Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Souad Mekhennet

Die Geschichten der Anderen - Essay

Die Wunden der Freiheit sind in Europa allgegenwärtig: im Musikklub Bataclan, in der Redaktion von "Charlie Hebdo", auf dem Strandboulevard von Nizza und dem Berliner Breitscheidplatz, in den U-Bahn-Tunneln von Brüssel, London und Madrid, in Bautzen, Hoyerswerda und Mölln, auf der norwegischen Insel Utöya, im Olympia-Einkaufszentrum in München und an vielen anderen Orten.

Menschen wurden getötet, weil sie anders waren als die, die über sie richteten. Europa hat sich an diesen Orten verändert. Nicht nur, weil unzähligen Menschen unbeschreibliches Leid zugefügt worden ist. Sondern auch, weil neben den sichtbaren Verwundungen entsetzliche Vernarbungen entstanden sind. Ich spreche von Wunden der Freiheit, die sich in der Tiefe entzünden; von Wunden, die den Eiter des Misstrauens, des Hasses und der Zerstörung absondern, der sich in das Projekt Europa ätzt. Die blinde Wut der Verletzten begegnet mir bei meinen journalistischen Recherchen genauso wie das Gefühl der Ohnmacht der Überlebenden: Eltern, die sich fragen, warum ausgerechnet ihre Kinder getötet wurden. Mütter und Väter, für die eine Welt zusammenbricht, weil ihre Tochter oder ihr Sohn zum Mörder wurde.

Die Wunden der Freiheit sind stumme Zeugen eines Wundbrands, der in Europa den Extremisten einen Nährboden bietet. Der politische Ton wird rauer, und Worte der Versöhnung müssen vielerorts nationalistischem Machtkalkül weichen. Und doch: Es gibt sie, die Stimmen derer, die sich nicht vereinnahmen lassen. Viel zu selten erinnern wir uns an die Geschichten der Menschen, die nicht in nationalen, kulturellen und religiösen Grenzen denken. Menschen wie Ahmed Merabet, Lassana Bathily und "Sonia".

Der Polizist Ahmed Merabet starb, um die Freiheit seiner französischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu schützen, als er in der Nachbarschaft des Redaktionsgebäudes von "Charlie Hebdo" patrouillierte. Dass er Muslim war, interessierte die Attentäter nicht. Sie schossen ihm gezielt in den Kopf, als er bereits verletzt auf dem Boden lag. Er wurde 42 Jahre alt.

Der Supermarktmitarbeiter Lassana Bathily versteckte mehrere Kunden des jüdischen Supermarktes "Hyper Cacher" in Paris in einem Kühlraum, um sie vor der Geiselnahme durch einen Terroristen zu schützen. Er war damals 24 Jahre alt, muslimischer Flüchtling aus Mali und sagte: "Ich habe keine Juden versteckt, ich habe Menschen versteckt."

Einer Frau, die wir Journalisten Sonia nannten, um ihre Identität zu schützen, ist es zu verdanken, dass es 2015 nicht zu noch mehr Anschlägen in Europa kam. Sie riskierte ihr Leben, als sie die Polizei darüber informierte, dass sie einen der Drahtzieher der IS-Attentate von Paris kannte, und sein Versteck verriet. Auch sie ist Muslima.

Die Stimmen der Freiheit hat es in Europa immer schon gegeben – auch in anderen schwierigen Zeiten. Eine dieser Stimmen war Juda Löb Baruch. Er verlor wegen seiner jüdischen Abstammung seinen Arbeitsplatz als Aktuar bei der Frankfurter Polizei in einer Zeit, als zwar über die "bürgerliche Verbesserung der Juden" diskutiert wurde, sie aber weiter vielfach diskriminiert waren, etwa durch Ausschluss aus dem höheren Staatsdienst. Juda Löb Baruch beschloss daraufhin, seinen Namen in Carl Ludwig Börne zu ändern. Er wollte nicht mehr, dass sein Geburtsname zu eindeutig seine Religionszugehörigkeit zeigte und ihm bei seinen publizistischen Tätigkeiten schaden könnte.

Um seine jüdische Herkunft völlig zu verschleiern, ließ er sich evangelisch taufen. Er emigrierte zwölf Jahre später nach Paris, wo er nicht mehr der Jude aus der Judengasse war, und berichtete als größter Auslandskorrespondent der deutschen Literatur über Europas Umbrüche. Von der deutschen Bundesversammlung als "Demagoge" politisch verfolgt, befand sich Börne zeit seines Lebens meist auf der Flucht vor Repressalien. Er kämpfte gegen den Obrigkeitsstaat und für demokratische Verfassungen in Europa, die dem Einzelnen Freiheit und Gleichheit garantieren. Doch er scheiterte, und auch die Revolution von 1848, elf Jahre nach seinem Tod, blieb weit hinter seinen Zielen und Visionen zurück. Von Roman Herzog stammt eine Bemerkung, die er als Bundespräsident vor zwanzig Jahren hier mit Blick auf die Geburtsfehler der "Paulskirchen-Verfassung" machte: "Eine halbe Freiheit ist zu wenig. Auch den, der zu kurz greift, bestraft das Leben."