Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Sebastian Lotto-Kusche

Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin in Deutschland. Herausforderungen für die Forschung am Beispiel der Minderheit der Sinti und Roma

Der 2018 verstorbene Historiker Reinhard Rürup eröffnete 1984 den deutschen Historikertag in Berlin mit einem kurzen Vortrag, der mit dem Titel "Integration und Identität. Minderheiten und Minderheitspolitik in der neueren Geschichte" überschrieben war.[1] Rürup leitete seinen Vortrag mit den Worten ein: "Der Begriff der ‚Minderheit‘ weist heutzutage eine sehr geringe Trennschärfe auf; (…) so daß jede irgendwie benachteiligte Sozialgruppe (…) als Minderheit bezeichnet wird."[2] Damit formulierte einer der wichtigsten Nachkriegshistoriker Deutschlands, der bereits in den 1960er Jahren mit Veröffentlichungen zur Geschichte der Juden in Deutschland hervorgetreten war,[3] eine grundlegende Skepsis bezüglich des Begriffs "Minderheit". Rürup bezog den Einwand der Beliebigkeit auf die Minderheitenzuschreibung im öffentlichen Diskurs, nachfolgend breitete er eine Palette an zu bearbeitenden Themen aus, die bis heute nicht ansatzweise in Gänze Eingang in die Forschung gefunden haben. Im wissenschaftlichen Programm des Historikertags tauchten Minderheiten bezeichnenderweise dann auch nur in zwei Sektionen auf und dies nur am Rande.[4]

Die Historikerin Stefi Jersch-Wenzel griff den Gedanken Rürups auf und hielt anlässlich der Mitgliederversammlung der Historischen Kommission zu Berlin im Februar 1985 einen Vortrag mit dem Titel: "Der ‚mindere Status‘ als historisches Problem – Überlegungen zur vergleichenden Minderheitenforschung". Darin führte sie in die verschiedenen Definitions- und Abgrenzungsprobleme der Minderheitengeschichte ein. Jersch-Wenzel beklagte etwa analog Rürup, dass der Minderheitenstatus nicht quantitativ, sondern qualitativ diskutiert werde, was dazu geführt habe, dass eine historische Erforschung kaum stattgefunden habe. Sie gab auch eine interessante Warnung wieder, die ihr vermeintlich zugetane KritikerInnen mit auf den Weg gegeben hatten, wenn sie sich mit Minderheitenforschung beschäftigen sollte. Sie solle mit ihrer Forschung nicht versuchen, "die Welt aus dem Tautropfen" zu erklären.[5] Solchen skeptischen Einwänden und Warnungen begegnen Forschende, die sich mit Minderheitengeschichte befassen, auch heute noch häufig. Die wissenschaftliche Methodik ist heute indes breiter aufgestellt als Mitte der 1980er Jahre.

Frühe Forschungen etwa zu den Deutschen in Osteuropa standen über Jahrzehnte hinweg unter dem Verdacht der politisch gesetzten Zielrichtung eines Grenz-Revanchismus, weshalb das Thema Flucht und Vertreibung von Minderheiten für viele HistorikerInnen per se für Forschungsprojekte nicht infrage kam.[6] Auch ansonsten zeigte sich eine deutsche Sonderentwicklung in der historischen Forschungslandschaft. Britische Studien zur Minderheitengeschichte wiesen bereits sehr früh eine erstaunliche thematische Breite und Tiefe an historischer Forschung auf. Bereits in den 1990er Jahren erschienen in Großbritannien akteursbezogene Studien, in denen etwa der Konstruktionscharakter von Fremdzuschreibungen untersucht und die Verbundenheit von Inklusions- und Exklusionsprozessen demonstriert wurde.[7].

In der Bundesrepublik haben sich vor allem andere Disziplinen, wie die Soziologie, das Völkerrecht oder die Erziehungswissenschaft, mit Minderheiten aus historischer Perspektive beschäftigt.[8] Zwar verdichteten sich seit den 1990er Jahren Forschungen zur jüdischen Minderheit und zu den "Gastarbeitern" – auch in regionalen Kontexten wurde und wird zum Verhältnis von Minderheit und Mehrheit, auch unter zeitgeschichtlicher Perspektive, intensiv geforscht[9] –, von einer etablierten historischen Minderheitenforschung kann in Deutschland allerdings keine Rede sein. Hier weichen aktuelle Einführungen zur historischen Migrationsforschung einer tief greifenden Beschäftigung mit dem Konzept "Minderheiten" aus.[10] Wie lässt es sich erklären, dass der Begriff nicht aufgegriffen und problematisiert wird?

Fußnoten

1.
Vgl. Reinhard Rürup, Integration und Identität. Minderheiten und Minderheitenpolitik in der neueren Geschichte, in: Verband der Historiker Deutschlands (Hrsg.), Bericht über die 35. Versammlung deutscher Historiker in Berlin. 03. Oktober bis 07. Oktober 1984, Stuttgart 1985, S. 36–37.
2.
Ebd., S. 36.
3.
Vgl. Reinhard Rürup, Die Judenemanzipation in Baden, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 1966, S. 241–300.
4.
Vgl. Verband der Historiker Deutschlands (Anm. 1), S. 193, S. 242.
5.
Vgl. Stefi Jersch-Wenzel, Der "mindere Status" als historisches Problem. Überlegungen zur vergleichenden Minderheitenforschung, Informationen der Historischen Kommission zu Berlin, Beiheft 6, Berlin 1986, S. 1.
6.
Vgl. Rainer Ohliger, Menschenrechtsverletzung oder Migration? Zum historischen Ort von Flucht und Vertreibung der Deutschen nach 1945, in: Zeithistorische Forschungen 2/2005, S. 429–438.
7.
Vgl. Christhard Hoffmann, Einwanderung, Ethnizität, "Rassismus". Konzepte der Migrations- und Minderheitengeschichte am Beispiel Großbritanniens, in: Historische Zeitschrift 2/1998, S. 671–685, hier insb. S. 684f.
8.
Vgl. Christoph Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk, Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1992; Dirk Jasper/Ferdinande Knabe/Marianne Krüger-Potratz, "Fremdsprachige Volksteile" und deutsche Schule. Schulpolitik für die Kinder der autochthonen Minderheiten in der Weimarer Republik – ein Quellen- und Arbeitsbuch, Münster u.a. 1998; Jessica Heun, Minderheitenschutz der Roma in der Europäischen Union. Unter besonderer Berücksichtigung der Definition der Roma als nationale Minderheit sowie der Möglichkeit positiver Maßnahmen im Rahmen von Art. 19 AEUV, Berlin 2011.
9.
Vgl. Jørgen Kühl/Robert Bohn (Hrsg.), Ein europäisches Modell? Nationale Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland 1945–2005, Bielefeld 2005; Timo Meškank, Sorben im Blick der Staatssicherheit. Die Akten des K5 und des MfS der DDR 1949–1989, Bautzen 2016; Ingo Eser, "Volk, Staat, Gott!". Die deutsche Minderheit in Polen und ihr Schulwesen 1918–1939, Wiesbaden 2010.
10.
Vgl. Sylvia Hahn, Historische Migrationsforschung, Frankfurt/M.–New York 2012; Klaus J. Bade, Historische Migrationsforschung, in: IMIS-Beiträge 2002, S. 21–44; ders., Sozialhistorische Migrationsforschung, Göttingen 2004, hier insb. S. 13–48.
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Autor: Sebastian Lotto-Kusche für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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