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20.8.2003 | Von:
Manfred Pohl

Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Japans

Jugendphänomene als Symptome gesellschaftlicher Umbrüche

Die neunziger Jahre waren gekennzeichnet durch Versuche der politischen Klasse, die traditionellen Defizite der politischen Kultur Japans zu beseitigen. Die einzelnen Defizite lassen sich in der folgenden Liste zusammenfassen, wobei ein Teil der Mängel auf bewusst ausgeblendete bzw. geduldete Degenerationserscheinungen eines jahrzehntelangen Herrschaftsmonopols nur einer Partei (LDP) zurückzuführen ist:

- Erstarrung in der politischen Klasse;

- Politikverdrossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung, besonders unter Jugendlichen;

- Reformunfähigkeit der großen Unternehmen und Verbände;

- Überalterung der Gesellschaft;

- Orientierungslosigkeit der Jugend;

- Strukturelle Arbeitslosigkeit.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auch nur näherungsweise diese Probleme und damit zusammenhängend die gesellschaftlichen Veränderungen Japans - Umbrüche gar - im Einzelnen auszuleuchten. Hier sollen nur drei Phänomene der modernen japanischen Gesellschaft Erwähnung finden, die in den letzten Jahren als Symptome gesellschaftlicher Umbrüche ausgemacht werden konnten: Neben der (hier nur genannten) zunehmenden Überalterung[16] sind es die "frei driftenden Arbeitskräfte" (freetâ) ohne feste Zukunftsperspektive, die ohne feste Bindung zusammenlebenden Doppelverdiener ohne Kinder (dinks: "Double income, no kids") und die "parasitären Singles" (parasaito shinguru), die den japanischen Behörden wachsende Kopfschmerzen bereiten.

Der Begriff freetâ ist ein Kunstwort aus "free" (englisch) und baitâ (deutsch: von arubaitâ = Arbeiter). Damit werden meist junge Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen bezeichnet, die kurz nach dem Schulabschluss nicht so recht wissen, welchen Lebensweg sie einschlagen sollen, die aber sicher sind, nicht auf eine Universität zu wollen. Sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch und "driften" in der Disco-Szene und/oder im japanischen "underground". Das japanische Erziehungsministerium ist so besorgt über diese Entwicklung, dass es eine eigene Abteilung gegründet hat, die in den Oberschulen des Landes Karriereinformation betreibt, um den Schülerinnen und Schülern Orientierungshilfen zu geben.[17]

Ein weiteres Phänomen erkennbarer gesellschaftlicher Veränderung (gemessen an "traditionellen" Werten) ist das Aufkommen von so genannten dinks, jungen Paaren, die ohne feste (d.h. administrative) Bindung zusammenleben, wie dies schon länger aus den USA und Europa bekannt ist. Besonders in den Großstädten Japans ist diese Lebensform verbreitet und trägt auch dazu bei, die Kluft zwischen bäuerlichen, traditionellen Lebensweisen und großstädtischen Lebensformen zu vertiefen: Der Bruch verläuft jetzt nicht mehr nurzwischen unterschiedlichen wirtschaftlichen Existenzbedingungen, sondern auch zwischen Wertvorstellungen und Generationsunterschieden - zunehmend vergreisende dörfliche Gesellschaften gegen jüngere städtische Generationen.

Die "parasitären Singles" sind "junge Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren, die auch als Erwachsene noch bei ihren Eltern leben und ein sorgenfreies Leben als Singles genießen". Entgegen der Auffassung des japanischen Wortschöpfers[18] gibt es dieses Phänomen auch z.B. in Deutschland und in Italien ("Hotel Mamma"), aber in Japan ist es rein quantitativ stärker ausgeprägt und die jungen Leute sind hier materiell weit besser gestellt als ihre europäischen Altersgenossen. Es wird geschätzt, dass 1995 bereits mindestens zehn Millionen junge Frauen und Männer dieser Gruppe zuzurechnen waren, 2000 überstieg die Zahl bereits zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Die "parasitären Singles" verfügen in der Regel über ein hohes persönliches verfügbares Einkommen, können sich kostspielige Reisen und den Kauf von Konsumgütern aus dem höchsten Segment leisten. Die Eltern haben den wirtschaftlichen Erfolg Japans nach dem Krieg begründet bzw. fortgeführt, ihre Kindergeneration vermeidet die exorbitant hohen Wohnungs- und Grundstückskosten, verfügt dadurch über hohe Einkünfte (die für eine Wohnung o. ä. nicht ausreichen würden) und genießt zu einem hohen Prozentsatz den täglichen Luxus, den die japanische Gesellschaft bietet. Die Gründung einer Familie würde sie jener Vorteile berauben, die ein Leben bei den Eltern bietet - mit der Folge, dass die japanische Geburtenrate stetig sinkt.[19]

Es gibt aber auch eine andere, weit schwerer wiegende Begründung dafür, dass junge Menschen nach der Ausbildung auch weiter bei ihren Eltern wohnen: die wachsende Jugendarbeitslosigkeit. Seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ist diese Rate steil angestiegen und liegt seit 1999 bei unverändert zehn Prozent für junge Menschen unter 25 Jahren und übersteigt damit deutlich die Rate z.B. in den USA.[20]


Fußnoten

16.
Die Wachstumsrate der japanischen Bevölkerung ist kontinuierlich rückläufig: 1950 bis 1955 lag der Zuwachs bei 0,9 bis 1,5 Prozent, zwischen 1995 und 2000 war sie auf de facto null Prozent gesunken, für 2020 bis 2025 ist mit einem Minuswachstum von - 0,6 Prozent zu rechnen. Vgl. FAZ vom 14. 6. 2002.
17.
Vgl. JSPS (Japan Society for the Promotion of Science), Newsletter, (Herbst 2002) 46, S. 4.
18.
Vgl. Masahiro Yamada, The Growing Crop of Spoiled Singles, in: Japan Echo, (2000) 6, S. 49.
19.
Vgl. ebd.
20.
Vl. Yuji Genda, Don't Blame the Unmarried Singles, in: ebd., S. 54ff.