Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Mathias Berek
Kirsten Heinsohn

Vom Erfolg ins Abseits? Jüdische Geschichte als Geschichte der "Anderen"

Im Folgenden werden die Einladung und zwei Inputs im Rahmen eines Gesprächs nachgedruckt, das am 21. September 2016 im Begleitprogramm des Historikertags am Institut für die Geschichte der deutschen Juden Hamburg in Kooperation mit der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts in Deutschland stattfand. Das gesamte Gespräch ist dokumentiert in Ausgabe 11/2017 der Zeitschrift "Medaon. Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung".

Trotz Forschungs-Boom, zahlreicher Lehrstühle und Institutionen befindet sich jüdische Geschichte weiter in der Nische. Ihre Perspektiven werden häufig nur unzureichend für übergreifende Fragen herangezogen und bleiben damit im geschichtswissenschaftlichen Mainstream oft unberücksichtigt. Zugleich besteht die Tendenz, sie eher den Spezialstudien zuzurechnen, in die Judaistik und Jüdischen Studien zu verweisen und interdisziplinär ausgerichteten Institutionen zu überlassen. Mit diesem Nischendasein ist sie nicht allein. "History from the Margins" scheint weiterhin an den "Margins of History" zu verbleiben, denn ähnliches gilt für viele Gruppen von "Anderen": von unterprivilegierten Klassen über Frauen bis zu rassistisch Diskriminierten – aber auch für nicht-europäische Länder und Regionen. Es mangelt häufig noch an einer wirklichen Verschränkung der Perspektiven, welche den "vielen Geschichten" gerecht wird und damit der Gefahr entgegenwirkt, den Blick auf die "eine Geschichte" zu verengen. All diese "anderen" Perspektiven jenseits des Mehrheitsblicks sind Teil einer allgemeinen Geschichte und fördern gerade wegen ihres "Anders"-Seins das Verständnis historischer Prozesse. Daher ist es zwingend erforderlich, sie auch als Teil allgemeiner Geschichte sichtbar zu machen. Im Gespräch soll diskutiert werden, wie wir Geschichtswissenschaft betreiben können, ohne historische Ausgrenzungsprozesse erneut zu vollziehen. Wie ist es möglich, Geschichte zu erforschen und zu schreiben, die das "Allgemeine", Mächtige und Erfolgreiche ebenso umfasst wie das "Andere", Unterdrückte und Gescheiterte?

Jüdische Geschichte und allgemeine Geschichte

Mathias Berek

Auch dieser Historikertag ist ein Beleg für die Präsenz und den Erfolg jüdischer Geschichtsschreibung. Es gibt drei Sektionen zu direkt jüdischen Themen, mindestens drei weitere mit indirektem oder teilweisem Bezug.

Kann also wirklich die Rede von einer Nische sein? Oder ist das nicht Jammern auf hohem Niveau? Schaut man allein auf die genannte Zahl, ist es mindestens nicht ganz unproblematisch zu behaupten, die deutsch-jüdische Geschichte befinde sich in einer Nische, sei unterbelichtet, unterrepräsentiert etc. Aber: der rein quantitative Anteil ist natürlich nur ein Teil-Aspekt des Phänomens. Das tiefer gehende Problem steckt in der Frage, ob für die deutsch-jüdische Geschichte von einer wirklichen inhaltlichen Integration in die Geschichtswissenschaft gesprochen werden kann. Um auf die Einladung zurückzukommen: Werden jüdische Perspektiven ausreichend für übergreifende Fragen herangezogen? Sind sie eine selbstverständliche Referenzebene für den geschichtswissenschaftlichen Diskurs? Gibt es eine wirkliche Verschränkung der Perspektiven, welche den many histories gerecht wird und damit der Gefahr entgegenwirkt, den Blick auf die single story (Adichie) zu verengen? Ich tendiere zur Verneinung dieser Fragen.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob allgemeine Geschichte überhaupt etwas anderes sein kann als eine abstrakte Kategorie, welche gar nicht anhand einer bestimmten Empirie konkretisiert werden kann, ohne sofort wieder exkludierende Verengungen vorzunehmen. Zwar steht es in den heutigen Geschichtswissenschaften außer Zweifel, dass sie aus jeweils konkret-historischen Verhältnissen heraus arbeiten und daher konkret-historische Interpretationsmuster und Fragen an ihre Gegenstände herantragen. Auch bekommt die jüdische Geschichte in allgemeinen Darstellungen inzwischen fast immer ein Teilkapitel. Doch es besteht weiter die Gefahr von Verallgemeinerungen und expliziten wie impliziten Normierungen, also Anpassungen an Normalvorstellungen, die den historischen Verhältnissen nicht gerecht werden. Am klarsten wird das bei der immer noch virulenten sprachlichen und inhaltlichen Trennung von "deutsch" und "jüdisch". Diese Trennung ist – wie jede Vereinheitlichung und Vereinfachung dieser Art – aber nachträglich und gewaltsam hergestellt.

Das lässt sich vielleicht am besten an der zweiten Hälfe des 19. Jahrhunderts zeigen. Ohne jüdisches Mitwirken sind die spezifisch modernen Phänomene und Probleme der deutsch werdenden Gesellschaft jener Jahrzehnte vor und nach der Reichsgründung gar nicht zu verstehen: Änderung der Rolle und der Formen von Religion, demographischer Wandel, Konjunkturen des Liberalismus, Fortschrittsoptimismus und Bildungsideal der Aufklärung, Glaube an sozialen Aufstieg und die Macht der Ökonomie, blindes Vertrauen in Staat und Nation, Wechsel von der Honoratioren-Politik zu Parteien und Massen-Bewegungen. Für (hier: bürgerliche) Juden wie Nicht-Juden stellten sich weitgehend dieselben Probleme, wurden dieselben Lösungen verhandelt, auch wenn manche der Phänomene für Juden etwas früher oder stärker relevant gewesen sein mögen. Vielfach wurden die Probleme aber auch gemeinsam bearbeitet, zum Beispiel in der nationalliberalen Bewegung und den daraus entstandenen Parteien. Allerdings: vor dem Hintergrund der eigenen Emanzipationsgeschichte und der endlich erreichbar scheinenden vollen Gleichberechtigung ist es kaum zufällig, dass sich jüdische Stimmen eher in jenen politischen und intellektuellen Strömungen finden, die eine pluralistische Ausformung von Gesellschaft und Nation verfolgten.

Ab Ende der 1870er Jahre verloren aber der pluralistische Idealismus und die entsprechende Variante des Liberalismus an Zuspruch. Ökonomische Krise nach dem Boom, Bismarcks Abwendung von den Liberalen und der Rechtsruck nach den Attentaten auf den Kaiser gelten als die wichtigsten Hintergründe. Das Ideal der Mannigfaltigkeit von Gesellschaft jedenfalls wurde von der Mehrheit verworfen. Für den christlichen Teil der Liberalen war das verschmerzbar, für die betroffenen Juden nicht, denn die zunehmende Vereinheitlichung betraf zuvörderst sie als Juden. Diese Vereinheitlichung und Entpluralisierung radikalisierte sich immer weiter, letztlich wurde im Sinne eines Vergessen-Machens sogar der jüdische Anteil aus der Geschichte herausgeschrieben. Nach der konsequenten Fortführung dieses Prozesses in der physischen Vernichtung, der Shoah, ist heute die Selbstverständlichkeit jüdischer Präsenz in Deutschland, wie sie sich 1871 eingestellt hatte, bei weitem noch nicht wieder erreicht. Wer das bezweifelt, frage sich, warum vor jeder Synagoge und jüdischen Einrichtung auch im Jahr 2016 Polizei zum Schutz abgestellt werden muss.

Von dieser Entwicklung ist nicht nur das deutsche Judentum betroffen, vielleicht aber war es das als erstes. Seine Besonderheit besteht unter anderem darin, dass deutsche Jüdinnen und Juden, anders als Sozialdemokraten und Frauen, enthusiastisch am nationalen Projekt teilnahmen und teilnehmen durften.

Der anfangs erwähnte Erfolg der deutsch-jüdischen Geschichte als Disziplin liegt wohl darin, dass sie schon länger präsent und verbreiteter ist als die etwa die Geschichte von anderen marginalisierten Gruppen. Dadurch bietet sie der Geschichtsschreibung anderer Gruppen das besondere Potenzial, aus ihren Erfahrungen lernen zu können und bekannte Fehlentwicklungen zu vermeiden. Gleichzeitig ermöglicht sie den geschärften Blick auf die Gegenwart, wo heute, hier und weltweit weiterhin oder wieder versucht wird, Gesellschaft gewaltsam zu homogenisieren – hin zu einem Zustand vermeintlicher Reinheit, der nie existiert hat.