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"Elektrosmog" durch Mobilfunk?

Akzeptanz und Risiko im Licht der öffentlichen Debatte


6.10.2003
Mit dem Aufbau der Mobilfunknetze hat eine Debatte über die gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Emissionen begonnen. Die Zukunft des Mobilfunks hängt davon ab, wie die öffentliche Debatte über Nutzen und Risiken geführt wird.

Die Kommunikation der Zukunft wird mobil



Fast alle Erwachsenen und die meisten Jugendlichen in Deutschland sind heute im Besitz eines Mobilfunktelefons, des "Handys". Im Vergleich zur leitungsgebundenen Telefonie brauchte das Handy nur wenige Jahre, um zur Standardausstattung deutscher Haushalte zu avancieren. Mit dem Jahrtausendwechsel hat die Zahl der Mobilfunkteilnehmer erstmals die Zahl der Festnetzanschlüsse überholt; im laufenden Jahr 2003 sind über 60 Millionen Handys im Gebrauch. Dabei zeigt die Tendenz bei der Verbreitung mobiler Endgeräte trotz der allmählichen Sättigung des Marktes weiter nach oben. Langfristig kann sogar von einer Substitutionskonkurrenz zwischen dem Mobilfunk- und dem Festnetz ausgegangen werden.




Das steigende Bedürfnis, immer und überall kommunizieren zu können, jederzeit erreichbar zu sein oder im Notfall Hilfe herbeiholen zu können, haben das Handy zu einer "selbstverständlichen", von der Forschung aber vergleichsweise wenig beachteten Technologie werden lassen, obwohl sie unsere Kommunikations-, Lebens- und Arbeitsgewohnheiten mindestens ebenso fundamental verändert wie das Automobil oder das Fernsehen.

Dabei stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die dem Mobilfunk wohl schon in wenigen Jahren den Status einer Schlüsseltechnologie verleihen wird. Die Zusammenführung der Telekommunikation, des Rundfunks und des Internets in einer "konvergenten" Endgeräteplattform - vor wenigen Jahren im "Grünbuch" der Europäischen Kommission[1] noch als Phänomen einer ferneren Zukunft charakterisiert - steht unmittelbar vor ihrer technologischen Realisierung: Telefonie, Rundfunknachrichten, Videoclips oder schneller Internetzugang über ein tragbares Endgerät dürften bald eine ebenso große Verbreitung erlangen wie heute der Short Message Service (SMS).[2] Die erforderliche Infrastruktur - das Universal Mobile Telecommunication System (UMTS) - befindet sich in Deutschland im Aufbau. Entsprechend den Lizenzauflagen sollen bis 2005 50 Prozent aller Haushalte UMTS nutzen können. Erste, vergleichsweise einfache Endgeräte und Dienste können bereits zum Jahresende bei den Mobilfunk-Netzbetreibern erworben bzw. nachgefragt werden.

Fachbegriffe wie Mobile Internet, Mobile Media, Mobile Commerce, Mobile Payment, Location Based Services etc. dringen über die Werbung bereits in die Alltagssprache vor und dürften bald zum semantischen Repertoire selbst technischer Laien gehören. Sie alle vermitteln eine Vorstellung davon, dass Information, Kommunikation, Medienkonsum sowie zahlreiche Telekommunikationsdienste sich Stück um Stück von den physikalischen Einschränkungen ihrer leitungs- bzw. kabelvermittelten Übertragung lösen und mit dem Anbieter-Slogan "anywhere", "any time" "everything" offenkundig Ernst machen.[3] Schon in wenigen Jahren werden viele Bürger nicht nur eines, sondern mehrere tragbare Endgeräte besitzen, die immer auch Telefonie und den Zugang zum Internet ermöglichen werden.

Wie die meisten Basisinnovationen besitzt auch der Mobilfunk aber scheinbar einen entscheidenden Nachteil: Zur Übertragung der Daten sind hochfrequente elektromagnetische Wellen erforderlich, die das Informationssignal zwischen Basisstationen und Endgeräten über größere Entfernungen hin- und her transportieren. Obwohl der Gesetzgeber schon im Rahmen einer Bundesimmissionsschutzverordnung[4] Grenzwerte zur Abwehr möglicher Gesundheitsgefährdungen eingeführt hat, sind in der Medienberichterstattung die möglichen akuten oder latenten Gesundheitsgefährdungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder (EMF) seit der Versteigerung der UMTS-Frequenzen zu einem zentralen Thema geworden.

Im Vordergrund stehen dabei zum einen die "thermischen Effekte", die durch die Absorption der Sendeenergie entstehen und zur Erwärmung des exponierten Körpergewebes führen. Wesentlich schwieriger stellt sich die Situation bei den "athermischen Effekten" dar, die besonders heftig diskutiert werden. Das Spektrum reicht von diffusen Befindlichkeitsstörungen (Kopfschmerzen, Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen), Veränderung der Hormonproduktion und des Melatoninspiegels über Einflüsse auf das zelluläre Wachstum bis hin zur Verursachung von Leukämie oder Augentumoren. Besonders strittig ist, ob die teilweise beobachteten Effekte auch unterhalb der geltenden Grenzwerte gesundheitliche Störungen oder Erkrankungen nach sich ziehen.[5]

Angesichts dieser Diskussion sind in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern Protestbewegungen und Bürgerinitiativen entstanden, deren Forderungen vom Abbau einzelner Basisstationen z.B. in Wohngebieten (Kindergärten, Altenheime) bis hin zum völligen Abbau der Mobilfunknetze reichen. Die Zukunft des Mobilfunks hängt davon ab, wie die Bevölkerung den erfahrbaren Nutzen gegen die potenziellen Risiken abwägt. Dabei geht es primär nicht um die Frage nach objektiven oder statistisch zu erwartenden, potenziell möglichen Gesundheitsschäden, wie sie etwa Eingang in die Wahrscheinlichkeitsrechnungen der Versicherungswirtschaft (R = W × S[6]) gefunden haben. Vielmehr werden technische Risiken in sozialen Kontexten nur in dem Maße bedeutsam, wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen, bewertet und kommuniziert werden. Dies geschieht oft unabhängig und losgelöst von der objektiven Brisanz, der Reichweite oder der Faktizität eines Risikos.[7]

Vor diesem Hintergrund darf die Debatte über die Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt (EMVU)[8] keineswegs nur als lästiger Störfall betrachtet werden, der mit unnötiger öffentlicher Unruhe, Zeitverzögerungen oder höheren Kosten verbunden ist. Sie ist vielmehr als "Normalfall" einer unvermeidbaren und sinnvollen Auseinandersetzung über die Gestaltung des gesellschaftlichen Einbettungs- und Nutzungsverhaltens einer neuen, alle Lebensbereiche verändernden modernen Technologie anzusehen.[9]

Angesichts der zunehmenden Intensität der öffentlichen Diskussion rücken Fragen nach der Akzeptabilität des Mobilfunks und des "Elektrosmogs" sowie nach der Zukunft dieser Technologie in den Mittelpunkt. Um zu einer fundierten Einschätzung zu gelangen, ist ein grundlegendes Verständnis erforderlich, wie die potenziellen Risiken, die von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (EMF) ausgehen können, von den Medien und der Bevölkerung wahrgenommen und im Vergleich mit anderen technologisch bedingten Risiken bewertet werden. Vor diesem Hintergrund sind vor allem folgende Fragen wichtig: Wie wird das Thema "Elektrosmog" von den Medien aufgegriffen und behandelt? Welche Einstellungen und Meinungen herrschen hierzu in der Öffentlichkeit? Wie verlaufen entsprechende Debatten im Ausland? Welchen Verlauf wird die Debatte künftig nehmen?[10]



Fußnoten

1.
EU-Kommission, Grünbuch zur Konvergenz der Branchen Telekommunikation, Medien und Informationstechnologie und ihren ordnungspolitischen Auswirkungen, Brüssel 1997.
2.
Vgl. Franz Büllingen/Peter Stamm, Mobiles Internet - Konvergenz von Mobilfunk und Multimedia, WIK-Diskussionsbeitrag Nr. 222, Bad Honnef 2001.
3.
Vgl. Franz Büllingen, "any place, any time, everything"? - Unternehmensstrategien und Anwendungsfelder im Mobile Commerce, in: H. Kubicek u.a. (Hrsg.), Internet @Future, Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft, Heidelberg 2001, S. 176 - 187.
4.
Vgl. Sechsundzwanzigste Verordnung zur Durchführung des Bundesimmissionsschutzgesetzes (Verordnung über elektromagnetische Felder - 26. BImSchV), Bonn 1996.
5.
Vgl. Strahlenschutzkommission, Funkanwendungen - Technische Perspektiven, biologische Wirkungen und Schutzmaßnahmen, Band 38, Bonn 1997.
6.
Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadensumfang.
7.
Vgl. Douglas Powell/William Leiss, Mad cows and mother's milk: Case studies in risk communication, Montreal-Kingston 1997.
8.
Im Gegensatz zum Begriff der "Elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV)", der die Beeinflussung bzw. die Störsicherheit von elektrischen und elektronischen Geräten untereinander umfasst, bezeichnet der Begriff "Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt" (EMVU) deren (potenzielle) Einflüsse auf die natürliche Umwelt und insbesondere auf den Menschen.
9.
Vgl. Thomas Petermann, Technikkontroversen und Risikokommunikation, in: Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), TAB-Brief Nr. 20, Juni 2001, S. 5 - 7.
10.
Die nachfolgenden Ausführungen basieren auf einer Studie, die in den Jahren 2001 und 2002 im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit durchgeführt wurden. In diesem Rahmen wurden eine aufwändige Analyse der Medienberichterstattung, eine Repräsentativbefragung sowie zahlreiche Interviews mit Laien und Experten durchgeführt und ein Trendszenario entwickelt. Außerdem wurden die Verläufe entsprechender Debatten in verschiedenen Ländern analysiert. Vgl. Franz Büllingen/Annette Hillebrand/Martin Wörter, Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt (EMVU) in der öffentlichen Diskussion, Bad Honnef 2002.