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5.9.2003 | Von:
Sabine Riedel

Der Islam als Faktor in der internationalen Politik

Handelt es sich bei dem Islam um eine "kriegerische und theokratische Religion"? Ein kritischer Diskurs.

I. Problemstellung

Mit den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 rückte ein Thema ins Zentrum der Weltöffentlichkeit, nämlich die Bedrohung der westlichen Zivilisation durch islamistische Gewalt.[1] In einer Rede am 20. September 2001 vor dem Kongress der Vereinigten Staaten traf US-Präsident George W. Bush folgende Einschätzung zum Netzwerk der al-Qa'ida: "Diese Gruppe und ihr Führer - eine Person namens Osama Bin Laden - werden mit vielen anderen Organisationen in verschiedenen Ländern in Verbindung gebracht, einschließlich des Ägyptischen-Islamischen Dschihad und der Islamischen Bewegung Usbekistans. Es gibt Tausende dieser Terroristen in mehr als 60 Ländern. Sie werden in ihren eigenen Ländern und Nachbarschaften rekrutiert und in Lager wie beispielsweise in Afghanistan gebracht, wo sie in der Taktik des Terrors ausgebildet werden."[2]




Auch wenn keine Regierung der islamischen Welt konkret der Unterstützung terroristischer Gruppen beschuldigt wird, so enthält dieses Zitat dennoch eine ganz wesentliche Kernaussage: Mit der unterschwelligen These, dass alle 57 Mitgliedstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) für eine potentielle Mittäterschaft islamistischer Gewalt in Betracht kämen, wird ein für die westliche Welt und die internationale Politik äußerst relevantes Bedrohungsszenario begründet. Es tradiert und belebt das jahrhundertealte westliche Bild vom Islam als "einer eroberungslustigen, kriegerischen und theokratischen Religion"[3]. Mit dieser Einschätzung steht der französische Islamwissenschaftler Alexandre del Valle nicht allein, sondern befindet sich in einem Kreis anerkannter Orientalisten und Politikwissenschaftler. So behauptet Bernard Lewis, Mitherausgeber der Encyklopedia of Islam, dass sich im Islam die Frage nach der Trennung von Kirche und Staat nie stellte, weil dazu einfach die theoretische und historische Basis fehlten.[4] Er prägte den Ausdruck "Kampf der Kulturen", der den amerikanischen Politologen Samuel Huntington zu seinem gleichnamigen Buch inspirierte.[5] Darin verlängert er Lewis' Einschätzung zu der generalisierenden Aussage, dass im Gegensatz zur universalistisch angelegten westlichen Kultur andere Kulturkreise die Trennung von Kirche und Staat ablehnten: "Im Islam ist Gott der Kaiser; in China und Japan ist der Kaiser Gott; in der Orthodoxie ist Gott des Kaisers Juniorpartner."[6] Deshalb stünden in der islamischen Welt die religiösen Werte denen des säkularen westlichen Kulturkreises prinzipiell ablehnend bis feindlich gegenüber.[7]

Diese Kernthese zieht sich ebenso in Deutschland wie ein roter Faden durch die aktuellen Debatten um den Islam und dessen Verhältnis zur Gewalt. Nicht nur in den Frankfurter Heften wiederholt sich die Aussage, "im Machtbereich des Islam" habe es "keine der europäischen Reformation, Aufklärung und Säkularisierung vergleichbare Modernisierung" gegeben.[8] Namhafte deutsche Islamwissenschaftler bieten hierfür die Vorlagen und sprechen wie z.B. Tilman Nagel von einer "islamischen Verknüpfung von Glaube und Staat", so dass Säkularisierungsprozesse nur jüdisch-christlichen Gesellschaften vorbehalten blieben.[9]

Diese Liste ließe sich beliebig erweitern, die unabhängig von sachlich fundierten Einwänden diese Säkularisierungsthese täglich aufs Neue reproduzieren und damit unser Verhältnis zur islamischen Welt so folgenreich prägen. Angesichts des Beharrungsvermögens solcher Stereotypen drängt sich ein Verdacht auf: Könnte es sein, dass diese These eines modernisierungsfeindlichen und antiwestlichen Islam letztlich mehr über die religiös begründeten Bedrohungsängste westlicher Gesellschaften aussagt als über den Orient selbst? Entwickelt eine solche Bedrohungsperzeption nicht erst den Faktor Religion zum Instrument von Politik? Soll sie gar die Außenpolitik säkularer Staaten gewissermaßen religiös legitimieren? Eine von Gott verliehene Macht müsste sich keinem Pluralismus von Mächten und deren internationaler Ordnung beugen.

Wenn dieser Beitrag den Islam als Faktor in der internatonalen Politik näher untersuchen möchte, so sind insgesamt zwei Ebenen zu berücksichtigen: Zum einen ist dies die Ebene der staatlichen Akteure, d.h. die traditionelle Ebene der internationalen Politik. Hier interessiert uns die Frage, wie sich in den politischen Systemen der islamischen Welt das Verhältnis von Staat und Religion gestaltet. Ist es tatsächlich so, dass an ihnen der Modernisierungsprozess vorbeigegangen ist und sie überwiegend islamistische Systeme darstellen? Auf der zweiten Ebene haben wir dann nichtstaatliche oder gar private Akteure, die einen immer größeren Einfluss auf die Entwicklung der internationalen Beziehungen nehmen. Hierzu gehören sowohl islamische Stiftungen und Parteien wie auch islamistische Akteure, zu denen auch terroristische Gruppen gehören, wie z.B. die al-Qa'ida des Osama Bin Laden. Hier stellt sich die Frage als Herausforderung an die internationale Politik: Wie groß ist die Reichweite dieser Netzwerke? Von wem werden sie unterstützt und finanziert?


Fußnoten

1.
Dieser Beitrag beruht auf einem Vortrag, der am 4. 12. 2002 in der Universität Magdeburg im Rahmen eines Habilitationsverfahrens an der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften im Fach Politikwissenschaft gehalten wurde.
2.
Vgl. Rede des amerikanischen Präsidenten George W. Bush vor einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses am 20. 9. 2001, in Washington, DC (Auszüge), in: Internationale Politik, 56 (2001) 12, S. 101 (www.dgap.org/IP/ip0112/).
3.
Vgl. Alexandre del Valle, Der Islam ist kriegerisch. Auch der Westen hat seine Reform verhindert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. 11. 2001, S. 11.
4.
Vgl. Bernard Lewis, Kaiser und Kalifen. Christentum und Islam im Ringen um Macht und Vorherrschaft, München 1996, S. 312 (vgl. die Originalausgabe: Islam and the West, New York 1993).
5.
Vgl. Samuel P. Huntington, Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996, S. 341 (vgl. die Originalausgabe: The Clash of Civilizations, New York 1996).
6.
Ebd., S. 100.
7.
Vgl. ebd., S. 340.
8.
Johannes Kandel, Muslime im säkularen Staat, in: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, (2001) 5, S. 273.
9.
Tilman Nagel, Die Heilsbotschaft als Machtpolitik. Die islamische Verknüpfung von Glaube und Staat, in: Neue Zürcher Zeitung vom 2./3. 3. 2002, S. 49.