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Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Felix Schürmann

Rausch und Rebellion im Südatlantik. St. Helena und das Zeitalter der Revolutionen

Konflikt und Disziplinierung

Nicht zuletzt aufgrund dieser als Moralverfall gedeuteten Zustände erwog die Kompanie im frühen 18. Jahrhundert, St. Helena aufzugeben und die Bevölkerung nach Mauritius umzusiedeln. Indes trug sie durchaus selbst zu den von ihr beklagten Problemen bei, indem sie den Einfuhrhandel mit alkoholischen Getränken als potenzielle Einnahmequelle förderte.[12]

Den größeren Anteil an der Entstehung einer alkoholexzessiven Kultur trugen jedoch Siedler und Soldaten. Im Zuge verschiedentlicher, durchweg gescheiterter Versuche, St. Helena durch den Anbau von Cash Crops in ein südatlantisches Barbados zu verwandeln, hatten sie sich Techniken der Destillation von Zuckerrohrmelasse und Kartoffeln angeeignet. Noch vor Weinbränden und Bier avancierte der daraus vor Ort gebrannte Arrak zur am weitesten verbreiteten Spirituose. Arrak destillierte man in so großen Mengen, dass die Obrigkeiten das dabei verfeuerte Holz bereits in den 1690er Jahren als maßgeblichen Faktor für die fortschreitende Entwaldung der vormals dicht mit endemischen Bäumen bewachsenen Insel identifizierten.[13]

Jene Entwaldung hatte die Kompanie, die nach der Vereinigung von England und Schottland 1707 "British East India Company" hieß, mit ihren agrarwirtschaftlichen Experimenten anfangs selbst vorangetrieben. Neben Engpässen bei der Versorgung mit Feuerholz und Baumfrüchten führte das zu einer verhängnisvollen Bodenerosion. Ohne Baumschutz fielen die Feldpflanzen Wind und Sonnenstrahlung zum Opfer. Abgetragene Erde verschmutzte das Wasser der Flüsse, bei starkem Regen stürzten verheerende Fluten von den baumlosen Hängen. Um Hungersnöte abzuwenden und die Verfügbarkeit von Holz für Schiffsreparaturen sicherzustellen, ergriff die Kompanie bereits ab den 1670er Jahren Maßnahmen zum Schutz der verbliebenen Wälder – und beschwor damit Konflikte mit der Siedlerbevölkerung herauf, die ihr Vieh in Ermangelung von Alternativen dort weiden ließ.[14]

Die wechselseitige Kumulation von ökologischen und sozialen Problemen setzte sich bis zu einer 1794 eingeleiteten Wiederaufforstung fort. In diesen mehr als einhundert Jahren beschäftigten Fragen des Schutzes von Holz- und Wasserressourcen die Regierung so beharrlich wie sonst nur die Aufrechterhaltung der moralischen Ordnung. Die aus der Einsicht in den Nachhaltigkeitszwang einer insularen Agrarökonomie unternommenen Schritte – darunter das Einhegen von Waldgebieten und das systematische Abschießen von Ziegen – zählen zu den frühesten Naturschutzmaßnahmen der Geschichte. Als Blaupausen für Naturpolitiken und Umweltbewusstsein in anderen Weltregionen sind sie von hoher globalhistorischer Relevanz.[15]

Ihre Herrschaft legitimierte die Kompanie aus dem Freibrief der Krone. Die anhaltenden Schwierigkeiten in der Steuerung kolonisierter Territorien resultierten nicht zuletzt aus den dadurch geöffneten Spannungsfeldern: Über Loyalitäts- und Subordinationsprobleme aufseiten der Siedlergesellschaft hinaus standen mitunter wirtschaftliche Interessen der Kompanie in Konflikt mit ihrer Funktion als verlängerter Arm britischer Politik und Kriegführung in Übersee.[16]

Neben der Überlagerung normativer Imperative verlieh insbesondere die Präsenz afrikanischer Sklaven und Sklavinnen St. Helena den Charakter eines kolonialen Grenzraums. In Absenz einer indigenen Bevölkerung bildeten allein sie das ethnisch Andere der Siedlerbevölkerung. Die Grausamkeit, mit der die Obrigkeiten Sklaven und Sklavinnen zu disziplinieren suchten, erschütterte selbst weit herumgekommene Beobachter. Bereits der Versuch, Hand an einen Weißen anzulegen, wurde mit Kastration geahndet. Auf Frechheit stand Auspeitschung, auf Widersetzlichkeit Brandmarkung, auf Einbruch Hinrichtung. Weil es Sklaven und Sklavinnen zumindest bis 1786 ausnahmslos verboten war, vor Gericht gegen Weiße auszusagen, waren sie Misshandlungen, Vergewaltigungen oder auch falschen Beschuldigungen schutzlos ausgeliefert.[17]

Fußnoten

12.
Vgl. ebd., S. 1312; Royle (Anm. 7), S. 63.
13.
Vgl. ebd., S. 63; Grove (Anm. 4), S. 109.
14.
Vgl. ebd., S. 96–109.
15.
Vgl. ebd., S. 110–125.
16.
Vgl. Royle (Anm. 7), S. 103f.
17.
Vgl. ebd., S. 93–97; Wilson (Anm. 11), S. 1311.
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Autor: Felix Schürmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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