Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Thomas Winkelbauer

Was war "Österreich" vor 1918?

Mit dem Namen "Österreich" konnte zwischen dem frühen Mittelalter und dem 20. Jahrhundert je nach Epoche und Kontext Unterschiedliches bezeichnet werden.[1]

Ostarrichi, Austria, Österreich

Erstmals urkundlich belegt ist der Begriff in einem geografischen Sinn für einen Landstrich im heutigen Bundesland Niederösterreich im letzten Jahrzehnt des 10. Jahrhunderts. Die Bayern nannten nach dem 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld unter dem ostfränkisch-deutschen König Otto I. errungenen Sieg über die Ungarn, in dessen Folge Teile des 907 an die Magyaren verlorengegangenen Gebietes des Herzogtums Bayern an der Donau östlich der Enns zurückerobert werden konnten, den östlichsten Bereich ihres Herrschaftsgebietes anscheinend "Ostarrichi". Vielleicht haben sie aber auch "bereits im 9. Jahrhundert, als im Osten ihres eigentlichen Stammlandes neue politische Bereiche organisiert wurden, diese Gegenden [unter Einschluss Karantaniens und der späteren Steiermark] als die Ostlande, d.h. als Ostarrichi, bezeichnet".[2] Als diese Gebiete im Laufe des 10. Jahrhunderts, insbesondere durch die Schaffung des Herzogtums Kärnten im Jahr 976, "ein eigenes politisches Profil erlangten, mag sich der Begriff Ostarrichi für die Bayern auf das Gebiet an der Donau reduziert haben".[3]

Zu Beginn der 970er Jahre wurde im Donauabschnitt zwischen den Flüssen Enns und Traisen (im Wesentlichen im Alpenvorland, also südlich der Donau) die bayerische beziehungsweise ottonische "Mark an der Donau" eingerichtet und bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts allmählich nach Osten, Norden und Süden vergrößert. In einer Urkunde Kaiser Ottos III. für das bayerische Hochstift Freising vom 1. November 996 wurde der Freisinger Bischofskirche die Schenkung eines Hofes (curtis) in Neuhofen an der Ybbs (in der Nähe von Amstetten im heutigen südwestlichen Niederösterreich) und von 30 – wohl erst zu kultivierenden – Königshufen (rund 1000 Hektar) verbrieft. Zur Lagebestimmung der Schenkung bedient sich die Urkunde der Formulierung "in der Gegend (in regione), die in der Volkssprache (vulgari vocabulo) Ostarrichi heißt, in der Mark und in der Grafschaft (in marcha et in comitatu) des Grafen Heinrich, des Sohnes des Markgrafen Luitpold (Leopold)".[4] "Ostarrichi" bezeichnete zunächst also nicht ein "Reich" im Sinne eines mehr oder weniger selbstständigen Herrschaftsgebietes, sondern bloß eine nicht genau abgegrenzte Gegend (regio). In einer weiteren, zwei Jahre jüngeren Urkunde Ottos III. wird vom geschenkten Gut gesagt, es liege im Gau (in pago) Ostarriche. Das Ostarrichi beziehungsweise Ostarriche von 996 und 998 war offenbar nicht identisch mit der babenbergischen Mark (marcha): Die regio beziehungsweise der pagus namens Ostarrichi liegt in der marcha des Grafen Heinrich (gestorben 1018), des Sohnes von Markgraf Luitpold, des Stammvaters der Babenberger, der von 976 bis 994 bezeugt ist. Es handelt sich dabei aber nicht um die Mark selbst.[5]

Die politische Sprache des ausgehenden 10. Jahrhunderts verfügte anscheinend noch nicht über einen Namen für die bayerische Mark an der Donau.[6] Erst im Laufe des 11. Jahrhunderts wurde der Begriff "Ostarrichi" von einer aus der Perspektive des bayerischen Zentralraumes gewählten Fremdbezeichnung eines Landstrichs "zur Bezeichnung des Herrschaftsbereiches der Babenberger insgesamt (…). Aus der Benennung von außen entwickelte er sich auch zu einer Selbstaussage der Österreicher."[7] Allmählich wurde aus einem unsicheren und dünnbesiedelten Grenzland eine historische Landschaft.[8] Die "Ostarrichi-Urkunde" von 996 ist also gewiss nicht, wie man manchmal lesen kann, die "Geburtsurkunde Österreichs", sondern allenfalls dessen "Taufschein".[9]

1156 wurde "Österreich", die bayerische Mark an der Donau, von Kaiser Friedrich I. Barbarossa – unter hier nicht zu erörternden politischen Umständen – vom Herzogtum Bayern losgelöst und zu einem selbstständigen Herzogtum erhoben. In der diese Erhebung dokumentierenden, nur abschriftlich überlieferten Urkunde ("Privilegium minus") bezeugte der Kaiser, dass er die Mark "Austria" in ein Herzogtum verwandelt habe (marchiam Austrie in ducatum commutavimus).[10] Urkundlich erstmals 1147 belegt, setzte sich "Austria" als lateinischer Landesname Österreichs um die Mitte des 12. Jahrhunderts allgemein durch und wurde im Laufe des hohen und späten Mittelalters auch zur italienischen, spanischen und englischen Benennung Österreichs.

Während der 270-jährigen Herrschaft der Markgrafen und Herzöge aus dem Geschlecht der Babenberger (von 976 bis 1246) wurde Österreich nicht nur zu einem Herzogtum, sondern auch zu einem Land, das heißt, mit den klassischen Worten des österreichischen Historikers Otto Brunner, "eine Rechts- und Friedensgemeinschaft (…), die durch ein bestimmtes Landrecht geeint ist" und deren Träger "das Landvolk" ist, "die Landleute, die den politischen Verband des Landes bilden".[11] Ausgehend von den über Grund- und Untertanenbesitz verfügenden adeligen Landleuten entwickelten auch andere Bewohner des Landes ein Landesbewusstsein als Österreicher.[12] Spätestens seit 1230 repräsentierte das Landeswappen des rot-weiß-roten Bindenschildes die rechtliche und politische Einheit des Landes Österreich. Im Übrigen wird das Vorhandensein eines ausgeprägten Landesbewusstseins – insbesondere, aber nicht nur bei den weltlichen und geistlichen Mitgliedern der Landstände, die, einer vielzitierten Formulierung Otto Brunners zufolge, das Land nicht etwa "vertreten", sondern "sind"[13] – zu Recht als untrügliches Zeichen für den Abschluss der Landwerdung angesehen.[14]

Fußnoten

1.
Vgl. v.a. Erich Zöllner, Der Österreichbegriff. Formen und Wandlungen in der Geschichte, Wien 1988; Richard G. Plaschka/Gerald Stourzh/Jan Paul Niederkorn (Hrsg.), Was heißt Österreich? Inhalt und Umfang des Österreichbegriffs vom 10. Jahrhundert bis heute, Wien 1995. Der vorliegende Beitrag ist eine stark überarbeitete, sowohl wesentlich gekürzte als auch um eine Reihe von Passagen erweiterte und mit Anmerkungen versehene Fassung von: Thomas Winkelbauer, Einleitung: Was heißt "Österreich" und "österreichische Geschichte"?, in: ders. (Hrsg.), Geschichte Österreichs, Stuttgart 20183, S. 15–31. Die Anmerkungen beschränken sich auf den Nachweis von Zitaten und Hinweise auf grundlegende weiterführende Literatur.
2.
Josef Riedmann, Der "Taufschein" Österreichs. Die Ostarrichi-Urkunde vom 1. November 996, in: Hermann J.W. Kuprian (Hrsg.), Ostarrichi – Österreich. 1000 Jahre – 1000 Welten. Innsbrucker Historikergespräche 1996, Innsbruck–Wien 1997, S. 19–38, hier S. 33.
3.
Ebd.
4.
Edition des lateinischen Originals: Monumenta Germaniae historica, Diplomata, Bd. 2/2: Die Urkunden Otto des III. (bearbeitet von Theodor von Sickel), Hannover 1893, Nr. 232, S. 647. Vgl. Heide Dienst, Ostarrîchi – oriens – Austria: Probleme "österreichischer" Identität im Hochmittelalter, in: Plaschka/Stourzh/Niederkorn (Anm. 1), S. 35–50; Riedmann (Anm. 2). Die "Ostarrichi-Urkunde" wird heute als Urkunde Nr. 14 des Bestandes Hochstift Freising im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München verwahrt.
5.
Vgl. Riedmann (Anm. 2), S. 29. Auch die Mark an der Donau war zunächst keineswegs ein "durchorganisierter, mit Kompetenzen versehener Amtssprengel auf einer bestimmten, flächenmäßig umschriebenen Basis". Vielmehr war die Markgrafschaft "dort, wo der Markgraf war, sich gerade aufhielt und seine königliche Funktion erfüllte". Georg Scheibelreiter, Ostarrichi – Das Werden einer historischen Landschaft, in: Wilhelm Brauneder/Lothar Höbelt (Hrsg.), Sacrum Imperium. Das Reich und Österreich 996–1806, Wien 1995, S. 9–70, hier S. 39.
6.
Vgl. Christian Lackner, Die Länder und das Reich (907–1278), in: Winkelbauer (Anm. 1), S. 63–109, hier S. 70.
7.
Riedmann (Anm. 2), S. 34.
8.
Vgl. Scheibelreiter (Anm. 5), S. 59.
9.
Vgl. u.a. ebd., passim; Gernot Heiss, "Eine Kette von Begebenheiten" – 996/1996, in: ders./Konrad Paul Liessmann (Hrsg.), Das Millennium. Essays zu tausend Jahren Österreich, Wien 1996, S. 9–27.
10.
Zit. nach Heinrich Appelt, Privilegium minus. Das staufische Kaisertum und die Babenberger in Österreich, Wien–Köln–Graz 1973, S. 96. Vgl. auch Peter Schmid (Hrsg.), Die Geburt Österreichs: 850 Jahre Privilegium minus, Regensburg 2007.
11.
Otto Brunner, Land und Herrschaft. Grundfragen der territorialen Verfassungsgeschichte Österreichs im Mittelalter, Darmstadt 19655 (1939), S. 235.
12.
"Das Landrecht besaß zentrale Bedeutung für das Landesbewußtsein, hatte in diesem seinen eigentlichen Kristallisationskern. Landeszugehörigkeit definierte sich über das Bekenntnis zum Landrecht." Christian Lackner, Das Haus Österreich und seine Länder im Spätmittelalter. Dynastische Integration und regionale Identitäten, in: Werner Maleczek (Hrsg.), Fragen der politischen Integration im mittelalterlichen Europa, Ostfildern 2005, S. 273–301, hier S. 295.
13.
Brunner (Anm. 11), S. 423.
14.
Das Landesbewusstsein war geradezu eine Voraussetzung dafür, dass "das mit dem Personenverband [der Landherren] identische Land ‚funktioniert‘. Für jeden Landherrn, der das Landtaiding aufsuchte, um an der Rechtsprechung oder an den Beratungen über Landesangelegenheiten teilzunehmen, war [das] Land nicht eine abstrakte Vorstellung, sondern die lebendige Realität einer Rechtsgenossenschaft." Winfried Stelzer, Landesbewußtsein in den habsburgischen Ländern östlich des Arlbergs bis zum frühen 15. Jahrhundert, in: Matthias Werner (Hrsg.), Spätmittelalterliches Landesbewußtsein in Deutschland, Ostfildern 2005, S. 157–222, hier S. 165.
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