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Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Felix Schürmann

Rausch und Rebellion im Südatlantik. St. Helena und das Zeitalter der Revolutionen

Krone, Kompanie, Gouverneur

Blickt man vom Meer auf die Steilhänge, die St. Helena nach allen Seiten einfassen, wundert man sich über das lange Zögern der wachsenden Handelsimperien Europas, diese Insel als Seefestung an sich zu reißen. Der früheste Besitzanspruch, erhoben erst 1633 von der niederländischen Republik der Sieben Vereinigten Provinzen (ein Vorläufer des heutigen niederländischen Staates), blieb mangels Durchsetzung ohne Folgen. Erst 1659 endete die Herrenlosigkeit von St. Helena, als eine Flotte der "English East India Company" die Insel zu englischem Besitz erklärte. Unterbrochen nur von einer kurzzeitigen Besetzung durch die Niederländer Anfang der 1670er Jahre ist sie das bis heute.[7]

Im Herrschaftsbereich der Kompanie, die ein Monopol für den Handel zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und der Magellanstraße sowie hoheitliche und militärische Befugnisse über ihre überseeischen Gebiete besaß, war St. Helena der nächstgelegene Kolonialbesitz zu ihrem wichtigen Handelsposten Bombay. Auf dem langen Seeweg von dort nach England kam der Insel zuvorderst die Funktion zu, die erschöpften Mannschaften der Ostindienflotte mit Proviant zu versorgen.

In einem Tal der Nordwestküste, das schon die Portugiesen genutzt hatten, errichteten die Engländer rasch Gebäude – zuvorderst ein Fort in Ufernähe, das auch als administratives Zentrum diente. An seinem Fuße entstand eine Siedlung mit Unterkünften und Warenlagern, die die Kompanie zu Ehren des Duke of York, dem späteren König James II., "Jamestown" nannte. Als Bedienstete für ihr Personal und die nur mühsam aus England gewonnenen Siedler und Siedlerinnen – im Jahr 1665 zusammen 30 Männer und 23 Frauen – verschleppte die Kompanie Sklaven und Sklavinnen hierher, zunächst wohl von der Ostküste Afrikas oder von Madagaskar.[8] Zum Aufbau einer Landwirtschaft setzte sie vor allem auf Soldaten, denen sie nach dem Ausscheiden aus dem Militär ein bäuerliches Leben im Innern von St. Helena antrug. Auch sollte die gezielte Anwerbung lediger Frauen St. Helena für auswanderungswillige Engländer attraktiv machen. In den 1680er Jahren hatte sich die Bevölkerung auf schätzungsweise 500 Siedler und Siedlerinnen und 200 Sklaven und Sklavinnen vergrößert. Weil aber die landwirtschaftlichen Erträge weit hinter den Erwartungen zurückblieben – nicht zuletzt aufgrund der inzwischen immensen Rattenpopulation –, mussten eintreffende Schiffe die Insel ihrerseits mit Lebensmitteln versorgen. In den ersten Dekaden seiner Existenz erwies sich der zur Kolonie gewordene Versorgungsposten als maximal dysfunktional.[9]

Weil die Kompanie das englische Rechtssystem für einen insularen Mikrokosmos als ungeeignet erachtete, erließ sie 1681 eigene, an der Verwaltung von Bombay orientierte "Lawes and Constitutions". Viele Bestimmungen zielten auf die Erzwingung einer protestantischen Verhaltensmoral ab; unter Strafe standen beispielsweise Unreinlichkeit, Fluchen, Zügellosigkeit, Unzucht sowie als frevelhaft beurteilte Spiele wie Kegeln. Aufgrund der großen Distanz waren die Interventionsmöglichkeiten seitens der Kompanieführung jedoch eingeschränkt, und so genoss der jeweilige Gouverneur, den die Direktion zur politischen Steuerung entsandte, zumindest nominell einen hohen Gestaltungsspielraum – zumal er auch dem Gericht der Insel vorsaß.[10]

Da sich aber die Siedlerbevölkerung mehrheitlich stärker mit der Krone als mit der Kompanie identifizierte und Zweifel an der Rechtmäßigkeit der "Lawes and Constitutions" durchaus angebracht waren, galt es auf St. Helena zumindest unter Weißen weithin als lässlich, sich nicht an die Ordnung zu halten. Eine hedonistische Kultur bildete sich vor allem in Jamestown heraus. Tanz und Theater, Prostitution und Prügeleien, Musik und exzessives Trinken trugen dem Hafen unter Seeleuten bald den Ruf eines Freudenhauses im Südatlantik ein. Der Gerichtshof brachte einen erheblichen Teil seiner Sitzungen mit der Verhandlung von Ehebruch, Polygamie, Sodomie und weiteren Sexualdelikten zu. Obwohl Frauen für außereheliche Sexualität teils schwer bestraft wurden und ihnen selbst für "Faulheit" oder "Tratscherei" Auspeitschung und Wasserfolter drohten, verdingten sich nicht wenige als Prostituierte und befriedigten so die anhaltend hohe Nachfrage nach käuflichem Sex durch Seeleute und Soldaten.[11]

Fußnoten

7.
Vgl. Stephen A. Royle, The Company’s Island, London 2007, S. 15–19.
8.
Vgl. Gosse (Anm. 4), S. 49f.; Royle (Anm. 7), S. 176.
9.
Vgl. ebd., S. 23–29, S. 73–83, S. 176.
10.
Vgl. ebd., S. 35–43, S. 56–65.
11.
Vgl. Kathleen Wilson, Rethinking the Colonial State: Family, Gender, and Governmentality in Eighteenth-Century British Frontiers, in: The American Historical Review 5/2011, S. 1294–1322, hier S. 1307–1312.
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