Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Christina von Hodenberg

Gesellschaftsgeschichtliche Perspektiven auf das westdeutsche "Achtundsechzig"

Je weiter wir uns zeitlich vom Jahr 1968 entfernen, desto größer wird der Rummel um die Jahrestage. Zum 50. Jubiläum 2018 erschienen stapelweise neue und neu aufgelegte Bücher; Presse und Fernsehen begannen schon im Dezember 2017 mit Sondersendungen und Berichten zum Thema. Damit setzt sich der Trend der vorangegangenen runden Jahrestage 1988, 1998 und 2008 fort. Immer stärker schnurrt "Achtundsechzig" auf eine Chiffre zusammen, in der ganz unterschiedliche historische Entwicklungen (wie Jugendprotest, sexuelle Revolution, Aufarbeitung der NS-Vergangenheit oder gar die Umweltbewegung) mutwillig zusammengeklammert werden und ihren Ursprungsmythos finden. Immer stärker wird in den Medien auch das Jahr 1968, und insbesondere der Mai, nach französischem Vorbild als Kernphase der Aufbruchsbewegung der 1960er Jahre erinnert. Dabei begann die Hochphase der westdeutschen Proteste schon im Juni 1967 mit der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg beim West-Berliner Schahbesuch.[1] Und obwohl auffällt, dass sich die Protestereignisse zwischen 1967 und 1969 häufen, sprechen Historiker mit guten Gründen von einer zusammenhängenden Periode des Wandels, den "langen sechziger Jahren", die für die Bundesrepublik vom letzten Drittel der 1950er Jahre bis zur Ölkrise von 1973/74 reichen.[2]

Im Jubiläumstrubel 2018 kommt hinzu, dass "Achtundsechzig" und die 68er von der neu erstarkten politischen Rechten als Feindbild aufpoliert wurden. Der stellvertretende AfD-Chef Jörg Meuthen sagte der "links-rot-grün verseuchten 68er-Denke" den Kampf an,[3] und der CSU-Politiker Alexander Dobrindt forderte eine "konservative Revolution" gegen die "linke Meinungsvorherrschaft" der 68er.[4] Die Antwort der Liberalen und Linken auf diese Herausforderung war es, umso stärker auf der inzwischen fest etablierten populären Erzählung von "Achtundsechzig" zu bestehen, nach der die junge 68er-Generation die Demokratie in Westdeutschland mit ihrer Schocktherapie von der Verkalkung des Autoritarismus gereinigt und wiederbelebt habe. Selbst wenn dies in guter Absicht geschah, die Berufung auf das heroische Narrativ – "Achtundsechzig" als Generationskonflikt und als Urknall der inneren Demokratisierung der Bundesrepublik – ist historisch zweifelhaft. Denn ein solches Bild von "Achtundsechzig" beruht auf einer methodisch einseitigen Grundlage und einer elitären Vorab-Einschränkung des herangezogenen Quellenkorpus. Eine gesellschaftsgeschichtliche Erweiterung des Blicks ist vonnöten.

Fußnoten

1.
Siehe dazu auch die Ausgabe der APuZ 5–7/2017 mit dem Schwerpunkt "1967" (Anm. d. Red.).
2.
Vgl. Christina von Hodenberg/Detlef Siegfried (Hrsg.), Wo "1968" liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik, Göttingen 2006; Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl Christian Lammers (Hrsg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000; Udo Wengst (Hrsg.), Reform und Revolte. Politischer und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik vor und nach 1968, München 2011.
3.
Rede auf dem AfD-Parteitag, 30.6.2018, youtu.be/td4TWDwfQVs, ab Minute 32:20.
4.
Alexander Dobrindt, "Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende", in: Die Welt, 4.1.2018.
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Autor: Christina von Hodenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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