das Zeitalter der Revolutionen

Und was, wenn João da Nova einen anderen Kurs befohlen hätte? Wenn seine Schiffe nicht auf dieses schroffe Felsungetüm gestoßen wären, das sich so einsam, so unwirklich aus dem Südatlantik erhebt? Was, wenn St. Helena erst zwei oder drei Jahrhunderte später entdeckt worden wäre, wie manche Insel im Pazifik? Was hätte es für die Geschichte globaler Verflechtungen bedeutet, in der dieser Ort als Drehscheibe des Schiffsverkehrs, als ökologisches Laboratorium und als imperialstrategischer Achsenpunkt lange eine bedeutende Rolle spielen sollte?

St. Helena, rund 120 Quadratkilometer klein, ist einer der entlegensten bewohnten Orte der Erde. Bis Afrika sind es knapp 2.000 Kilometer, bis Südamerika mehr als 3.000. Selbst die nächstgelegene Insel, Ascension, liegt mehr als 1.000 Kilometer entfernt. Führt man sich vor Augen, dass der südatlantische Ozean viele Millionen Quadratkilometer umspannt und eine Insel bestenfalls aus 60 Kilometern Entfernung sichtbar ist, so erscheint es als Zufall von grotesker Unwahrscheinlichkeit, dass schon die dritte Expedition, die die portugiesische Krone um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien schickte, auf diesen Ort stieß.

Seit jenen Tagen von 1502 – das genaue Datum ist ungewiss –, bildete sich um die Insel ein Netz zunehmend global dimensionierter Beziehungen und Bedeutungen heraus, in deren Licht sich das Apodiktum des Historikers Jürgen Osterhammel, wonach St. Helena "erst durch den verbannten Napoleon eine historische Existenz" erhielt,[1] stark relativiert. In der nachfolgenden Skizze über die Geschichte der Insel von ihrer Entdeckung bis zum Vorabend der Ankunft des französischen Ex-Kaisers 1815 umreiße ich einige dieser Beziehungen und Bedeutungen, um auszuleuchten, zu welchen Einsichten in großräumige Verflechtungen ein dezentrierender Blick auf eine vermeintlich periphere Insel im globalen Süden verhelfen kann. Im Mittelpunkt steht das Zeitalter der atlantischen Revolutionen – hier verstanden in einem weiten Sinne als Zeitraum von der englischen Glorious Revolution 1688 bis zu den lateinamerikanischen und europäischen Revolutionen des frühen 19. Jahrhunderts –, in dem lokale, britisch-imperiale und atlantisch-weltregionale Entwicklungen auf St. Helena eine intime Verbindung eingehen sollten.

Oase im Ozean

Ähnlich wie mit dem Anbeginn der historischen Existenz eines Ortes verhält es sich mit dem Begriff seiner Entdeckung: Die dafür konstitutiven Annahmen sind abhängig von Paradigmen und Perspektiven. Für die Sichtung von St. Helena durch da Novas Expedition mag der Ausdruck insofern passen, als nach allem, was bekannt ist, tatsächlich nie zuvor Menschen auf der Insel gelebt oder sie per Schiff erreicht hatten.[2] Aus portugiesischer Sicht prädestinierte die Lage der Insel auf der Route zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und den Kapverden sie zum Sammelpunkt für zersprengte Konvois, zur Raststätte für entkräftete Seeleute und zur Proviantstation. Auf dem Hinweg mussten gerade Rahsegler wie die portugiesischen Karacken, die nur wenig Höhe laufen konnten, im stetigen Südostpassat beträchtliche Umwege fahren, wollten sie St. Helena aufsuchen. Im Zeitalter der Segelschiffe sollte die Insel deshalb weit häufiger von Süden her angesteuert werden als von Norden.[3]

Bis ins späte 16. Jahrhundert fanden sich fast ausschließlich portugiesische Schiffe vor St. Helena ein. Von einer Bucht im Nordwesten aus bunkerten sie Frischwasser und Früchte. Wie auch auf anderen Atlantikinseln setzten Seeleute Ziegen, Rinder, Schweine und Hühner aus, die sich frei vermehren und nachfolgenden Schiffsmannschaften als Fleischlieferanten dienen sollten. Anders aber als etwa auf Madeira oder São Tomé errichteten die Portugiesen keine Siedlungen. Gleichwohl blieben bei Zwischenhalten häufig Menschen zurück – desertierte Seeleute, ausgesetzte Kranke, geflohene Sklavinnen und Sklaven –, von denen manche sich einfache Häuser bauten.[4] Jeweils temporär lebten außerdem Männer auf St. Helena, die bei Zwischenhalten zum Anpflanzen von Obstbäumen und Kräutern zurückgelassen wurden und mit dem nächsten Schiff weiterreisten. 1588 traf der englische Freibeuter Thomas Cavendish hier ein, als er mit seiner Desire die Welt umsegelte. Seine Visite erwies sich insofern als folgenreich, als der Bericht darüber die Existenz St. Helenas über das portugiesische Handelsimperium hinaus breiter bekannt machte. Noch größere Verbreitung fand ab 1595 ein in fünf Sprachen erschienenes Buch des holländischen Kaufmanns Jan Huygen van Linschoten, das die – bis dato teils geheim gehaltenen – Routen und Anlaufstationen der portugiesischen Seefahrt enthüllte.[5]

Dadurch animiert, liefen ab den 1590er Jahren auch Handelsfahrer der übrigen expandierenden Mächte Europas St. Helena an. Englische und niederländische Kriegsschiffe ließen die Vulkanfelsen zur Kulisse mancher Seeschlachten werden; unweit der Küste lässt sich das Wrack der 1613 versenkten Witte Leeuw noch heute beim Tauchen beschauen. Den Machtkämpfen der Handelsimperien fiel auch die rudimentäre Siedlung zum Opfer. Ob nach deren Verwüstung im frühen 17. Jahrhundert noch Menschen auf der Insel lebten, ist fraglich. Die portugiesische Ostindienflotte, die unschwer auf Häfen an der West- und Ostküste Afrikas ausweichen konnte, mied St. Helena fortan. Auch Spanier fanden sich in Anbetracht der Gefahr von Hinterhalten kaum hier ein. Während die Pflanzungen nach und nach verkamen, vermehrten sich die angesiedelten Tiere in großer Zahl – auch Hunde, Katzen und Ratten waren mit Seeleuten zwischenzeitlich nach St. Helena gelangt. Gravierende ökologische Veränderungen verursachten vor allem die Ziegen, indem sie die Bodenvegetation von Wäldern abfraßen und so deren zyklische Verjüngung verhinderten. Obschon also die Insel in den 150 Jahren nach ihrer Entdeckung vom Handelsimperialismus zwischenzeitlich vergessen wurde, hinterließ der ökologische Imperialismus hier bereits tiefe Spuren.[6]

Fußnoten

1.
Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt, München 2009, S. 213.
2.
Vgl. Harold Livermore, Santa Helena, A Forgotten Portuguese Discovery, in: Jorge Martins Ribeiro/Francisco Ribeiro da Silva/Helena Osswald (Hrsg.), Estudos em homenagem a Luís António de Oliveira Ramos, Porto 2004, S. 623–631.
3.
Vgl. Trevor W. Hearl, St Helena Britannica, London 2013, S. 63–75.
4.
Vgl. Philip Gosse, St. Helena, 1502–1938, London 1938, S. 4–11; Richard Grove, Green Imperialism, Cambridge 1995, S. 96.
5.
Vgl. Hearl (Anm. 3), S. 16f.
6.
Vgl. Gosse (Anm. 4), S. 22–36.
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Autor: Felix Schürmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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