Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Saskia Blatakes

Wie tickt Österreich? Eine Spurensuche in fünf Begegnungen - Essay

Österreich ist schön. Österreich ist klein. Österreich ist rechts. Seit Dezember 2017 hat das Land eine konservativ-rechtspopulistische Regierung. Die Grünen sind aus dem Parlament verschwunden. Innenminister Herbert Kickl spricht davon, "Asylbewerber konzentriert an einem Ort halten" zu wollen, und Bundeskanzler Sebastian Kurz träumt von einer neuen "Achse der Willigen" aus Wien, Rom und Berlin in Sachen Flüchtlingspolitik. Seine Grenze nach rechts sei allein das Strafrecht, hat er einmal gesagt. Bei der diesjährigen österreichischen EU-Ratspräsidentschaft versucht er, das Thema Migration als Priorität zu setzen. Was ist da los im Alpenidyll? Österreich driftet nach Rechtsaußen, und der Rest Europas wundert sich. Für viele gilt das Land längst als europäisches Sorgenkind wie sonst nur Polen oder Ungarn.

Aber auch in Österreich gibt es Gegenstimmen, eine Hauptstadt, die der neuen Bundesregierung Paroli bietet, und trotz der derzeitigen Kürzungen immer noch einen Sozialstaat, der das Land zu einer Insel der Seligen in Sachen Absicherung macht. Wie tickt dieses Land, in dem man die politischen Probleme unserer Zeit – den Aufstieg der Rechtspopulisten, die Krise der Demokratie und die Schwäche der großen, alten Parteien – wie in einem Vergrößerungsspiegel beobachten kann? Einem Land nähert man sich am besten über seine Bewohnerinnen und Bewohner: eine Spurensuche in fünf Begegnungen.

Gerti und der Wiener Grant

Es beginnt mit Gerti. Mit ihr wohnte ich bis vor Kurzem Tür an Tür in einem dieser schönen, leicht heruntergekommenen Wiener Altbauten. Sie ist der Ausgangspunkt bei dem Versuch, einem Phänomen auf den Grund zu gehen, das man gerne pathetisch als "Wiener Seele" bezeichnet. Ich lernte Gerti am Tag unseres Einzugs kennen. Es ist in der Regel nicht gerade leise, wenn man versucht, Möbel und Kisten in den ersten Stock zu wuchten. In Wien trägt der erste Stock übrigens den schönen Namen Mezzanin. Der zweite Stock heißt dann meistens dementsprechend erster Stock, was bei Ausländern oft zu Verwirrungen führt. Es geht aber noch besser, denn in manchen Gründerzeithäusern gibt es mit Souterrain, Parterre, Hochparterre und Mezzanin ganze vier Stockwerke unter dem ersten – aber das ist eine andere Geschichte.

Es dauerte nicht lange, bis es an meiner neuen Wohnungstür zum ersten Mal klingelt. Klingeln heißt in Wien anläuten.

Gerti läutete also an. Vor mir stand eine untersetzte, ältere Dame mit hochrotem Kopf. "Heast! Des is a Frechheit!" Es folgte eine Tirade über Lärm und Staub und überhaupt, zu wie vielen wollen wir hier überhaupt hausen?

Ich entschuldigte mich und versprach ihr, dass sich der Lärm spätestens am Abend erledigt haben sollte. Außerdem versicherte ich ihr, dass wir nur zu dritt einziehen und es sich bei dem Rest der Menschen um befreundete Umzugshelfer handelt, die ganz bestimmt nicht vorhatten, bei uns zu hausen. Doch besänftigen konnte ich sie nicht. "Na, servas!" schimpfte sie nur, drehte sich um und schloss geräuschvoll ihre Wohnungstür hinter sich.

Noch zwei Mal sollte sie an diesem Tag bei uns anläuten. Beim dritten Mal stand meine kleine Tochter neben mir, sie war damals gerade ein Jahr alt geworden. Gertis grantige Gesichtszüge entspannten sich plötzlich, ihr rötlicher Teint schien schlagartig um ein paar Nuancen heller geworden zu sein. "Jö! Pupperl!", sagte sie schwärmerisch und lächelte meine Tochter warmherzig an. Der Beginn unserer Bekanntschaft.

Was ich damals noch nicht wusste: Sich zu beklagen und zu schimpfen – hier in Österreich würde man "sudern und granteln" sagen –, gehört in Wien nicht nur zum ganz normalen Umgangston, nein, diese Disziplinen sind für Wienerinnen und Wiener der Königsweg der ersten Kontaktaufnahme.

Wien rangiert in einer Liste der unfreundlichsten Weltstädte auf Platz zwei, gleich hinter Paris. Und trotzdem war Wien vielleicht noch nie so beliebt wie heute. Das deutsche Feuilleton feiert die Stadt seit einiger Zeit regelmäßig in Portraits und Sonderbeilagen, Musik- und Kunstszene machen selbst Berliner neidisch. Doch so attraktiv die Donaumetropole auf Besucher wirkt, so wenig steht die Wiener Mentalität für Gastfreundschaft und ein Lächeln.

Für Touristen findet der erste Kontakt mit dem ganz speziellen Wiener Charme meistens im Kaffeehaus statt. Ohne zu grüßen fragt der Kellner, der in Wien respektvoll Herr Ober genannt werden möchte, mit griesgrämiger Miene, was man möchte. Die Antwort kann nur falsch ausfallen, vor allem wenn man mit den Wiener Kaffeehausspezialitäten – wie Melange, kleiner Brauner oder Einspänner – nicht vertraut ist.

Egal wie sehr sich die Wienbesucher auch bemühen, der Herr Ober wird ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit zu verstehen geben, dass sie auf ganzer Linie versagt haben. Menschen aus Nationen, in denen zurückhaltende Freundlichkeit und Höflichkeit als Bürgerpflicht gelten, sind nicht selten schockiert. "Wir wollten doch nur einen Kaffee bestellen", meinten Freunde aus Portugal – es handelt sich um außerordentlich liebe und zurückhaltende Menschen – jüngst verschreckt. Der werte Herr Ober des Wiener Traditions-Kaffeehauses hätte sie erst ungeduldig angeschnauzt und sei dann unverrichteter Dinge abgerauscht. Gut möglich, dass er ihnen noch ein beherztes "Schleicht’s Euch!" hinterhergerufen hat.

Auch meine Anfänge in Wien waren von harten Konfrontationen mit dem speziellen Wiener Grant geprägt: Es war mein erster Frühling in Wien, und ich verbrachte einen sonnigen Samstagnachmittag im Stadtpark – einer der vielen wunderschönen Wiener Grünoasen. Ruhige Stimmung, Menschen auf Picknickdecken, irgendjemand spielte leise Gitarre. "Sie deppertes Oaschloch, Sie!", kreischt plötzlich eine elegant gekleidete Dame mit Hund einen ebenfalls distinguiert wirkenden Herren, ebenfalls mit Hund, an.

So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt – in keiner anderen Stadt der Welt: Der plötzliche Ausbruch der Wut, das laute Anschnauzen und – vielleicht am verblüffendsten – das Nebeneinander des derben Fluchs und des formvollendeten Siezens. Die anderen Parkbesucher zeigten sich unbeeindruckt. Mein erstes Resümee: Die öffentliche Beleidigung schien hier irgendwie normal zu sein.

Szenen wie diese sollten sich in meinem neuen Wiener Alltag noch oft wiederholen: unterwegs auf Wiens Straßen, in Wiens Ämtern und – deutlich gehäuft – in der Straßenbahn, die in Wien Bim heißt. Nirgendwo sonst eskaliert der latent brodelnde Grant so schnell in unverhohlenen Hass.

Persönlich scheinen das die Wiener nicht zu nehmen, und zu viel Bedeutung sollte man dieser Angewohnheit nicht beimessen. Gerti zum Beispiel wurde nach unserem cholerischen Start eine sehr liebe und zuvorkommende Nachbarin, die mich auch heute noch anruft und meine Tochter mit Geschenken überhäuft. Es ist eben scheu und versteckt sich hinter einer rauen Schale – das vielbesungene "goldene Wiener Herz."

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Autor: Saskia Blatakes für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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