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Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Oliver Rathkolb

Der lange Schatten der 8er Jahre. Kritische Geschichtsbetrachtung und Demokratiebewusstsein - Essay

Sonderfall 1968

Die Ereignisse des Jahres 1968 – "Prager Frühling" und seine Niederschlagung sowie die Studentenproteste – bilden in Österreich zunehmend zwei getrennte Erinnerungsorte. 2018 wird ausführlicher als zuvor über die 1968er-Bewegung berichtet, wohingegen der Erinnerungsort der Zerschlagung des "Prager Frühlings" aufgrund des Endes des Kalten Krieges und des Generationenwechsels etwas an Bedeutung abnimmt. Nichtsdestotrotz dominiert er weiterhin die kollektive und mediale Auseinandersetzung in Österreich.

Niederschlagung des Prager Frühlings
Der Fokus auf die Ereignisse im Nachbarland, die mit der militärischen Intervention der Sowjetunion und Verbündeter des Warschauer Paktes endeten, hängt damit zusammen, dass die Bedeutung der österreichischen Neutralität als geopolitisch nützliches Modell betont und diese wichtige Identitätsmetapher verstärkt werden kann. 2008 ist eine interessante Zusatzvariante in den medialen Inszenierungen dazu gekommen – die am Rande aber immer vorhanden war –, nämlich die starke prowestliche und massiv antikommunistische Parteinahme österreichischer Medien, obwohl oft übersehen wird, dass das Dubček-Regime letztlich nur einen anderen Kommunismus umsetzen, aber keineswegs eine westliche pluralistische Demokratie mit Mehrparteiensystem etablieren wollte.

Betont wird aber letztlich, dass Österreich damals wie 1956 bei der ungarischen Revolution als Asyltransitland funktionierte und damit seinen Neutralitätsstatus in der Krise erfüllte. Bis zum 17. September 1968 wurden in 93.653 Fällen für tschechoslowakische Staatsbürger, die vorerst in Österreich die Entwicklung der Situation abwarten wollten, Quartier und Verpflegung zur Verfügung gestellt. In diesem Zeitraum stellten aber nur 1355 Personen Asylanträge. Bis 1970 blieben 160.000 Tschechen und Slowaken nur für kurze Zeit in Österreich, nur rund 10.000 stellten Asylanträge, und nur 600 wurden eingebürgert.

1968er-Bewegung
Während in vielen westeuropäischen Gesellschaften bei 1968er Jahrestagen immer die Studentenbewegung 1968 und der Sturm auf die autoritären Strukturen betont wird – so in Frankreich oder in der Bundesrepublik Deutschland – spielte dies lange in Österreich keine Rolle, obwohl "1968" natürlich auch ein Teil der demokratischen Entwicklung in der Zeit nach 1945 in Westeuropa war. Typisch für die Situation in Österreich ist, dass die "68er-Revolution", wie dies der Historiker Fritz Keller treffend formuliert hat, im universitären-studentischen Umfeld höchstens eine "heiße Viertelstunde" gewesen ist.

Zwar gab es bereits im Jänner 1968 Versuche, die deutsche und französische studentische Debatte an der Universität Wien mit ersten Diskussionen über die autoritären und rückschrittlichen Strukturen an österreichischen Universitäten mit deutschen und österreichischen Professoren und Studenten aufzunehmen. Tenor der damaligen Berichterstattung war: "Universität: Wie im Mittelalter! Deutsche Professoren sind über Verhältnisse an Österreichs Hochschulen entsetzt. Erschütternder Eindruck von dem reaktionären Geist, von der Missachtung der demokratischen Grundprinzipien".

Doch derartige Kontroversen wurden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und führten zu keinen kurzfristigen Strukturänderungen. Selbst Demonstrationen wie bei einem Vortrag eines Diplomaten des autoritären griechischen Regimes lassen sich in deren Wirken mit dem Bonmot eines Pedells gegenüber dem damaligen Rektor Fritz Schwind zusammenfassen: "Magnifizenz, im Audi Max is’ a Wirbel" (12. März 1968), der sich seinerseits auf einem Ball im Großen Festsaal der Universität Wien befand und nicht wirklich irritiert zeigte.

Heftige negative öffentliche Meinungsmache und massive polizeiliche und gerichtliche Verfolgung folgte aber der "Aktion Kunst und Revolution" von Otto Muehl, Günter Brus, Oswald Wiener und anderen am 7. Juni 1968 im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes. Die AktionistInnen versuchten, Bewusstsein für die autoritären gesellschaftlichen Zustände zu schaffen und vor allem öffentliche Reaktionen zu initiieren, was durch zahlreiche Tabubrüche erfolgen sollte. Selbst der "linke" "Express" jagte "Österreichs Kulturrevoluzzer" und die konservative Tageszeitung "Die Presse" beklagte "dass hunderte Studenten hier wohlgefällig zusehen und nicht zumindest weggesehen haben". Die linken Studentenfunktionäre fürchteten, dass durch diese Diskussion endgültig Studentenproteste wie in Frankreich oder der Bundesrepublik Deutschland in Österreich nicht Nachahmung finden konnten – und sie sollten Recht behalten. Typisch für die andere 1968er-Bewegung in Österreich ist, dass sie nicht nur von "Linken", sondern auch von ÖVP-nahen StudentInnen und jungen NachwuchspolitikerInnen aus dem Cartellverband (CV) getragen wurden und dass kleinere Universitäten wie Graz oder Salzburg eine wichtige Rolle bei Strukturänderungsdebatten spielten.

Die großen demokratiepolitischen Reformprojekte in den Universitäten – Drittelparitäten und Entscheidungsmöglichkeiten für StudentInnen und MittelbauvertreterInnen gleichberechtigt mit ProfessorInnen –, in der Justiz und im Sozialbereich erfolgten erst im Laufe der 1970er Jahre. Kanzler Bruno Kreisky kanalisierte den gesellschaftlichen Druck nach mehr gesellschaftlicher Öffnung geschickt und setzte ihn in konkrete Reformmaßnahmen um. "Wer die Demokratie stabilisieren will, muss sie in Bewegung halten", ist ein typisches von Kreisky verwendetes Zitat aus dieser Zeit.[13] Immer wieder thematisierte er diese Vision, die die gesamte Gesellschaft umfassen sollte: "Durchflutung aller gesellschaftlichen Bereiche mit Ideen der Demokratie". Hier steht er wie Willy Brandt in der Bundesrepublik Deutschland mit seiner Devise "Mehr Demokratie wagen" in einem Diskurs, der radikale Konzepte der 1968er-Bewegung politisch kanalisieren, aber die Jugend stärker in die politische Kommunikation einbinden sollte.

Die Reformen nahmen der 1968er-Bewegung letztlich den gesellschaftlichen Druck und verhinderten eine mögliche militante Radikalisierung wie in der Bundesrepublik Deutschland (mit der RAF) oder in Italien (Rote Brigaden). Viele damals aufgeworfene Themen wie extreme Gewalt und Zwang gegen Jugendliche in Kinderheimen wurden aber erst nach 2010 politisch ernsthaft institutionell diskutiert und führten zu finanziellen Entschädigungen.

2018 wird zunehmend ausführlicher über das österreichische "Mailüfterl" 1968 berichtet. Eine jüngere Generation von JournalistInnen versucht hier, an westeuropäische Erinnerungsdebatten anzuschließen. Im Vergleich zu Deutschland spielt die 1968er Bewegung im öffentlichen Diskurs aber nach wie vor eher eine marginale und Elitenrolle.

Fußnoten

13.
Das Zitat stammt ursprünglich von dem liberalen französischen Politiker Édouard Herriot: "On ne stabilise une démocratie que par le mouvement".
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Autor: Oliver Rathkolb für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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