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Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Oliver Rathkolb

Der lange Schatten der 8er Jahre. Kritische Geschichtsbetrachtung und Demokratiebewusstsein - Essay

1938 – Seismograf für die Opferdoktrin und eine kritische Geschichtspolitik gegenüber Nationalsozialismus und Holocaust

Das Jahr 1938 und der nachfolgende nationalsozialistische Terror im Zweiten Weltkrieg und Holocaust sind inzwischen bereits nicht nur europäische, sondern internationale Erinnerungsorte geworden. Bereits 2008 wurde nicht nur an den "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland erinnert, sondern auch an die Kollaboration zahlreicher ÖsterreicherInnen. Gerade 2018 sollten wir weiter an der notwendigen Dekonstruktion der selbstverliebten "Opferdoktrin" arbeiten – durch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den Novemberpogromen am 9./10. November 1938 an Juden und Jüdinnen, bei denen es zahlreiche österreichische TäterInnen und viele ZuschauerInnen gegeben hat.

Umfragen aus 2017 belegen aber, dass es durchaus – trotz gestiegenem selbstkritischen Geschichtsbewusstsein zur Kollaboration mit den Nationalsozialisten – eine Tendenz zum "Schlussstrich" gibt: 40 Prozent der Befragten äußern sich dahingehend, dass Diskussionen über den Zweiten Weltkrieg und Holocaust beendet werden sollten.[12]

1945 wurden nur teilweise die "Lehren aus der Geschichte" gezogen, wobei die beiden großen Parteien ein gemeinsames Ziel hatten: die Wiederherstellung der Souveränität eines demokratischen Österreichs und die Loslösung von Deutschland. Die externen Zwänge des Wiederaufbaus, die alliierte Administration und der beginnende Kalte Krieg überwanden die durchaus bestehenden ideologischen Gräben und Konfliktzonen. Der Bürgerkrieg des Februar 1934 wurde nach 1945 durch einen "Burgfrieden" neutralisiert, aber nicht aufgearbeitet. Der Mythos der gemeinsamen "Lagerstraße", das heißt das gemeinsame Erleben ehemaliger politischer Gegner von Verfolgung, Haft und Folter in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, sollte einen Schlussstrich unter die umkämpfte Vergangenheit und die Gewalt in der Politik der Ersten Republik ziehen, während gleichzeitig die "Opferdoktrin" die Kollaboration von ÖsterreicherInnen in der nationalsozialistischen Vernichtungs- und Expansionsmaschinerie auf wenige TäterInnen reduzieren wollte. 2018 ist hoffentlich kein Platz mehr für derartige Geschichtsverfälschungen.

Fußnoten

12.
Siehe http://www.sora.at/nc/news-presse/news/news-einzelansicht/news/schon-43-fuer-starken-mann-776.html«.
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Autor: Oliver Rathkolb für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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