Die Installation "House of Cards" der deutsch-israelischen Künstlergruppe "OGE Creative Group"

31.8.2018 | Von:
Siegfried Schieder

Wo sind sie geblieben?

Zur heutigen Relevanz der Theorien der internationalen Beziehungen

Der Politikwissenschaftlicher Daniel Drezner warf 2016 in einem Meinungsbeitrag für die "Washington Post" eine Frage auf, die von VertreterInnen der politikwissenschaftlichen Teildisziplin der Internationalen Beziehungen (IB) immer häufiger gestellt wird: "Where have all the big international relations theories gone?"[1] Es ist in der Tat bemerkenswert, dass die großen IB-Theoriedebatten inzwischen aus den Fachzeitschriften und Konferenzprogrammen verschwunden sind. 2014 ergab die TRIP-Umfrage (Teaching, Research and International Policy), dass der Anteil nichtparadigmatischer Forschung innerhalb der IB von 30 Prozent 1980 auf über 50 Prozent 2014 angestiegen ist.[2] Zwar wurden in den vergangenen Jahren bei der International Studies Association, der größten internationalen Standesorganisation für die Beschäftigung mit internationaler Politik, eine Theoriesektion neu eingerichtet und Journals wie "International Theory" gegründet. Dennoch ist eine der meist gehörten Klagen, "dass die IB gar keine großen theoretischen Debatten mehr haben" und sich nur noch im "Klein-Klein der jeweiligen Analysemodelle" verlieren.[3]

Dabei zeichneten sich gerade die IB lange Zeit durch die Abfolge "großer Debatten" aus.[4] In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erschütterten im Wettbewerb über das beste Erklärungsmodell für das Weltgeschehen regelrechte "Paradigmenkriege" die Teildisziplin. Und nach dem Ende des Ost-West-Konflikts überschlugen sich von Francis Fukuyamas Verkündung des "Endes der Geschichte" bis hin zu Samuel Huntingtons Gegenthese vom "Kampf der Kulturen" eine Reihe spekulativer Theorien darüber, wie sich die Welt künftig politisch entwickeln würde. Zwar hat, wie auch Drezner beschreibt, das neue Jahrtausend mit "9/11", der Rückkehr Chinas auf die Weltbühne oder dem "democratic rollback"[5] und dem Vormarsch von Autokraten ähnliche Einschnitte und Umbrüche mit sich gebracht wie frühere Dekaden. Aber um theoretische Ansätze zur Erklärung dieser Entwicklungen ist es ruhiger geworden.

Nun könnte es sein, dass dies Teil eines größeren Trends in den Sozialwissenschaften ist, im Zuge dessen Theorien und Ideen an Bedeutung verlieren oder durch Daten ersetzt werden. Chris Anderson, ehemaliger Chefredakteur des "Wired"-Magazins, hat angesichts der Datenrevolution schon vor Jahren das "Ende der Theorie" ausgerufen: "Vergesst Taxonomie, Ontologie und Psychologie! Wer weiß schon, warum Menschen sich so und nicht anders verhalten? Wenn wir nur genug Daten haben, sprechen sie für sich selbst."[6] Doch so einfach ist es nicht, denn Forschungen belegen, dass die Nachfrage nach theoretischen Ideen im Bereich der Außenpolitik eher zunimmt.[7]

Während also die Abkehr von den großen theoretischen Entwürfen von vielen VertreterInnen des Fachs als positive Entwicklung gepriesen wird – die theoretische Grundierung habe ohnehin nur die Praxisferne der Zunft befördert[8] –, sehen andere das Ende der Großtheorien in den IB mit Sorge und möchten ihm durch mehr und bessere Theoriebildung entgegenwirken.[9] Einig ist sich die IB-Zunft zumindest darin, dass der Markt an Theorien der internationalen Politik im 21. Jahrhundert wenig Neues zu bieten hat. In diesem Beitrag gehe ich deshalb der Frage nach, warum die großen Theorien scheinbar an Bedeutung verloren haben, bevor ich mögliche Strategien zur Revitalisierung der IB-Theorien exemplarisch mit Blick auf die Nahost- und Golfregion skizziere. Zunächst gilt es jedoch, ganz allgemein die Notwendigkeit und Nützlichkeit von Theorien zu vergegenwärtigen.

Fußnoten

1.
Daniel Drezner, Where Have all the Big International Relations Theories Gone?, 14.9.2016, http://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2016/09/14/where-have-all-the-big-international-relations-theories-gone«.
2.
Vgl. auch Thomas Risse/Wiebke Wemheuer-Vogelaar, IB in Deutschland, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 2/2016, S. 144–172.
3.
Christopher Daase/Nicole Deitelhoff, Editorial, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 1/2016, S. 1ff., hier S. 1.
4.
Vgl. Ole Wæver, Still a Discipline after All These Debates? in: Tim Dunne et al. (Hrsg.), International Relations Theories: Discipline and Diversity, Oxford 20102, S. 297–318.
5.
Larry Diamond, Democratic Rollback: The Resurgence of the Predatory State, in: Foreign Affairs 2/2008, S. 36–48.
6.
Chris Anderson, The End of Theory, 23.6.2008, http://www.wired.com/2008/06/pb-theory«.
7.
Vgl. Daniel Drezner, The Ideas Industry, Oxford 2017.
8.
Vgl. David A. Lake, Why "Isms" Are Evil, in: International Studies Quarterly 2/2011, S. 465–480.
9.
Vgl. John J. Mearsheimer/Stephen M. Walt, Leaving Theory Behind: Why Simplistic Hypothesis Testing Is Bad for International Relations, in: European Journal of International Relations 3/2013, S. 427–457.
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Autor: Siegfried Schieder für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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