APUZ Dossier Bild

28.5.2003 | Von:
Jutta Allmendinger
Stephan Leibfried

Bildungsarmut

Bildung wird in Deutschland nicht als Bestandteil der Sozialpolitik betrachtet. Ein ausgeprägter Föderalismus und eine übermächtige Sozialpolitik machen es schwer, Bildungsarmut öffentlich zu thematisieren und notwendige Reformen durchzusetzen.

Einleitung

In Deutschland gibt es zwischen (Aus-)Bildung und Sozialpolitik kaum Bezüge; bestenfalls werden Nach- und Weiterqualifizierung als den Arbeitsmarkt entlastend angesehen. Demgegenüber wurde in angelsächsischen Ländern unter social policy immer schon education und social security verstanden. Diese integrierte Sichtweise stand Pate für die angelsächsische Reform des Wohlfahrtsstaats gleich nach dem Zweiten Weltkrieg: Sie war zugleich massiv Bildungsreform.[1] In den USA hatte sich zudem schon im 19. Jahrhundert das Bildungswesen weit stärker und als eine Art Sozialstaatsersatz entwickelt.[2] Das wirkt sich noch heute in der Bildungspolitik als Standortvorteil aus. In Deutschland (und Frankreich) werden beide Bereiche ressortgebunden getrennt, und die Sozialreform wurde seit 1955 zunächst vorrangig auf den so genannten "Trichter" der Rentenreform[3] verengt, wobei eine nachholende Bildungsreform später - seit den siebziger Jahren - unabhängig von der Sozialpolitik einsetzte. Bis Mitte der neunziger Jahre war materielle "Armut" zudem selbst in der amtlichen Sozialpolitik des Bundes tabu, wie die deutsche Haltung zu den Armutsprogrammen der EG über Jahrzehnte gezeigt hat: "Es gibt keine Armut in Deutschland."



Erst in jüngerer Zeit wurde versucht, Bildungs- und Sozialpolitik zusammen zu sehen, allerdings eher erfolglos.[4] Das entspricht den heutigen Wahrnehmungsmustern der "sozialen Frage".




Wir nennen zunächst die Ausgangspunkte der Verflechtung von Bildungs- und Sozialpolitik, um danach entsprechende Standards für eine systematische nationale Berichterstattung zu skizzieren. Zwei Definitionsgrundlagen von Bildungsarmut werden verglichen: Bildungszertifikate, also Prüfungsnachweise, und Bildungskompetenzen. Um die Verteilung von Kompetenzarmut und -reichtum geht es in einem internationalen Vergleich: Es lassen sich "vier Welten" der "Kompetenzproduktion" unterscheiden. Wir schließen mit perspektivischen Betrachtungen zur deutschen Bildungspolitik nach Erscheinen der internationalen Schülerleistungsstudie PISA über die Grundkompetenzen 15-Jähriger.


Fußnoten

1.
Vgl. T. H. Marshall, Staatsbürgerrechte und soziale Klassen, in: ders., Bürgerrechte und soziale Klassen. Zur Soziologie des Wohlfahrtsstaates Frankfurt/M. 1991, S. 33 - 94 (zuerst 1950; 1949 A. Marshall Lecture, Cambridge) - den englischen Klassiker der Sozialpolitikforschung zur Zeit des Beveridge-Plans.
2.
Vgl. A. J. Heidenheimer, Education and Social Security Entitlements in Europe and America, in: P. Flora/A. J. Heidenheimer (Hrsg.), The Development of Welfare States in Europe and America, New Brunswick, NJ - London 1981, S. 269 - 306.
3.
Vgl. H.G. Hockerts, Sozialpolitische Reformbestrebungen in der frühen Bundesrepublik - Zur Sozialreform-Diskussion und Rentengesetzgebung 1953 - 1957, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, (1977) 25 S. 341 - 372.
4.
Vgl. J. Allmendinger/S. Leibfried, Bildungsarmut im Sozialstaat, in: G. Burkart/J. Wolf (Hrsg.), Lebenszeiten. Erkundungen zur Soziologie der Generationen, Opladen 2002, S. 287 - 315, hier S. 288f.; J. Allmendinger, Bildungsarmut. Zur Verschränkung von Bildungs- und Sozialpolitik, in: Soziale Welt, 50 (1999) 1, S. 35 - 50; Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bd. 2: Daten und Fakten. Materialband zum ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2001, S. 155 - 162.