Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Rudolf de Cillia
Ruth Wodak

Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identitäten 1995–2015

Korpora, Instrumentarium und Dimensionen der Analyse

Unsere Analysemethoden wurden zunächst 1995 im Wechselspiel zwischen einer eingehenden theoretischen Auseinandersetzung mit der Literatur und einer pilotmäßigen Analyse des Datenmaterials in einem abduktiven Verfahren entwickelt, in qualitativen Fallstudien angewandt[7] und dann 2005 und 2015 entsprechend den neuen technischen Möglichkeiten weiterentwickelt (1995 waren beispielsweise korpuslinguistische Verfahren noch nicht möglich). Die Tabelle fasst alle Daten zusammen, die analysiert wurden, wobei die Gruppendiskussionen (GD) und Interviews den halböffentlichen Diskurs, die anderen schriftlichen, mündlichen und multimodalen Texte den öffentlichen, also den medialen und politischen, Diskurs repräsentieren.

Daten 1995, 2005, 2015 (© Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien)

In der systematischen Textanalyse unterscheiden wir drei Ebenen: Inhalte der nationalen Identität, diskursive Strategien der Argumentation und sprachliche Realisierungsformen, wobei nur die Inhalte spezifisch für den Diskurs zu nationalen Identitäten sind. Die Inhalte der nationalen Identität setzen sich aus fünf Dimensionen zusammen: die Imagination eines/einer "homo/femina nationalis" (eines/einer "typischen" Vertreters/in einer Nation); die Narration einer gemeinsamen politischen Geschichte ("Ursprungsmythos"); die sprachliche Konstruktion einer gemeinsamen Gegenwart und Zukunft; die sprachliche Konstruktion eines "nationalen Körpers"; die sprachliche Konstruktion einer gemeinsamen Kultur.

Die zweite Analyseebene betrifft die Strategien der Argumentation. Darunter verstehen wir mehr oder weniger automatisierte oder aber bewusste, auf den verschiedenen Ebenen der mentalen Organisation angesiedelte, mehr oder weniger elaborierte Handlungspläne. Diese können angesichts der unterschiedlichen Entstehungs- und Äußerungsbedingungen der erfassten Dokumente unterschiedliche Grade an Intention und Finalität aufweisen. Das folgende Beispiel illustriert, wie eine "innernationale Gleichheit oder Ähnlichkeit" imaginiert wird: 2006 verglich eine Seniorin in einer Gruppendiskussion stereotyp die ÖsterreicherInnen mit anderen typischen VertreterInnen von Nationen, indem sie Erfahrungen aus ihrem Berufsleben resümierte: "…und da hab ich trotzdem gefunden, dass wir Österreicher, ah:, wir san schnell wie die Italiener, gscheit wie die Sch(weizer)/ ah, akkurat, wie die Deutschen: damals waren, u:nd/ also eher überall das Positive würd ich hervor(kehren)." (GD 2006)

Die dritte Dimension betrifft die sprachlichen Realisierungsmittel und Realisierungsformen, wobei wir in den Analysen jene rhetorischen Muster, lexikalischen Elemente und syntaktischen Mittel fokussieren, die Einheit, Gleichheit, Differenz, Einzigartigkeit, Kontinuität, Autonomie und Heteronomie realisieren. Hier seien nur zwei Beispiele angeführt: Im Diskurs über nationale Identitäten kommt dem Pronomen "wir" und den entsprechenden Possessiva eine zentrale Bedeutung zu. Ein derartiges "nationales Wir" kann entweder nur die heutigen österreichischen StaatsbürgerInnen umfassen, wie in folgendem Beispiel: "Immer klarer erkennen wir Österreicher heute wieder unseren Platz im Zentrum Europas. Aus einer Randlage sind wir in die Mitte gerückt. … Das bedeutet auch Hineinwachsen in die gemeinsame Heimat Europa, ohne dass uns dabei die Heimat Österreich verloren gehen darf." (Bundeskanzler Schüssel, Rede anlässlich des Staatsvertragsjubiläums am 15. Mai 2005). Oder das "Wir" kann "historisch expandiert" sein, wie in folgendem Beispiel, in dem es neben den lebenden ÖsterreicherInnen auch noch verstorbene inkludiert: "(…) unsere beiden Kriege, wos ma verloren hobm" (GD 1995, der Sprecher ist nach 1945 geboren).

Eine wichtige Funktion erfüllen darüber hinaus rhetorische Figuren, wie die Personifikation, die der abstrakten Entität "Nation" eine menschliche Gestalt gibt und dadurch zu einer emotionalen Identifikation einlädt: "Das Drama dieses sechsjährigen Krieges und das Trauma des nationalsozialistischen Terrorregimes werfen aber düstere Schatten auf die Wiege dieser rotweißroten Wiedergeburt, aber das Kind lebt. Inmitten von Ruinen, Not, Hunger und Verzweiflung lebt dieses kleine, neue Österreich, weil an diesem Tag alle nach vorne schauen." (Bundeskanzler Schüssel, Rede am 27. April 2005)

Darüber hinaus kann eine solche Personifikation eine nativistische "Bodypolitik" anzeigen, also ein Verständnis von Nation als "Volkskörper" und einem durchaus anachronistischen Volksbegriff; solche Umdefinitionen finden sich 2015 vermehrt in renationalisierenden Diskursen rechtspopulistischer und national-konservativer Parteien.

Fußnoten

7.
Vgl. Wodak et al. (Anm. 2).
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