Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Arndt Kremer

Eine Welt für sich. Die Insel als literarischer und sprachlicher Grenz- und Denkraum

Fühlen Sie sich zurzeit überarbeitet, abgespannt, erschöpft? Sehnen Sie sich nach einem Urlaub ohne Stress und Termine, fern vom Alltag, am besten am sonnenverwöhnten Palmenstrand? Dann sind Sie vielleicht "reif für die Insel". Im Musikvideo zum gleichnamigen Song spielt der österreichische Popsänger Peter Cornelius 1981 einen frustrierten Büroangestellten, der davon träumt, seiner monotonen Existenz und beruflichen Routine durch den Flug auf eine Insel zu entfliehen, die als ein exotisch-friedliches Paradies aus Palmen und Stränden im Sonnenuntergang dargestellt wird.[1] Der Erfolg des Lieds machte die Phrase im deutschsprachigen Raum berühmt: Die Redewendung drückt eine Situation aus, in der jemand dringend eine Auszeit vom Alltagsstress benötigt. Die Werbe- und Tourismusindustrie hat sich dieses Stereotyps von der sorgenfreien Sonneninsel als Ort der angenehmen Abgeschiedenheit und Entspannung gekonnt bemächtigt – vom "Summer Dreaming" einer bekannten Rum-Marke[2] bis hin zu beständig wiederholten Bildern vom Traumurlaub auf den Malediven – und so dazu beigetragen, unser Alltagsverständnis des Begriffs "Insel" zu prägen.

In diesem Beitrag zeichne ich nach, wie das Alltagsverständnis des Inselbegriffs literarisch bearbeitet wird und die so entstehenden Denkfiguren wiederum das Alltagsverständnis prägen. Im zweiten Schritt untersuche ich die Raumkonzepte, an die diverse Inselbegriffe gebunden sind, bevor ich am Beispiel sogenannter Sprachinseln aufzeige, wie schwierig die Abgrenzung zwischen vorgestellten und realen Inselräumen mitunter sein kann.[3]

Inseln in der Literatur

Im Begriff der Insel schwingt eine Vielzahl von Konnotationen mit, die mit verschiedenen Bildern oder Topoi in der klassischen Kultur und der Populärkultur verbunden sind. Viele davon, wie etwa das Bild der Insel als Paradies, als Zufluchtsort oder das Bild der einsamen Insel, sind literarischen Ursprungs.[4] Wegweisend für die Entwicklung dieser Inselbilder sind Platons Beschreibung der Insel Atlantis in seinen Dialogen "Timaios" und "Kritias" aus dem 4. Jahrhundert vor Christus sowie Thomas Morus’ "Utopia" von 1516: Sie sind Projektionen für ideale Gesellschaften in fiktionalen Settings oder Utopien, also "Nicht-Räume" im ursprünglichen Sinne des Wortes. Auch Homer hatte eine Faszination für Inseln: In seinen epischen Liedern wimmelt es nur so von insulären Sirenen, Zyklopen und Hydras. Sein König Odysseus versucht auf der kargen Insel Ithaka vergeblich, sich der Teilnahme am großen Krieg gegen Troja zu verweigern, indem er den Verrückten spielt[5] – nur um nach dem Fall Trojas an die Inselufer der obskuren Göttin der Magie, Kirke, geworfen zu werden.[6] Neben William Shakespeares Drama "The Tempest" (1610/11), das auf einer abgelegenen Insel spielt, trug vor allem auch Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe" (1719) um einen mittelständischen Kaufmannssohn und Zivilisationsflüchtling, der es schafft, auf einer einsamen Insel mit einfachsten Mitteln zu überleben, wesentlich zur Entwicklung mentaler Inselbilder bei.

Es gibt jedoch auch verschiedene fiktionale Werke, die die dunkle Seite der Insularität enthüllen und die Insel als Ort des Grauens, der Apokalypse, Dystopie und Ausbeutung porträtieren: Wichtig in diesem Zusammenhang ist beispielsweise Franz Kafkas parabolische Kurzgeschichte "In der Strafkolonie" (1919), in der die Insel den Ort für das grausame Schauspiel einer altmodischen Diktatur der Schuld bildet. Zentral für die negative Inselmetapher in der Literatur sind auch H.G. Wells’ apokalyptische Szenarien auf Inseln voller animalischer Mutanten wie in seinem Science-Fiction-Roman "The Island of Dr. Moreau" (1896). Geradezu paradigmatisch für die Insel als Allegorie für die brutalen Energien menschlicher Gruppen gegenüber Außenseitern ist William Goldings "Lord of the Flies" (1954). Selbst in der Kinderliteratur wird ein Gefühl für die abenteuerliche Insel als Ort tödlicher menschlicher Macht- und Besitzkämpfe verarbeitet, beispielsweise in Robert Louis Stevensons Roman "Treasure Island" (1883). Und nicht zuletzt wird das Thema der Insel in modernen Werken wie Christian Krachts umstrittenen Roman "Imperium" (2012) wiederbelebt, der die Problematik des deutschen Kolonialismus facettenreich beleuchtet. All dies sind nur ausgewählte Beispiele für literarische Verarbeitungen von Inselmetaphern – die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen.

Die Vorstellungen von Inseln werden in die Literatur eingeschrieben, durch die Volkskultur umgestaltet und aufgeführt und in der (touristischen) Werbung und Unterhaltung zelebriert. Der Begriff "Insel" vermittelt also viel mehr als die bloße geografische Tatsache eines von Wasser umgebenen und begrenzten Landes. Er sagt auch mehr aus als das politisch-territoriale Faktum, dass ein Viertel der von den Vereinten Nationen anerkannten Staaten (47 von 193) Inselstaaten sind. Inseln sind in einem viel weiteren Sinne Welten für sich, wenn auch meistens kleine. "Insularität" dient als Begriff, um all diese Konnotationen, Wahrnehmungen, Repräsentationen und Konstruktionen zu konzeptualisieren; "Insularisierung" bezieht sich auf den Prozess der Verinselung selbst. Das Studium von Inseln bietet nicht nur eine hervorragende Forschungspraxis auf mikrokosmischer Ebene, um kulturelle, soziale und ökonomische Einflüsse und Phänomene aufzudecken, die in größeren, nicht-isolierten Räumen nicht oder nicht länger zu finden sind; Inseln können auch die Wechselfälle und Misserfolge menschlicher Gesellschaften und Politik im Allgemeinen aufzeigen.[7] Seit einigen Jahren finden sie wieder vermehrt Aufmerksamkeit im mittlerweile etablierten Forschungsfeld der Nissologie beziehungsweise Island Studies, das interdisziplinär ist und sein muss, da es Fragen und Methoden der Soziologie, Biogeografie, Anthropologie, Politik-, Umwelt-, Kultur- und Sprachwissenschaft untersucht."[8]

Fußnoten

1.
Peter Cornelius, Reif für die Insel, 1981, http://www.youtube.com/watch?v=N0HvFv8rR7I&frags=pl%2Cwn«.
2.
Das Lied wurde für die Werbung komponiert und erst nach dem großen Erfolg des Werbespots von Kate Yanai als Single veröffentlicht. Für den Werbespot siehe Bacardi Rum Werbung 1988, http://www.youtube.com/watch?v=nTAYmMKSIaw&frags=pl%2Cwn«.
3.
Dieser Beitrag basiert auf Arndt Kremer, Ready for the Island? Cultural and Linguistic Aspects of Islands and Insularities, in: Ralf Heimrath/Arndt Kremer (Hrsg.), Insularity. Small Worlds in Linguistic and Cultural Aspects, Würzburg 2015, S. 13–21; ders., The Island Within: Theoretical Approaches to Language Islands and the Case of German-Jewish Exiles in Palestine, in: ebd., S. 105–122.
4.
Vgl. Katrin Dautel/Kathrin Schödel (Hrsg.), Insularity. Representations and Constructions of Small Worlds, Würzburg 2016.
5.
Homer deutet Odysseus’ Unwillen an der Kriegsteilnahme nur an (Homer, Odyssee 24, 115); ausgeschmückt wird dies erst später, z.B. bei Hyginus Mythographus, Fabulae 95.
6.
Vgl. Homer, Odyssee 10, 569–581.
7.
Vgl. dazu z. B. die Beiträge von Felix Schürmann und Jan-Martin Zollitsch in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. z.B. das Island Studies Journal (ISJ) der International Small Island Association mit Sitz in Malta, http://www.isisa.org«.
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Autor: Arndt Kremer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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