Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Rudolf de Cillia
Ruth Wodak

Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identitäten 1995–2015

Zentrale Annahmen

Wir gehen davon aus, dass Nationen mentale Konstrukte sind, "vorgestellte Gemeinschaften" im Sinne Benedict Andersons,[6] repräsentiert als souveräne und begrenzte politische Einheiten. Weiter, dass nationale Identitäten diskursiv produziert, reproduziert, aber auch transformiert und demontiert werden. Dabei ist unter "nationaler Identität" ein im Zuge der "nationalen" (schulischen, politischen, medialen, sportlichen, alltagspraktischen) Sozialisation internalisierter Komplex von gemeinsamen und ähnlichen Vorstellungen beziehungsweise Wahrnehmungsschemata, von gemeinsamen und ähnlichen emotionalen Einstellungen und Haltungen und von gemeinsamen und ähnlichen Verhaltensdispositionen zu verstehen.

Die gemeinsamen und ähnlichen Vorstellungen betreffen in unserem Fall bestimmte Inhalte nationaler Identität, aber auch andere nationale "Sie-Gruppen". Die gemeinsamen und ähnlichen emotionalen Einstellungen und Haltungen beziehen sich auf die jeweilige, willkürlich definierte "In-group" einerseits und auf die jeweiligen – immer wieder wechselnden – "Out-groups" andererseits. Zu den Verhaltensdispositionen zählen sowohl Dispositionen zur Solidarisierung mit der "Wir-Gruppe" als auch die Bereitschaft zur Ausgrenzung der "Anderen".

Außerdem ist davon auszugehen, dass in den diskursiven Konstruktionen nationaler Identität/en vor allem die nationale Einzigartigkeit (Singularität) und innernationale Gleichheit (Homogenität) betont, innernationale Differenzen dagegen großteils ausgeblendet werden. Damit wird eine größtmögliche Differenz zu anderen Nationen entworfen. Mitglieder einer Nation setzen sich über diese Betonung der Differenz besonders von jenen Nationen ab, die der eigenen besonders ähnlich sind (eine These, die sich mit Sigmund Freud als "Narzissmus der kleinen Differenzen" auf den Punkt bringen lässt) – also beispielsweise ÖsterreicherInnen von ihren deutschen Nachbarn.

Besonders betonen wollen wir, dass es die eine nationale Identität nicht gibt, sondern vielmehr werden je nach Öffentlichkeit, Setting und Thema unterschiedliche Identitäten angesprochen und damit relevant. Nationale Identitäten werden also als variabel, dynamisch, brüchig und ambivalent begriffen. Zwischen den von den politischen, ökonomischen Eliten sowie den Medien angebotenen Identitätsentwürfen und den "Alltagsdiskursen" besteht eine wechselseitige Beeinflussung. Aus diesem Grund untersuchen unsere Studien verschiedene Korpora von Texten aus dem öffentlichen, halböffentlichen und quasiprivaten Bereich.

Fußnoten

6.
Vgl. Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts, Frankfurt/M.–New York 1988.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Rudolf de Cillia, Ruth Wodak für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.